Die Europäische Kommission hat vor rund einem Monat einen der bislang größten Schritte zur digitalen Unabhängigkeit der EU vollzogen: Vier europäische Unternehmenskonsortien erhalten Aufträge für souveräne Cloud-Dienste im Wert von bis zu 180 Millionen Euro über einen Zeitraum von sechs Jahren.
Die Vergabe erfolgte einer strengen Prüfung anhand von acht Souveränitätskriterien – und ist gleichzeitig Vorspiel für ein weit größeres politisches Paket, das laut Golem am 3. Juni 2026 vorgestellt werden soll.
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Vier Gewinner, ein Prinzip: Kein Monopol in der Cloud
Den damaligen Zuschlag haben Post Telecom, STACKIT, Scaleway sowie Proximus erhalten. Letztgenannter tritt dabei in einem komplexen Partnerkonstrukt an – zusammen mit S3NS (einem Joint Venture von Thales und Google Cloud), Clarence und dem KI-Anbieter Mistral.
Dass ausgerechnet Google Cloud hier als Unterauftragnehmer eines souveränen Pakets auftaucht, wird weder in der Ankündigung noch im Zeitraum danach weiter erklärt.
Die Entscheidung, gleich vier Aufträge parallel zu vergeben, ist indes kein Zufall. Das Kalkül dahinter: Wer auf vier Anbieter setzt statt auf einen, verhindert strukturelle Abhängigkeiten, bevor sie entstehen.
- Grundlage der Auswahl ist der sogenannte Rahmen für Cloud-Souveränität – dabei handelt es sich um ein Prüfschema, das acht Dimensionen von Lieferkettentransparenz und Umweltanforderungen bis zur generellen Einhaltung von EU-Recht abdeckt.
- Kernanforderung war dabei der Nachweis, dass außereuropäische Akteure nur eingeschränkten Einfluss auf die eingesetzten Systeme und erbrachten Dienste haben.
Wenn Cloud nicht genug ist
Die Cloud-Vergabe ist laut der Kommission nur ein Baustein eines großen Ganzen.
Parallel schnürt die EU das sogenannte »Paket zur technologischen Souveränität«. Gemeint sind verschiedene Rechtsakte und Strategiedokumente, die Europas digitale Infrastruktur gemeinsam auf eine eigenständigere Basis stellen sollen und Anfang Juni präsentiert werden sollen.
- Dazu gehören eine neue Open-Source-Strategie, ein strategischer Fahrplan für Digitalisierung und KI im Energiebereich sowie der »Cloud and AI Development Act« (CADA).
- Letzterer soll eine gemeinsame EU-weite Definition von Cloud- und KI-Souveränität schaffen und damit einheitliche Standards im Binnenmarkt etablieren.
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Vom Cloud-Aufhänger zum Chip-Design
Der 2023 in Kraft getretene erste »Chips Act« sollte Europas Halbleiterindustrie anschieben und einen Marktanteil von 20 Prozent am globalen Chipmarkt bis 2030 sichern.
Der Europäische Rechnungshof (ECA) ermittelte in einem Sonderbericht jedoch, dass dieses Ziel deutlich verfehlt werde: Statt 20 Prozent peilt Europa demnach nur 11,7 Prozent an. Der »Chips Act 2« setzt daher auf einen anderen Ansatz.
- Einer hochrangigen Kommissionsbeamtin zufolge, die sich gegenüber Golem äußerte, zielt die neue Strategie weniger auf die Fertigung als auf das Design ab – intern als »Fabless-Microchips-Strategie« bezeichnet.
- Dabei handelt es sich um einen Ansatz, bei dem Chips in Europa entworfen, die kostspielige Waferproduktion aber ausgelagert wird.
Als Vorbild hierfür könne (ausgerechnet) Nvidia dienen, das seine Prozessoren von TSMC in Taiwan fertigen lässt und trotzdem die strategisch wertvollste Stufe der Lieferkette kontrolliert.
Die Kommission sieht demnach »nicht unbedingt die Notwendigkeit, dass wir alles selbst fabrizieren müssen«, wie die Beamtin gegenüber Golem formulierte.
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