Die Angst geht um – damit keiner zu Schaden kommt: Wenn sich Dienstfalke am Hamburger Flughafen in die Lüfte schwingt, dann hilft er aktiv dabei, die Flugsicherheit zu verbessern.
Denn ohne ihn droht den menschengemachten Flugzeugen Ungemach. Er macht buchstäblich den Weg frei und verhindert Katastrophen.
Wächter am Himmel
Ein Start der besonderen Art erlebt der Hamburger Flughafen jeden Morgen aus dem Fenster eines Autos heraus: Falkner Herbert Boger schickt den Falken auf die Reise, nicht ab in den Urlaub, sondern um seinen Dienst rund um die Start- und Landebahnen zu verrichten.
Denn die auf dem weitläufigen Gelände in den Wiesen sitzenden Möwen, Krähen, Tauben, Bussarde und etliche weitere Arten sollen möglichst von den an- oder abfliegenden Verkehrsmaschinen fernbleiben. Der Dienstfalke als gefürchteter Jäger vertreibt sie.
Wer den Falken am Hamburger Flughafen in Aktion sehen möchte, findet einige Einblicke in seinen Alltag in dieser Doku vom NDR ab Minute 24:
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Die Hauptgefahr geht von sogenannten Vogelschlägen aus, allen voran in den Triebwerken. Dabei gerät einer oder mehrere Vögel als Teil eines Schwarms in die Turbine, wodurch nicht nur die Vögel einen grausamen Tod finden, sondern auch die Turbinen Schaden nehmen. Leistungsminderung bis zum Totalausfall der Aggregate können die Folge sein.
Vogelschläge gehören glücklicherweise nicht zum Alltag eines Piloten, doch kommen sie vor (via ICAO und Boeing):
- Pro 10.000 Flügen ist ein schwerer Vogelschlag zu erwarten, meist ist ein Triebwerk betroffen.
- Die Chance, dass beide Triebwerke zeitgleich durch Vogelschlag ausfallen, rangiert bei weit unter 1 zu 10 Milliarden Flugstunden.
- Die Wahrscheinlichkeit für tödliche Unfälle durch Vogelschlag liegt bei unter 1 zu 10 Milliarden Flugstunden
- Hamburg selbst zählt nach eigenen Angaben rund etwa 90 Vogelschläge – ein bis zwei davon mit Auswirkungen auf Luftfahrzeuge.
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Keine Lebensgefahr: Fällt ein Triebwerk von zweien aus, gefährdet das zu keinem Zeitpunkt das Flugzeug oder seine Passagiere. Der Flug wird als Folge vorzeitig enden, zum Beispiel durch Rückkehr zum Startflughafen, aber es kommt quasi nie jemand zu Schaden.
Wenn ihr mehr zu diesem vielschichtigen Thema wissen möchtet, schaut gerne in den folgenden Kasten. Dort schildern wir euch auch die Geschichte des Wunders vom Hudson
, dem jene außergewöhnliche Katastrophe eines doppelten Triebwerksausfalles durch Vogelschlag vorausging.
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Winzig, ja gar absurd hilflos im Angesicht eines Flugzeuges, muss einem jeder Vogel erscheinen. Im Kern ist das richtig: Kollidiert der Vogel, egal ob Spatz, Taube, Kranich oder Adler, mit einem Verkehrsflugzeug, ist ihm der Tod so gut wie sicher. Aber das tragische Ableben des geflügelten Lebewesens stellt nur den Auftakt einer potenziell in einer Katastrophe endenden Geschichte dar.
Geht der Aufprall an quasi allen Teilen des Flugzeuges wahrscheinlich folgen-, wenn auch nicht spurlos vorbei, bedrohen selbst kleinere Tiere die Strahltriebwerke. Die heutzutage meistens einzeln unter den Tragflächen angebrachten, rundlichen Motoren des Flugzeuges setzen in ihrem Inneren zwar enorme Energiemengen durch Verbrennung, Erhitzung und Verdichtung um, können aber eines überhaupt nicht ab: plötzliche Schläge auf die von außen gut sichtbaren Schaufeln der Fan- und Verdichter-Stufen. Sie dienen zur Beschleunigung der einströmenden Luftmassen, drehen sich mit mehreren Tausend Umdrehungen pro Minute und sind vergleichsweise dünn.
Die Kombination aus Gewicht der Vögel, Geschwindigkeit (Vogel+Flugzeug), dünnes Material und dann noch hohe Eigenumdrehung stellt ein sicheres Rezept für Schäden dar. Wie schlimm genau, hängt von vielen Faktoren ab, aber Ausfälle aufgrund von eingesaugten Vögeln nach dem Start oder bei der Landung kommen vor.
Geflügelte Hochdrucktests
Jeder Triebwerkstyp muss während der Zertifizierung Einschlagstest absolvieren. Das schreiben EASA (Europa) und FAA (USA) sowie vergleichbare Behörden vor. Hierbei werden Kadaver von Vögeln, zum Beispiel Hühner oder Gänse, mittels Hochdruckkanonen in die in Testständen fest montierten Turbinen geschossen. Nur wenn es nach dem Aufprall weiterläuft oder sicher abschaltet, ohne Bruchstücke auszustoßen, besteht es.
Es werden aufgrund ethischer Bedenken inzwischen aber auch vermehrt Gelatine-Vögel als Testmunition verwendet. Hinzu kommt, dass die Ergebnisse über lange Testreihen reproduzierbarer sein müssen.
Das Wunder vom Hudson
Der berüchtigtste und zugleich sensationellste Fall eines Vogelschlags ereignete sich am 15. Januar 2009 über New York. US-Airways-Flug 1549 durchflog rund drei Minuten nach dem Abheben einen Schwarm Gänse. Beide Triebwerke fielen augenblicklich aus, wodurch 150 Passagiere und die Crew, bestehend aus 5 Personen, an Bord ihres Airbus A320 über der Millionenmetropole in den Schwebeflug überging – das absolute Worst-Case-Szenario für ein Passagierflugzeug.
Denn die Kombination aus geringer Geschwindigkeit, in dem Fall nur 1.000 Metern Höhe und dem Höchstgewicht stellte Kapitän Chesley Sullenberger und Co-Pilot Jeffrey B. Skiles vor eine fast unlösbare Aufgabe. Sie fanden die durch Simulationen später als einzig möglich bestätigte Lösung, um das Leben aller zu retten: Sie wasserten im Fluss Hudson – eine fliegerische Meisterleistung.
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Heute steht das Wrack des Airbus A320-214 im Luftfahrtmuseum von Charlotte, USA. Hier sollte das Flugzeug auf seinem schicksalshaften Flug eigentlich landen.
Film-Tipp: Wer die Geschichte exzellent verfilmt, mit Tom Hanks in der Hauptrolle, nacherleben möchte, dem sei der 2016 erschienene Film »Sully« ans Herz gelegt. Eine klassische Doku findet ihr in Form vom obigen Video auf YouTube.
Weitere Maßnahmen zur Vogelabschreckung
Außerdem setzt der Hamburger Flughafen auf zusätzliche, sanfte Methoden. Das Ziel hinter allen ist es, die Attraktivität des Geländes um die Landebahnen für Vögel so gering wie möglich zu halten. Dazu zählen:
- Es wird seltener gemäht, damit die Gräser und Pflanzen höher wachsen. So finden die flatternden Tiere hier schwerer Nahrung und suchen die Flächen deshalb seltener auf. Denn sie schätzen Übersicht bei der Nahrungssuche.
- Die natürlich vorkommende Fuchs-Population wird erhalten und aktiv geduldet. Sie jagen Vögel am Boden und sorgen so für Unwohlsein unter den Schwärmen.
Eine Garantie zur Gefahrenabwehr durch Vogelschlag stellt all das nicht dar, vor allem da ja auch während des Steigfluges über Norddeutschland allerlei Vögel den Kurs kreuzen können. Dennoch steckt hinter den obigen Maßnahmen sowie dem Auftritt des Dienstfalken eine Kernidee: Der Hamburger Flughafen duldet nur eine Art Wesen mit Flügeln: Flugzeuge. Das dient dem Wohl aller.
Zum Glück steht den Vögeln noch genügend Platz über der Hansemetropole abseits des fliegerisch genutzten Areals zur Verfügung – und sicher gibt es schönere Plätzchen als zwischen den Carbon-Schaufeln im Mantel eines Triebwerks.
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