Es muss wie Magie gewirkt haben: Unter den Augen erstaunter Zuschauer und sogar des spanischen Königs glitt am 25. September 1906 ein Boot mit bemerkenswerter Präzision durch den Hafen von Bilbao. Acht Passagiere befanden sich mit an Bord, doch kein einziger musste auch nur einen Finger krumm machen, um das Schiff zu steuern.
Der Magier
hinter dem selbst fahrenden Boot war indes nicht an Bord. Leonardo Torres Quevedo stand auf einer Hotelterrasse im Hafen von Bilbao, auf dem Tisch vor ihm ein wuchtiger Holzkasten: Das Telekino war die erste Fernbedienung der Welt, lange bevor es Fernseher gab.
An diesem Spätsommertag in Bilbao bewies Torres Quevedo der Welt, dass der Mensch Maschinen über weite Entfernungen hinweg beherrschen kann – allein durch unsichtbare Wellen.
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Das Telekino: Die erste Fernbedienung der Welt
Der Mathematiker und Ingenieur Leonardo Torres Quevedo (1852 - 1936) war in vielerlei Hinsicht ein Visionär: Noch im 19. Jahrhundert entwickelte er noch nicht das, was später als Schachcomputer die Großmeister der Welt schlagen sollte, aber eine Maschine, die zumindest eine vereinfachte Form von Schach spielen konnte. (via Britannica.com).
Seinen Eintrag in das Register der IEEE-Meilensteine in Elektrotechnik und Informatik erhielt Torres Quevedo jedoch für etwas anderes: Das Telekino war im Sinne seines Schöpfers ein System, das in der Lage war mechanische Bewegungen aus der Ferne
auszuführen.
Eigentlich erfand Torres Quevedo dieses System im Jahr 1901 nur, um seine selbst konstruierten Luftschiffe zu testen, ohne Menschenleben in Gefahr zu bringen. Heute gilt das Telekino als Vorläufer der modernen Fernbedienung.
Zur großen Vorführung kam es dann aber wenige Jahre am Hafen von Bilbao. Und das funktionierte folgendermaßen: (via Proceedings of the IEEE)
- Der Sender: Torres Quevedo nutzte einen drahtlosen Telegrafensender, um eine Familie verschiedener Codewörter durch ein binäres Telegrafensignals, also mittels Radiowellen, zu verschicken.
- Der Empfänger: Ein Signalempfänger an Bord war in der Lage, diese Codewörter zu interpretieren und – je nach Signal – das Zielgerät in einen anderen Betriebszustand zu versetzen.
- Die Signal-Umsetzung: Im Zielgerät befand sich eine Nadel, die so ferngesteuert wurde. Sie regulierte einen von Torres Quevedo als
Servomotor
bezeichneten Mechanismus, der die eintreffenden Befehle in physische Arbeit am Schiff umsetzte. - Die Befehle: Das System war so fortschrittlich, dass es nicht nur das Ruder (links/rechts) und die Geschwindigkeit des Motors steuerte, sondern auch Lichter ein- und ausschalten oder eine Flagge hissen und senken konnte. Torres Quevedo konnte mit seinen Prototypen bis zu 19 verschiedene Aktionen ferngesteuert auslösen.
So konnte laut Google Arts & Culture am 25. September 1906 sogar der spanische König Alfonso XIII unter Anleitung von Torres Quevedo und unter den Augen der erstaunten Menge das Boot steuern.
Das Telekino ereilt ein typisches Schicksal seiner Zeit
Wie viele Pioniere ihrer Zeit scheiterte Torres Quevedo jedoch an den Umständen der Zeit:
- Abgelehnte Unterstützung: Im Februar 1906 bat Torres Quevedo den spanischen Marineminister um finanzielle Hilfe, um seine Fernsteuerung für die Marine, im Speziellen für Torpedos zur Marktreife zu bringen.
- Bürokratische Kurzsichtigkeit: Der Antrag wurde abgelehnt, da die Regierung der Meinung war, dass man in Frankreich bereits an ähnlichen Versuchen arbeite und kein weiteres Geld investieren wolle.
- Das Ende der Vision: Tief enttäuscht von dieser Entscheidung gab Torres Quevedo die Arbeit am Telekino komplett auf und widmete sich anderen Projekten – seine bahnbrechende Erfindung wurde nie für ihren ursprünglichen Zweck eingesetzt.
Dass selbst die größten Visionäre an Bürokratie oder fehlenden Investoren scheitern können, ist kein Einzelfall – das zeigt auch die Geschichte von Nikola Tesla, der einige Jahre später vergeblich versuchte, Millionen für eine Waffe aufzutreiben, die den Zweiten Weltkrieg verhindern sollte.
Doch der Einfluss von Torres Quevedo auf das Prinzip der Fernsteuerung von elektrischen Geräten ist nicht zu unterschätzen. Dr. Antonio Pérez-Yuste schreibt auf Proceedings of IEEE:
[Das Telekino ist] eine Erfindung, die heutzutage wohl mehr als jede andere die Art und Weise verändert hat, wie Menschen mit Technik interagieren und wie wir Maschinen steuern.
Wenn es sich vielleicht nicht ganz so magisch anfühlt wie ein Geisterschiff
zu lenken: Wenn ihr zuhause mittels Fernbedienung euren Fernseher bedient, dann sitzt im Geiste Leonardo Torres Quevedo mit auf der Couch.
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