»Hä, was? Warum?«: Das ist seit Jahren die häufigste Reaktion, wenn ich anderen erkläre, was für ein Fahrrad ich fahre. In Zeiten von E-Bikes, die jeden Berg meistern, erntet mein fahrbarer Untersatz meist nur ungläubiges Kopfschütteln.
Dabei ist es eigentlich ganz simpel: Mein Daily Driver ist ein sogenanntes Fixed-Gear-Bike – oft auch »Fixie« genannt. Das bedeutet: kein Freilauf, keine Gangschaltung und die direkte, unerbittliche Verbindung zwischen meinen Beinen und dem Asphalt. Wenn sich das Hinterrad dreht, bewegen sich die Pedale – immer.
Als Fitnesstrainer werde ich immer wieder mal gefragt, welches Gadget oder welche Hardware für das Training wirklich wichtig ist. Meine Antwort ist selten eine Smartwatch oder eine App, sondern dieses zutiefst analoge Stück Technik.
Es ist der »Hardcore-Modus« des Radfahrens, bei dem man nicht einfach aufhören kann zu treten, wenn es anstrengend wird.
Was ist ein Fixed-Gear-Bike?
Das Fixed-Gear-Bike ist ein Fahrrad in seiner pursten Form. Zwei Reifen, zwei Zahnräder, zwei Pedale, eine Kette, ein Sattel, ein Rahmen und ein Lenker – fertig.
Die Drehung der Reifen wird direkt auf die Pedale übertragen; es gibt keinen Leerlauf und keine Gangschaltung.
Ich feiere diese Fahrräder nicht nur wegen ihrer praktischen Vorteile, sondern eben genau wegen dieser Reduktion auf das Wesentliche. Sie sind für mich die Leica-Kameras der Fahrradwelt – ohne die exorbitant hohen Preise.
Sie sind oft sogar viel günstiger als normale Fahrräder, geschweige denn E-Bikes, weil sie eben sehr einfach aufgebaut sind. Meines ist von der Marke Fixie Inc. und hat damals 300 Euro gekostet. Zum selben Preis gibt es auch ähnliche Modelle zum Beispiel bei Decathlon.
Übrigens gibt es sogar Fixies, die den Purismus auf die Spitze treiben und auf richtige Bremsen verzichten. Stattdessen bremst man, indem man die Pedale in die entgegengesetzte Richtung drückt – dafür sind entweder spezielle Schuhe oder Pedalkörbe notwendig, die die Füße an diese fixiert.
In Deutschland sind solche Fahrräder allerdings nicht zugelassen und generell würde ich es niemanden empfehlen.
Unterschied zu Single-Speed-Bikes: Alle Fixies sind Single-Speed-Bikes, aber nicht alle Single-Speed-Bikes sind Fixies
Single-Speed beschreibt ganz einfach ein Fahrrad ohne Gangschaltung. Diese können trotzdem einen Freilauf haben.
Nicht selten haben Fixed-Gear-Bikes eine sogenannte »Flip-Flop-Nabe«, mit der man sie in wenigen Schritten in ein Single-Speed-Bike mit Freilauf verwandeln kann. Dafür muss man nur das Hinterrad abmontieren und andersherum wieder einbauen. So ist das auch bei meinem Modell.
Ich habe mich gegen den Freilauf entschieden – dafür sprechen mehrere Gründe.
Das Gegenteil von einem E-Bike – und das hat wichtige Vorteile
Kein anderes Fahrrad macht und hält so fit
Mit meinem Fixed-Gear-Fahrrad wird jede kleinste Strecke zu einer kleinen Herausforderung. Beim Fahren werden deutlich mehr Muskelgruppen intensiver angesprochen als bei klassischen Fahrrädern oder E-Bikes.
Um so richtig in die Gänge zu kommen, muss man stärker und schneller treten. Will ich langsamer werden, drücke ich aktiv gegen die Drehrichtung der Pedale. Das trainiert die Muskeln zusätzlich exzentrisch statt ausschließlich konzentrisch, wie es beim Fahrradfahren normalerweise der Fall ist.
Kurz erklärt: Während ihr beim normalen Radfahren meist nur Kraft aufwendet, um das Pedal wegzudrücken (konzentrisch), müsst ihr beim Fixie auch Kraft aufwenden, um die Bewegung der Pedale aktiv zu bremsen (exzentrisch). Das ist so, als würdet ihr im Fitnessstudio beim Bankdrücken das Gewicht nicht nur hochstemmen, sondern es auch beim Ablassen zentimeterweise kontrollieren (was ohnehin sehr wichtig ist).
Das Ergebnis: ein Training, das den ganzen Körper fordert und keine Sekunde Leerlauf zulässt.
Es verbessert die Koordination
Das Fahren mit einem Fixie erfordert ein gewisses Maß an Koordination, weil sich die Pedale immer drehen. Das ist vor allem beim Bergabfahren wichtig, weil bei hohen Geschwindigkeiten eure Beine richtig schnell drehen.
Es ist daher empfehlenswert, sich langsam an hohe Geschwindigkeiten und Trittfrequenzen heranzutasten. So verbessert sich langsam die eigene Koordination. Selbst nach mehreren Jahren habe ich großen Respekt vor steilen Abfahrten, aber ich bin schon deutlich besser darin geworden.
Ein Fixie erfordert daher nicht nur Koordination, es verbessert sie.
Es macht unheimlich viel Spaß
Zweifelsohne müsst ihr natürlich Spaß an sportlicher Anstrengung haben, aber das Fahrgefühl, das ihr dafür bekommt, ist absolut unvergleichlich.
Wenn ich es in der Tech-Sprache ausdrücken müsste: Ein normales Fahrrad hat für mich einen spürbaren Input-Lag. Zwischen eurem Tritt und dem tatsächlichen Vortrieb liegt die Mechanik des Freilaufs, also ein kurzer Moment der Leere, bevor die Kraft auf der Straße ankommt.
Beim Fixed-Gear-Bike ist das anders. Hier habt ihr eine Null-Latenz-Verbindung zum Asphalt. Die Kette überträgt jede Nuance eurer Kraft direkt und ungefiltert auf das Hinterrad. Es klingt vielleicht kitschig, aber ihr werdet auf diese Weise wirklich eins mit der Maschine.
Ihr spürt den Untergrund, den Widerstand und die Beschleunigung so unmittelbar, wie ihr es sonst nur von einem High-End-Direct-Drive-Lenkrad beim Sim-Racing kennt. Jeder Tritt ist für euch sofort in der Geschwindigkeit des Fahrrads spürbar.
Sobald ihr einmal Tempo aufgenommen habt, entsteht ein unbeschreiblicher Flow-Zustand. Die kinetische Energie des Rads hilft euren Beinen über den Totpunkt der Pedalbewegung hinweg, und ihr habt das Gefühl, das Fahrrad würde euch förmlich mitziehen. Es ist ein rhythmisches, fast meditatives Fahren, das ihr so auf keinem E-Bike der Welt findet.
Ich kann euch nur empfehlen: Geht in einen Fahrradladen und probiert ein Fixie selbst aus, damit ihr euch ein eigenes Bild davon machen könnt. Aber seid gewarnt: Wenn ihr einmal dieses direkte Feedback gespürt habt, fühlt sich jedes normale Fahrrad danach irgendwie indirekt und schwammig an.
Einfache Mechanik und Wartung
Fahrräder mit komplexen Gangschaltungen, Motoren und Akkus können ganz schön kompliziert sein.
Fixies sind das genaue Gegenteil. Sie sind so simpel aufgebaut, dass eine Wartung und Reparatur von fast jedem und jede durchgeführt werden kann. Kauft ihr euch so ein Fahrrad, besteht eine gute Chance, dass es euch ein Leben lang hält.
Sie sehen einfach cool aus
Okay, dieser Punkt ist natürlich sehr subjektiv, aber da dieser Artikel meine persönlichen Erfahrungen widerspiegelt, nehme ich ihn mit hinein.
Fixies sind so sehr auf das Wesentliche reduziert, dass sie einfach genauso aussehen, wie man sich ein Fahrrad vorstellt.
So wie eine Leica-Kamera nur einen Sucher und Drehräder für Belichtungseinstellungen bietet, bieten euch solche Fahrräder nur das, was zum Fahren nötig ist.
In Fixie-Bikes sehe ich die Schönheit im Minimalismus.
Die Nachteile sind aber nicht ohne
Manchmal ist ein E-Bike das bessere Fitness-Werkzeug
Obwohl ich erst den Fitnessaspekt von Fixies in den Himmel gelobt habe, sind sie trotzdem nicht das beste Fitness-Werkzeug für jeden Menschen.
Diese Erkenntnis machte ich zu meiner Zeit als Fitnesstrainer, als ich mit einer etwa 70-jährigen Kundin sprach. Die Dame fühlte sich auf einem klassischen Fahrrad nicht mehr so sicher und hatte auch nicht mehr die Kraft dafür, Steigungen mit einem solchen zu überwinden.
»Mein E-Bike ist einer der besten Käufe, die ich je gemacht habe«, sagte sie mir damals. Es war so logisch!
Das E-Bike ermöglichte ihr überhaupt erst aufs Fahrrad zu steigen und bei Touren teilzunehmen, die ohne Motor ausgeschlossen wären – es hält sie fit!
Würde ich der guten Frau ein Fixie empfehlen, weil sie »besser Muskeln erhalten und aufbauen«? Nein, natürlich nicht.
Wenn euch ein E-Bike mehr zum Fahrradfahren inspiriert als jedes andere Fahrrad, dann ist es für euch das bessere Fitness-Werkzeug.
Steigungen sind mein Endgegner
Ganz ehrlich: wenn ich mit meinem Fixie vor einer steilen Steigung stehe, steige ich inzwischen ab und schiebe.
Einige Steigungen sind für mich unmöglich mit einem Fixie überwindbar. Hier haben klassische Fahrräder mit einer Gangschaltung oder E-Bikes mit ihrem Motor einen klaren Vorteil.
Entspannt treiben lassen – Fehlanzeige
Für viele ist Fahrradfahren nicht nur Sport, sondern auch das Abschalten vom Alltag oder eben Entspannung.
Durch das Fehlen von Freilauf wird jede kleine Fahrt zu einem kleinen Work-out und nicht jeder will das.
Beim Fahrradfahren lässt man sich auch gerne einfach mal entspannt treiben, was bei einem Fixie leider nicht wirklich möglich ist.
Fixies: Analoges High-End für Minimalisten
Das Fixed-Gear-Bike ist das absolute Gegenteil zum aktuellen Trend der »Smartification«. Während alles um uns herum vernetzter, elektronischer und komplexer wird, bietet das Fixie eine fast schon meditative Einfachheit, die ich nicht mehr vermissen möchte.
Für mich persönlich ist die Entscheidung klar: Wenn ich die Wahl zwischen 250 Watt Motorunterstützung und der 0-Latenz-Verbindung meines Fixies habe, gewinnt das analoge Erlebnis fast immer.
Für wen lohnt sich ein Fixed-Gear-Bike?
- Fitness-Enthusiasten: Wenn ihr euer Cardiotraining auf das nächste Level heben und eure Muskulatur durch exzentrische Belastung fordern wollt.
- Minimalisten: Wenn ihr keine Lust auf wartungsintensive Schaltungen, leere Akkus oder komplizierte Mechanik habt.
- Puristen: Wenn ihr das pure Fahrgefühl sucht und das Fahrrad nicht nur als Transportmittel, sondern als direkte Verlängerung eures Körpers begreift.
Für wen ist es nichts?
Wenn ihr in einer extrem bergigen Region wohnt, Knieprobleme habt oder das Fahrradfahren primär zur Entspannung nutzt, ohne dabei ins Schwitzen kommen zu wollen, ist ein klassisches Rad oder ein E-Bike die deutlich bessere (und sicherere) Wahl.
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Ob ihr nun die »Hardcore-Einstellung« wählt oder lieber im »Easy Mode« mit Motorunterstützung fahrt: Hauptsache, ihr seid draußen unterwegs.
Aber falls ihr mal die Chance habt, ein Fixie auszuprobieren, traut euch. Doch ich warne euch: Wer einmal ohne Input-Lag gefahren ist, könnte nie wieder zu etwas anderem zurückkehren.

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