Tschüss, amerikanisches GPS? »4 Milliarden Nutzer« können sich bereits auf das europäische Navigationssystem Galileo verlassen

Navigationsdienste sind heute extrem genau und das verdanken wir nicht (mehr) GPS alleine.

Wer an ein »Navi« im Auto denkt, denkt normalerweise auch an GPS. Mittlerweile gibt es mit Galileo jedoch eine europäische Alternative. (Bild: Yuri Bizgaimer - Adobe Stock) Wer an ein »Navi« im Auto denkt, denkt normalerweise auch an GPS. Mittlerweile gibt es mit Galileo jedoch eine europäische Alternative. (Bild: Yuri Bizgaimer - Adobe Stock)

Navigiert euch das Smartphone quer durch Deutschland, sorgen vier Navigationsdienste dafür, dass ihr möglichst problemlos am Ziel ankommt: GPS (USA), GLONASS (Russland), BeiDou (China) und Galileo aus der EU.

Diese Multi-GNSS-Realität ist der Grund, warum die Navi-Apps erstaunlich präzise wissen, in welcher Häuserschlucht ihr nach dem richtigen Weg sucht.

Galileo ist dabei der jüngste und in vielen Fällen genaueste Kandidat. Anfang 2026 umfasst die aktive Konstellation 30 Satelliten der ersten Generation in einer Höhe von schwindelerregenden 23.222 Kilometern.

Vier weitere Satelliten hat die ESA bei OHB in Bremen bestellt. Sie sollen 2026 und 2027 mit der europäischen Schwerlastrakete Ariane 6 ins All gebracht werden. Sie dienen als Reserve, falls ältere Galileo-Satelliten ausfallen.

Dabei spielt Galileo für Europa längst eine strategisch wichtige Rolle, um die einseitige Abhängigkeit von GPS und Co. abzufedern.

Galileo stärkt die Unabhängigkeit

Wenn wir von »GPS« sprechen, ist in der Regel GNSS (Global Navigation Satellite System) gemeint. Global Positioning System ist das satellitenbasierte Navigationssystem der US-amerikanischen Regierung, das längst nicht mehr nur Smartphones und Smartwatches zur präzisen Standortbestimmung verhilft.

GPS ist bis heute das Rückgrat der zivilen Satellitennavigation. Viele Geräte nutzen zwar mehrere Systeme gleichzeitig, doch GPS bleibt der Referenzdienst, an dem sich Navigation, Timing und Positionierung weltweit orientieren.

Galileo ist die europäische Antwort auf die Unabhängigkeit der transatlantischen Navigationsdienste und übrigens das einzige System, das primär ziviler und nicht militärischer Kontrolle unterliegt. Galileo ist nicht vollkommen neu, denn die ersten Satelliten wurden bereits im Dezember 2016 gestartet.

Seitdem versorgt das System laut der Europäischen Kommission »über vier Milliarden Nutzer mit verbesserten Positions-, Navigations- und Zeitinformationen«.

Dabei verteilt sich die Nutzung nicht ausschließlich auf praktische Smartwatches, die beim Wandern den Weg weisen. Zehn Prozent der europäischen Wirtschaft (Stand: 26. September 2025) sollen auf die Nutzung internationaler Navigationsdienste angewiesen sein, darunter die Landwirtschaft, die Schifffahrt, die Telekommunikation, die Energieversorgung, die Logistik und der Transportsektor.

In der Landwirtschaft spielt GPS eine große Rolle. Viele smarte Geräte werden mithilfe der Satelliten betrieben, etwa um Felder Zentimetergenau zu bewirtschaften (Bild: renza, Adobe Stock) In der Landwirtschaft spielt GPS eine große Rolle. Viele smarte Geräte werden mithilfe der Satelliten betrieben, etwa um Felder Zentimetergenau zu bewirtschaften (Bild: renza, Adobe Stock)

Der Open Service von Galileo erreicht eine horizontale Genauigkeit von ungefähr einem Meter, während GPS in der zivilen Standardvariante typischerweise auf ein bis drei Meter kommt. Wirklich interessant wird es beim High Accuracy Service (HAS), der seit Januar 2023 im offenen Dienst verfügbar ist und eine horizontale Genauigkeit von etwa 20 Zentimetern erreicht.

Mit OSNMA bietet Galileo seit Juli 2025 eine Authentifizierung der Navigationsnachrichten, wodurch Empfänger die Echtheit der Daten überprüfen und sogenannte Spoofing-Angriffe erkennen – also manipulierte Signale, die Geräte an falsche Positionen führen sollen.

Obendrein leistet Galileo einen lebensrettenden Dienst: Es verfügt über einen aktiven Search-and-Rescue-Dienst, der jährlich Tausende Notfälle bearbeitet und Notrufpositionen innerhalb weniger Minuten lokalisiert.

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Celeste: das zweite Stockwerk

Der eigentliche Sprung erfolgte im Frühjahr 2026, genauer gesagt am 28. März. An diesem Tag startete eine Rocket-Lab-Electron aus Neuseeland mit den ersten beiden Satelliten der Celeste-Mission – dem ersten Versuch Europas, Navigationssignale aus dem niedrigen Erdorbit zu senden.

In einer Höhe von 510 Kilometern sind die Signale stärker als aus einer Höhe von rund 23.000 Kilometern, schwerer zu stören und dringen in Bereiche vor, in denen Galileo (sowie andere Systeme) bisher schwächelt: Tunnel, Tiefgaragen und Innenräume.

Genau diese Schwachstellen benennt auch Marco Fuchs, CEO von OHB, offen:

»In dichten städtischen Gebieten, Tunneln oder im Inneren von Gebäuden kommen Galileo und alle weiteren aktuellen Navigationssysteme an ihre Grenzen.«

Die ESA sorgt mit Celeste für ein robustes europäisches Navigationssystem. (Bild: ESA) Die ESA sorgt mit Celeste für ein robustes europäisches Navigationssystem. (Bild: ESA)

Bis 2027 sollen neun weitere Satelliten folgen, dann wird die Demonstrationskonstellation aus elf Satelliten vollständig sein. Aus Celeste könnte später ein operatives System mit Hunderten von Satelliten entstehen. Die ESA arbeitet bereits an der Industrialisierungsphase, etwa für Indoor-Navigation und autonomes Fahren.

Was bedeutet das Ganze für uns?

Praktisch gesehen verbessert sich die Navigation auf zwei Ebenen: Genauigkeit und Robustheit.

Heute profitieren etwa iPhones und Android-Modelle bereits vom modernen L5-Band: Sie empfangen Signale von GPS und Galileo auf zwei Frequenzen gleichzeitig (Dual-Frequenz). Dadurch werden Verzerrungen herausgefiltert und eine Ortung mit einer Genauigkeit von wenigen Metern ermöglicht. Gerade in Innenstädten mit hohen Häusern wie den Wolkenkratzern in Frankfurt sorgt diese Technologie für eine hohe Zuverlässigkeit.

Autonomes Fahren steht ebenfalls auf der Agenda der Celeste-Mission. (Bild: esa) Autonomes Fahren steht ebenfalls auf der Agenda der Celeste-Mission. (Bild: esa)

Mittelfristig wird der High Accuracy Service (HAS) von Galileo auch für Smartphones interessant. Aktuell läuft HAS über das E6-Band, das in handelsüblichen Geräten nicht verbaut ist. Die extrem hohe Genauigkeit bleibt daher Profis in den Bereichen Landwirtschaft, Vermessung oder autonomes Fahren vorbehalten. Es wird allerdings diskutiert, HAS über mobile Datenverbindungen zu übertragen, wodurch der Service perspektivisch auch auf Smartphones verfügbar sein könnte.

Langfristig gesellt sich mit Celeste eine dritte Ebene hinzu: Signale aus 510 Kilometern Höhe, die die Signalverfügbarkeit in schwierigen Umgebungen wie dichten Städten oder teilweise auch in Innenräumen verbessern soll. Wenn alles wie geplant funktioniert, könnten Navigationsdienste in Innenräumen zunehmend zuverlässig funktionieren. Dies ist beispielsweise für Museumsführungen, Bahnhöfe, Flughäfen, große Einkaufszentren oder Tiefgaragen relevant.

Tschüss, amerikanisches GPS?

Langfristig wird Galileo GPS in Europa nicht ersetzen, was auch nicht das primäre Ziel ist. Vielmehr werden die Souveränität gestärkt und die Redundanz ausgebaut.

Letzteres ist bei GNSS ohnehin bedeutsam: Wenn ein System ausfällt oder gestört wird, kompensieren die anderen.

Dennoch bringt der massive Ausbau von Galileo einen politischen Aspekt mit sich. Europa ist in dem Bereich heute weniger erpressbar als noch vor zehn Jahren. Sollte das US-Militär den GPS-Zugang einschränken – ein zumindest technisch mögliches Szenario –, würde das Smartphones, Bahn und Stromnetze in Europa kaum noch ins Wanken bringen. Sie würden nahtlos auf Galileo umschalten, mit nur minimalen Einbußen.

Marco Fuchs, CEO von OHB, sagt selbst:

»In diesem Zusammenhang leistet Celeste LEO-PNT einen wichtigen Beitrag zur strategischen Unabhängigkeit.«

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