Ein grauer Unigang, irgendwo in Cambridge. Neonlicht flackert, das monotone Surren von Rechnern dringt aus den Büros, und im Flur neben einem der vielen Räume des Fachbereichs Informatik steht eine unscheinbare Filterkaffeemaschine. Eigentlich nichts Besonderes.
Und doch sollte gerade sie zum Ausgangspunkt einer kleinen digitalen Revolution werden, die unser Leben bis heute prägt.
Denn Anfang der 1990er Jahre war das World Wide Web noch kaum mehr als eine Idee, die in den Labors am CERN gerade erst Form annahm. Smartphones, Livestreams, Überwachungskameras an jeder Straßenecke? Reine Zukunftsmusik.
Aber ein paar kaffeeliebende Wissenschaftler hatten ein ganz gegenwärtiges Problem: Ihre Büros lagen teils weit entfernt vom sogenannten Trojan Room
, neben dem die Kaffeemaschine stand. Zu oft stiegen sie voller Hoffnung die Treppen hinauf, nur um vor einer leeren Kanne zu stehen.
Ein Problem, das wohl viele von uns kennen.
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Ein genialer Trick
Aus einer Mischung von Pragmatismus, Bastlergeist und wohl auch einem Schuss Humor entstand Ende 1991 eine kleine technische Notlösung, die später Kultstatus erlangen und in die digitale Weltgeschichte eingehen sollte.
- Die Forscher richteten eine Kamera auf die Maschine und ließen sie in regelmäßigen Abständen Bilder über das lokale Netzwerk verteilen.
- Kein Glamour, keine Farbe, nur grobkörnige Graustufenbilder mit 128 x 128 Pixeln. Doch sie reichten völlig aus, um den Füllstand der Kanne zu erkennen (weiter unten im Text findet ihr ein Bild dazu).
- Was als cleverer Einfall gegen Koffeinentzug begann, gilt heute als die Geburtsstunde der Webcam. Und die
Trojan-Room-Kaffeemaschine
wurde weltberühmt. Nicht, weil ihr Kaffee besonders gut geschmeckt hätte, sondern weil sie der Welt einen ersten Blick in die digitale Zukunft schenkte.
Wie das System funktionierte
Die Technik dahinter war recht simpel:
- Im Trojan Room standen mehrere Racks mit Rechnern für Netzwerktests. Einer davon verfügte über eine sogenannte
Framegrabber
-Karte, die das analoge Videosignal digitalisierte. - Die Kamera – eine einfache Philips-CCD-Videokamera, nur fähig zu Schwarz-Weiß-Aufnahmen – wurde auf ein Stativ gesetzt, direkt auf die Kaffeemaschine gerichtet und mit dem Rechner verbunden.
- Paul Jardetzky programmierte die Server-Software, Quentin Stafford-Fraser schrieb den Client für die Bürorechner der Kollegen, genannt:
XCoffee
. Dreimal pro Minute aktualisierte sich das Bild und erschien auf den Büromonitoren.
Wer den Client geöffnet hatte, wusste jederzeit, ob sich der Gang zur Maschine lohnte. Und wenn der Kaffee leer war, entschied der Coffee Club
des Fachbereichs, wer für Nachschub sorgen musste:
Beinahe vergessen – und dann weltberühmt
Nach etwas mehr als einem Jahr verabschiedete sich der betagte Framegrabber ins digitale Jenseits, und die beiden ursprünglichen Entwickler wandten sich anderen Projekten zu.
So wäre die Trojan-Room-Kaffeemaschine fast in Vergessenheit geraten – doch Daniel Gordon und Martyn Johnson hauchten ihr neues Leben ein.
Mit frischer Hardware und der Anbindung an das inzwischen öffentlich zugängliche World Wide Web war die Kaffeemaschine plötzlich nicht mehr nur Institutsgeheimnis
. Jeder, der wollte, konnte sich nun in Cambridge umsehen, oder zumindest auf die Kanne blicken.
Und das taten die Menschen auch: Hunderttausende weltweit klickten über die Jahre hinein. Die Maschine, eine schlichte Krups-Filterkaffeemaschine, wurde so zur vielleicht berühmtesten ihrer Art.
Das Ende einer Ära
Am 22. August 2001 um 9:54 Uhr koordinierter Weltzeit erlosch das Signal jedoch endgültig. Die Kamera wurde abgeschaltet, die Maschine bei eBay versteigert – für stolze 3.350 Pfund, rund 6.875 Euro in heutiger Kaufkraft. Käufer war Spiegel Online.
Seit 2016 steht die Trojan-Room-Kaffeemaschine im Heinz Nixdorf MuseumsForum in Paderborn. Und sie lebt sogar weiter als digitale Legende: In Hitman 2: Silent Assassin findet sich ein augenzwinkernder Hinweis. Dort kann der Spieler die berühmte Kaffeekamera
kurzerhand zerstören.
Was als Spielerei begann, schrieb letztlich digitale Weltgeschichte. Es stellt sich daher die Frage: Welche unscheinbaren Experimente von heute verändern morgen unseren Alltag? Spekuliert gerne in den Kommentaren darüber!
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