»Es schien kein Ende zu nehmen«, beschreibt Jan Pope die Sensation. Ihre Erinnerung an einen einzigartigen Ausflug mit ihrer Tochter hat sich eingebrannt. »Ich habe nie zuvor Korallen zu derartiger Größe heranwachsen sehen.«
Und das soll etwas heißen. Denn sie und ihre Tochter Sophie Kalkowski-Pope sind Teil des weltweit aktiven Netzwerks Citizens of the Reef, das sich für die Kartierung und Schutz der unverzichtbaren Korallenriffe einsetzt.
Was sie dort vor der Küste Australiens im Great Barrier Reef per Zufall fanden, entpuppte sich als die größte bislang dokumentierte und kartierte Korallenkolonie der Erde – 3.973 Quadratmeter groß.
Wichtig: Es geht nicht um das größte Korallenriff. Diese bestehen nämlich aus unzähligen einzelnen Korallen. Wobei sich eine Koralle streng genommen aus einem Verbund von etlichen winzigen Lebewesen, sogenannten Nesseltieren (Polypen), aufbaut. Das gesamte Konstrukt nennt sich dann Korallenkolonie bzw. nur Koralle. Millionen von ihnen bilden wiederum ein Korallenriff.
Der Fund sticht deshalb aus der Masse heraus, da wir hier quasi eine Koralle vor uns haben, die grob die Größe eines Fußballfeldes erreicht – ein gigantisches Lebewesen. Meistens messen einzelne Korallen lediglich höchstens einige Dutzend Meter.
Wo wir das Thema gerade streifen: Das größte Korallenriff der Welt ist das bereits erwähnte Great Barrier Reef vor der Nordostküste Australiens - 348.700 Quadratkilometer groß, 2.900 Einzelriffe, 900 Inseln. Es gilt als die größte von Lebewesen geschaffene Struktur der Erde.
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Taucher nehmen uns mit zur größten Korallenkolonie der Erde
Ein lebender Berg als Heimat im Ozean
Die Kolonie der als Pavona clavus bekannten Art misst an ihrer maximalen Ausdehnung 111 Meter. Wobei sie sich als ungeometrisches Gebilde wie ein buckeliger Teppich über den Meeresboden wölbt. Sie mute den Taucherinnen zufolge wie eine sich schier ewig ausbreitende Wiese an. (via citizensgbr.org).
Die ermittelten Ausmaße stellten Forscher im Nachgang der initialen Entdeckung durch Unterwasser-Vermessung sowie Fotoaufnahmen von der Oberfläche fest. Letztere dienten der sogenannten Fotogrammetrie als Grundlage zur Erstellung von 3D-Modellen, wodurch Aufbau, Struktur und Größe aufgeschlüsselt wurden.
Der genaue Standort der Rekordkolonie bleibt zum Schutz vor unerwünschten Besuchern vorerst geheim. Nur relativ wenige Personen sowie die Behörden kennen die exakten Koordinaten.
Die Entdeckung erfolgte im Zuge des Bürgerwissenschaftsprojekts von Citizens of the Reef namens »Great Reef Census«. Vereinfacht stellen wir es uns am ehesten wie eine Art Bevölkerungszählung in der ikonischen Unterwasserlandschaft vor der australischen Küste vor – nur eben von Korallen.
Mutter und Tochter waren gemeinsam mit ihrem Familienboot unterwegs, von wo aus sie regelmäßig Tauchgänge unternehmen. Als Teil einer Gemeinschaft von tausenden Forscherinnen und Forschern, Tourismusunternehmen und sonstigen Freiwilligen sammeln sie gemeinsam Daten über Korallenriffe.
Korallen sind ein Inbegriff der natürlichen Vielfalt, die sich in den irdischen Meeren tummelt. (Bildquelle: Biopixel - Richard Fitzpatrick und Jan Pope)
Die Daten nützen ebenfalls dazu, um zu ergründen, weshalb sich gerade hier eine solch monumentale Koralle heimisch einrichten und trotz aller Umweltgefahren halten konnte. Wissenschaftler wollen in den kommenden Jahren regelmäßig wiederkehren, um ihren Zustand zu dokumentieren – um die beeindruckenden Lebewesen steht es nämlich schlecht.
Weitere bekannte Riesen-Korallenkolonien:
- Galaxea astreata Kolonie (Nusa Penida, Bali, Indonesien), auch wenige Tausend Quadratmeter groß, aber auf alle Fälle kleiner als der neue Rekordhalter und lediglich grob vermessen.
- Pavona clavus
Mega Coral
(Solomon Islands, Südwest-Pazifik), etwa 1.100 Quadratmeter
Hiernach folgen etliche große, aber deutlich volumenärmere Korallen. An einer echten Top-10-Liste scheitern wir zwangsläufig, da viele Riesenkorallen noch gar nicht systematisch vermessen wurden. Allerdings verfügen wir über eine gute Abschätzung der Größenordnungen – und hier dominiert der Neuling vor Australien klar.
Diese Karte lässt euch Standorte von herausragenden Kolonien erkunden.
Unverzichtbar, aber gefährdet
Korallenriffe gehören zu den artenreichsten Ökosystemen der Welt. Sie bieten unzähligen Lebewesen aller Größen, Farben und Formen Unterschlupf. Obendrein entziehen sie dem Meerwasser Kohlenstoff und binden somit – solange sie gesund wachsen – potenziell klimawirksames CO₂.
Allerdings bedroht der Klimawandel die Korallen. So sorgt die Versauerung der Meere durch übermäßigen Eintrag von Kohlenstoffdioxid für eine Verschlechterung ihrer Lebensumwelt. Zum anderen vertragen sie steigende Wassertemperaturen nicht. Hinzu kommt eine Begünstigung von gefräßigen Dornenkronenseesternen durch erhöhten Nährstoffeintrag.
In der Folge müssen wir seit Jahrzehnten ein großangelegtes Korallensterben beobachten. Im Vorfeld ihres Todes, wenn sie insbesondere unter starkem Hitzestress leiden, erbleichen sie. Daher sprechen Forschende auch von Massenbleich-Ereignissen, zuletzt 2024 erlebt.
Global rechnen wir inzwischen mit einer moderaten Bleiche bei mehr als der Hälfte der weltweiten Korallenriffe und auf 15 Prozent der Fläche ist bisher signifikantes Absterben verzeichnet worden (mehr Infos: via nature oder aims.gov).
Die bisher erkannten Rückgänge von Korallen könnten nur die Spitze des Eisberges darstellen. Denn Gefahr laufen alle Korallen, Opfer der sich durch uns beschleunigt verändernden Umwelt zu werden. Inzwischen versenken wir sogar legendäre Ozeanliner, um Keimzellen für das Wachstum neuer Riffe am Ozeanboden zu pflanzen.
Der Rekordfund steht deshalb auch nicht für eine Trendumkehr, sondern eher für ein Wecksignal, wie seine Mitentdeckerin Sophie Kalkowski-Pope als Koordinatorin für Meeresoperationen bei Citizens of the Reef beklagt: »Wir wissen kaum, was wir zu verlieren haben. Die Riffe bewahren noch so viel Unbekanntes.«
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