Wer den Huajiang Canyon in China überqueren möchte, brauchte zuletzt noch Flügel. Seit Kurzem helfen drei Kilometer Straße, aber nicht irgendwelche.
Sie gehören zur höchsten Brücke der Welt, deren Fahrbahn ausschließlich von einer Handvoll an weltweiten Giganten überragt werden würde – und einer der Pylone für die Stahlseile übertrifft selbst den weltweit höchsten Wolkenkratzer.
Wir stellen euch das Bauwerk genauer vor, für deren Zufahrt per Autobahn sogar ein Berg in zwei gespalten wurde.
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Wolkenkratzer als 1.000 Meter hoher Energiespeicher
Monumentalprojekt abseits des Urbanen
Unsere Reise führt uns in die Provinz Guizhou, in den Südwesten Chinas. Hier überspannt die Huajiang Grand Canyon Bridge die rund drei Kilometer breite, gleichnamige Schlucht – im lokalen Sprachgebrauch als die „Erdspalte“ bekannt.
Seit Anbeginn der chinesischen Geschichte stand sie als natürliche, quasi-unüberwindbare Barriere in den Weg von Besiedlung und Wirtschaft.
Kerndaten der Huajiang Grand Canyon Bridge (via highestbridges)
- Typ: Stahlträger-Hängebrücke
- Eröffnung für den Verkehr: 28. September 2025
- Gesamtlänge: Etwa 2.890 Meter
- Höhe: 625 Meter vom Brückendeck bis zum Flussbett des Beipan River
- Pylone (Türme): Nordturm 262 Meter hoch (von der Fahrbahn/Brückendeck), Südturm 205 Meter hoch
- Hauptspannweite: 1.420 Meter, hiermit ist die Länge (Turm zu Turm) der unter Spannung gehaltenen Stahlkabel gemeint, die hinabreichen und die Brücke tragen. Mit den knapp 1.400 Metern kann sie auch hier den Rekord für Hängebrücken in gebirgigem Gelände weltweit für sich beanspruchen. Unabhängig vom Gebirge weisen aber einige niedrigere Brücken über Gewässer höhere Werte auf. Die Querung mit der global längsten Spannweite ist die Çanakkale-1915-Brücke in der Türkei mit ihren 2.023 Metern. Sie überspannt seit wenigen Jahren die Dardanellen.
- Fahrbahn: Vier Spuren (zwei pro Richtung) auf der Liuzhi-Anlong-Expressway (S57)
- Der Bau:
- Baubeginn: 18. Januar 2022.
- Bauzeit: Rund drei Jahre und acht Monate
- Belastungstests: Im August 2025 erfolgreich abgeschlossen (durch gleichzeitige Überfahrt von 96 vollbeladenen Lastwagen).
Noch bis zum vergangenen Herbst dauert eine durchschnittliche Fahrt von der einen zur anderen Seite selbst mit Autos länger als eine Stunde. Eine Brücke galt lange als quasi-unmöglich, denn es gähnen satte 625 Meter vom heutigen Brückendeck bis zum Flussbett.
Addieren wir jetzt den höheren der zwei Pylone hinzu, dann liegen zwischen Talboden und der Spitze des Nordturms 887 Meter – das Burj Khalifa in Dubai hört hypothetisch 60 Meter uns auf zu emporzuwachsen, bei 828 Meter.
Die neue Rekordbrücke verkürzt die Reisezeit auf ein bis zwei Minuten und als Beigabe gibts auch noch einen fantastischen Ausblick über den sich dahinschlängelnden Beipan Rivers spendiert.
Hauptantriebsfeder der Konstruktion für lokale sowie überregionale Akteure ist der wirtschaftliche Anreiz. Sie fördert den Anschluss an das Expressway-Netz Chinas, um eine bisher eher abgelegene Region anzubinden und so neue Impulse zu setzen – sogar weitreichender als auf den ersten Blick ersichtlich.
Denn die Region grenzt an die beabsichtigte neue Seidenstraße an, die sich in den Plänen Chinas als Rückgrat des eurasischen Landhandels bis nach Mitteleuropa erstrecken soll.
Die gebirgigen, Karst-Landschaften Chinas, wie auch diese hier, bieten Raum für einige der spektakulärsten Bauten der Welt, so zum Beispiel ein Staudamm, der mathematisch berechenbar die Erdumdrehung beeinflusst.
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Wer Karst nennt, meint eine Landschaftsform, die regelrecht durch Auflösung von Ober- und Untergrundmaterial entstanden ist. Kalkstein, Dolomit, Gips oder Salze werden über Millionen von Jahren als wasserlöslichem Gestein buchstäblich fortgewaschen. Hierdurch entstehen teils bizarre Formen, wie Höhlen oder steil abfallende Kliffs, die zu Flüssen in die Tiefe stürzen.
Ursächlich hinter der teils extremen Verwitterung steckt indes nicht das Wasser allein, sondern Kohlesäure, das sich durch die Reaktion von CO₂ mit Regen- oder Oberflächenwasser bildet (via mineralienatlas).
Links ist einer der hoch aufragenden Türme während des Baus zu sehen. Rechts die fertiggestellte Brücke. (Bildquelle: HighestBridges.com)
Touristischer Zwischenstopp
Obschon die Brücke erstrangig natürlich als Verkehrsverbindung dient, konzipierten ihre Planer sie von Beginn an als touristischen Knotenpunkt und Zwischenstopp. So findet sich in 207 Meter Höhe über der Straße, also fast 850 über dem Flussbett, ein Café und eine Aussichtsplattform.
Auch der Aufzug hierhin gleitet in einem gläsernen Tunnel herauf oder hinab. Unter der Brücke bietet sich bewegungsfreudigen Reisenden ein Glasdeck, auf der sie scheinbar über der Hunderte-Meter tiefen Kluft schwebend spazieren gehen und Informationstafeln anschauen dürfen.
In Zukunft sollen weitere Attraktionen folgen, zum Beispiel der weltweit höchste Bungee-Jump-Platz (ca. 615 m) oder ein Besucherzentrum mitsamt Bungalos für Übernachtungen sowie unten in der Erdspalte noch andere Extrem-Sport-Angebote.
Rekorde in Massen, aber nicht gratis
Bei allem Lob für solche ingenieurstechnischen Meisterleistungen sowohl, was Qualität als auch Geschwindigkeit der Umsetzung angeht, müssen wir uns immer eines vergegenwärtigen: Chinas Struktur als autoritärer, zentral gelenkter Staat nimmt Bürgern jegliche Einflussmöglichkeiten aus der Hand.
Gleiches gilt für Vereinigungen wie Interessensverbänden, gleichweg ob es auf soziale, kulturelle, ökologische oder sonstige Einwände hinausläuft. Nur durch radikale Ignoranz oder aktives Beiseiteräumen von Widerständen sind derartige Bauwerke so schnell zu errichten.
Der Beipan River leistet in Sachen »Gelände-wegfräsen« ganze Arbeit. Denn sein Canyon war bis zum September 2025 bereits zuvor Heimat und Grund für die bis dahin höchste Brücke: Duge Bridge (Beipanjiang Bridge) überspannte an einer etwas niedrigeren Stelle in 565 Meter Höhe.
Auch hier würden locker mehrere der größten Hochhäuser Deutschlands hinunterpassen.
Wir bewegen uns tatsächlich sogar im Mecka für Brückenliebhaber: Fast die Hälfte der 100 höchsten Brücken der Welt liegen in der Provinz Guizhou.
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