365 Meter lang und rund fünffach so voluminös wie die legendäre Titanic. Mit der Icon-Klasse treibt die Reederei Royal Caribbean International die Kreuzschifffahrt auf eine neue, allerdings auch irgendwie altbekannte Stufe.
Die fahrenden Apartmentblocks mit Einkaufsmeile und Sportclubs wachsen und bieten mehr vom Gewohnten – aber auch ein paar Raffinessen. Wir stellen euch den neuen Massenmarkt-Superlativ im Tourismus zur See vor.
19:38
Seafarer: The Ship Sim - Test-Video zur Schifffahrts-Simulation
I(k)onen der Urlaubsindustrie auf dem Ozean
Die Schiffe der Icon-Klasse sind im Jahr 2026 die größten Schiffe der Welt, aber nicht die längsten. Supertanker oder Containerschiffe erreichen mehr als die 365 Meter der Icons. Derzeit liegt das wirtschaftlich sowie seemännisch gängige Limit bei etwa 400 Metern.
Die für uns hier maßgebliche Kennziffer nennt sich Bruttoraumzahl (BRZ/GT). Die Star of the Seas bringt es auf 250.800 GT. Gerade mal 46.000 GT hätte die Titanic nach moderner Maßgabe erreicht.
Die Star übertrifft damit als zweites Schiff der Klasse das Typschiff, die Icon of the Seas, minimal – der Grund: geringfügig abweichender Deckplan. Technik und Bauart sind meist sonst extrem ähnlich.
Die Klasse kommt generell auf eine Höhe, die in etwa einem 18-stöckigen Gebäude entspricht. Üblicherweise pflügen sie mit 18 bis 20 Knoten durch die Weltmeere – etwa 35 Stundenkilometer.
Bitte klicken zum Aufklappen
Unabhängig von den gemächlich sauberer ausfallenden Antriebsarten begleiten die Kreuzfahrtbranche weiterhin Negativ-Schlagzeilen. Den Kern davon bilden drei Bereiche:
- Umweltverschmutzung und Ressourcenverbrauch (Bau, Betrieb, verschwenderische Verpflegung, etc. )
- Belastung der besuchten Städte durch Massentourismus
- Ausbeuterische Arbeitsbedingungen
Quellen: schiffsradar, reisetopia und travelbook
Insgesamt sollen ab 2030 sieben Schiffe der Icon-Klasse die Weltmeere bereisen. Die Legend of the Seas vervollständigt im Juli das Trio. Im Gegensatz zu ihren beiden Schwesterschiffen soll sie auch Routen im Mittelmeer befahren. 2027 folgt dann die Hero of the Seas. Die Namen der wohl 2028, 2029 und 2030 erstmals auslaufenden Schiffe sind noch nicht öffentlich bekannt.
Royal Caribbean, die Reederei hinter der Icon-Klasse, betreibt seit Langem die größten Kreuzfahrtschiffe der Welt. Bis zur Taufe der Icon of the Seas im Jahr 2024 hielten die Schiffe der Oasis-Klasse des Betreibers den Rekord – rund 15.000 GT kleiner. Sie standen für einen radikalen Aufwuchs, denn ihre Vorläufer (Freedom-Klasse, Jungfernfahrt 2006) schafften es nur auf ca. 155.000 GT, also rund 75.000 weniger.
Parallel zu den Oasis-Schiffen verließ noch die Quantum-Klasse die Werften. Sie maßen etwa so viel wie die Freedom-Klasse und sind bis heute für Routen mit kleineren Häfen als Ankerpunkte gedacht.
Die Star of the Seas aus zwei Perspektiven (Bildquelle: Royal Caribbean International)
Poolrekord, ein Bahnhof und Riesenrutschen
Beispielhaft an dieser Stelle einige Features der Star of the Seas, die sich aber viele Eigenschaften mit der Legend- oder Icon of the Seas teilt:
- 2.805 Kabinen und rund 2.400 Personen an Besatzung, die die rund 7.600 Bordgäste beherbergen, verköstigen und belustigen.
- sieben Pools, mitinbegriffen der größten auf See
- die höchste Wasserrutsche auf See
- mehr als 40 Möglichkeiten zum Essen und Trinken
- AquaDome nahe dem Bug des Schiffes: eine wandelbare Arena als Theater mit Wasserfall und für Broadway-Shows. Hinzu kommen Attraktionen wie Eislaufbahn, Kletterwand, Casino und Spa.
Manche Schiffe der Icon-Klasse, wie auch die Legend of the Seas, setzen derweil auf Züge – oder zumindest die Faszination dafür. Sie verbergen in ihrem Inneren einen fiktiven Bahnhof als kostenpflichtiges Spezialitätenrestaurant.
Auf der Suche nach grünerer Kreuzschifffahrt
Als Treibstoff für ihre sechs Motoren dient Flüssigerdgas (LNG). Einer der Hauptvorteile abseits der rund ein Viertel geringer ausfallenden CO₂-Emissionen stellt hierbei der beinahe vollständige Wegfall Schwefel- oder Rußpartikelemissionen dar.
Sie sind bei traditionellen Schiffsbrennstoffen wie Schweröl oder Schiffsdiesel nicht in derartigem Maße zu vermeiden. Zwar konnten sie in den vergangenen Jahren stark reduziert werden, doch gilt LNG zumindest als Übergangstreibstoff als lobenswert. Allerdings bleibt natürlich auch das Gas fossil und nicht regenerierbar.
Hinzu kommt das Problem namens Methanschlupf. Hierunter verstehen wir das Entweichen von unverbranntem Methan. Letzteres ist ein Hauptbestandteil von Erdgas und sorgt pro Volumeneinheit für ein Vielfaches der Erderwärmung von Kohlendioxid (via energie-lexikon).
Anders sieht das mit grünem Methanol (ein Alkohol) aus, in das die Reedereien weltweit große Hoffnungen setzen, um die ambitionierten und notwendigen Klimaziele der Branche zu erreichen. Mehr zu den Fortschritten in der Schifffahrt und weshalb sich der globale Seefrachtverkehr als Wolkensäer und Erdabkühler betätigt hat, lest ihr in den zwei folgenden Artikeln:
Indes können die Motoren auch Diesel verbrennen. Hiermit sichert sich Royal Caribbean ab, um freie Hand bei der Wahl des Kraftstoffs in Anbetracht einer unsteten Weltwirtschaft zu behalten. Sollte der gewöhnliche Brennstoff verfeuert werden, schaltet die Crew Abgasreinigungsanlagen hinzu, um den Ausstoß von Schwefel- oder Rußpartikeln zu minimieren. Wobei das inzwischen zum Standard und verpflichtenden Repertoire von Neubauten gehört – es zählt also keineswegs als Feature des Schiffes.
Zur Stromversorgung kommen auf der Icon-Klasse neben herkömmlichen Generatoren auch Brennstoffzellen zum Einsatz. Jene wandeln Wasser- und Sauerstoff in Strom und Wasser um, das Ziel: emissionsfreie Energie für bestimmte, nicht näher definierte Bordsysteme.
Luftbläschen als Rumpf-Gleitmantel
Für zusätzliche Treibstoffeinsparungen sorgt Luft – und zwar unter Wasser. Denn die Icon-Klasse verfügt über eine sogenannte Luftschmierung. Sie zeigt sich durch den Ausstoß von Luftblasen am Bug. Dieser dünne Quasi-Mantel aus Luft legt sich eng an die Schiffshaut und reduziert so den Wasserwiderstand. Vereinfacht gesagt: Die Icon-Klasse gleitet auf einem Mantel aus Gas durchs Wasser.
Solch ein System hielt bei der Quantum of the Seas erstmals Einzug und gehört mittlerweile zum Standard bei neuen Schiffen der Flotte des Reeders. Die Technik hält allerdings nicht inne: Inzwischen befahren sogar erstaunlich große Schiffe mit Elektroantrieben die Weltmeere, zum Beispiel die Zukunft der deutschen Polarforschung und eine voluminöse Fähre, die gewaltige Batterien in ihrem Inneren birgt.
Beispielloses Wachstum
Wirtschaftlich betrachtet zeigt der Markt für Kreuzfahrten beginnend mit den 70er-Jahren bis heute ein starkes Wachstum. Nach einer Tiefphase unter Covid zeigt sich die Branche optimistisch: Kreuzfahrten boomen wieder – zuletzt dank eines Wachstums von 7,5 Prozent (2024 vs. 2025). Bei alldem spielt die Frage nach Umweltschutz zwar mittlerweile eine Rolle, aber auch 2026 keine entscheidende (via State of the Cruise Industry Report 2026).
Einer Mehrheit der rund 37,2 Millionen Passagiere auf den etwa rund 400 Kreuzfahrtschiffen, die die Ozeane befahren, geht es wohl trotz aller bekannten Probleme an Bord. Und eben nicht, weil sich irgendeines davon in den vergangenen Jahrzehnten entscheidend gemildert oder gar verflüchtigt hat.
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Dein Kommentar wurde nicht gespeichert. Dies kann folgende Ursachen haben:
1. Der Kommentar ist länger als 4000 Zeichen.
2. Du hast versucht, einen Kommentar innerhalb der 10-Sekunden-Schreibsperre zu senden.
3. Dein Kommentar wurde als Spam identifiziert. Bitte beachte unsere Richtlinien zum Erstellen von Kommentaren.
4. Du verfügst nicht über die nötigen Schreibrechte bzw. wurdest gebannt.
Bei Fragen oder Problemen nutze bitte das Kontakt-Formular.
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Nur angemeldete Plus-Mitglieder können Plus-Inhalte kommentieren und bewerten.