Ein neuer Trend erinnert an einen Goldrausch vergangener Zeiten, nur dass das Edelmetall diesmal rötlich schimmert und aus alten Stromkabeln stammt: Ausgerechnet das mühsame Zerlegen von Elektroschrott fesselt derzeit auf TikTok und YouTube ein Millionenpublikum.
Creator mit klangvollen Namen wie »King of Copper« oder »Queen of Copper« versammeln Hunderttausende Abonnenten und Follower an ihren Werkbänken. In ihren Videos zerlegen sie zentnerweise alte Leitungen und preisen das freigelegte Metall als genialen Nebenverdienst in Zeiten hoher Inflation an.
Was früher als mühselige Schrottplatz-Arbeit galt, wird in den Feeds als lukratives Side-Hustle zelebriert.
Hinter den Versprechungen greift jedoch längst ein ungeschriebenes Gesetz vergangener Goldräusche: Am Ende machen nicht diejenigen das große Geld, die stundenlang per Hand schürfen, sondern jene, die ihnen das passende Werkzeug dafür verkaufen.
Das Versprechen: Schrott in Gold verwandeln
Die Faszination des Trends speist sich vor allem an dem Versprechen für einen lukrativen Nebenverdienst. Die Kupferpreise kletterten zuletzt auf historische Rekordmarken von zeitweise über 14.000 US-Dollar pro Tonne.
In Zeiten steigender Inflation und wirtschaftlicher Unsicherheit inszenieren die Creator das Abisolieren als den ultimativen Nebenverdienst. Die Botschaft an die Zuschauerschaft ist denkbar simpel: In jedem alten Haushaltsgerät, in jedem weggeworfenen Ladekabel und auf jedem Schrottplatz liegt bares Geld vergraben – man muss es nur mit den eigenen Händen herausholen.
Die Creator zeigen, wie sie für das Traumhaus, Autos oder den nächsten Urlaub sparen, indem sie nach Feierabend Kabel schälen.
Die Realität: 99 Dollar für Schrott, 1.400 Dollar für das Video
Wer jedoch nachrechnet, merkt schnell, dass die Rechnung nicht aufgeht. Die Realität des Altmetallhandels ist anstrengend, zeitintensiv und für Einzelpersonen ökonomisch ernüchternd.
Wie drastisch die Schere zwischen der realen Handarbeit und der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie auseinandergeht, verdeutlicht das Beispiel der Creatorin @Courtney2291.
Sie dokumentierte über Monate ihren Versuch, 20.000 Dollar für eine Anzahlung auf ein Haus zusammenzusparen, finanziert durch Schrottmetall.
In einem ihrer viralen Videos zerlegte sie unter großem Kraftaufwand alte Motoren und brachte die Ausbeute zum Wertstoffhof: Für knapp 14 Kilogramm mühsam herausoperiertes Kupfer zeigte ihr Beleg einen Erlös von gerade einmal 99 US-Dollar.
Der eigentliche Zahltag fand jedoch nicht an der Waage des Schrotthändlers statt, sondern in der App: In einem separaten Clip legte sie die Einnahmen aus einem anderen, besonders viralen Video ihres Kanals offen.
- Dieses hatte zu diesem Zeitpunkt 6,8 Millionen Aufrufe generiert und ihr über das Creator-Programm von TikTok 1.446 US-Dollar eingebracht.
- Der Kontrast könnte kaum schärfer sein: Während stundenlange schwere Knochenarbeit mit rostigen Motoren kaum mehr als ein Taschengeld abwirft, belohnt der Algorithmus die bloße Inszenierung mit dem Fünfzehnfachen.
Noch deutlicher wird das Prinzip der modernen Schaufelverkäufer beim Blick in die integrierten Marktplätze wie den TikTok Shop. Das verlässlichste Geschäft machen viele Accounts nicht mit dem Metall, sondern mit Affiliate-Provisionen für Spezialwerkzeuge. Manuelle und elektrische Abisoliergeräte werden in den Clips verlinkt und als passive Gelddruckmaschinen angepriesen.
Creator wie @Dragonslayer_Industries sprechen aus, worum es wirklich geht: In einem seiner vielen Videos, in denen er Werkzeuge zum Abisolieren von Kabeln bewirbt, spricht er offen darüber, dass er Tausende von nur einem Modell verkauft hat. Ob diese Aussage übertrieben ist, kann nicht überprüft werden, aber dass ihm der Verkauf mit Werkzeug mehr Geld gemacht hat als das Recycling von Kupfer ist offensichtlich.
Die Schaufel wirft das echte Gold ab
Der vermeintliche Kupfer-Hype entpuppt sich als klassische Mogelpackung der sozialen Medien. Während das mühsame Freilegen von Drähten im Keller real kaum mehr als den Mindestlohn einbringt, fließen die echten Gewinne über Klickzahlen und Affiliate-Provisionen in die Kassen der Content-Produzenten.
Das historische Gesetz des Schürf-Fiebers hat sich kein bisschen verändert, nur das Geschäftsmodell wurde digitalisiert: Die Schaufeln heißen heute Abisolierzangen und machen vor allem diejenigen wohlhabend, die sie vor der Handykamera in Szene setzen.
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