Alles, was ihr jemals benutzt habt, nahm im Kopf von Menschen Form an. Wir entwarfen und bauten es – so läuft es seit mehr als zehntausend Jahren. Doch diese Epoche endet.
Ein Start-up demonstriert auf eindrückliche Weise, wie die Zukunft des Ingenieurwesens aussieht. Angefangen von Entwurf bis zur Fertigung begünstigen sich zwei Technologien, die erst gemeinsam ihr volles Potenzial entfalten: KI und 3D-Druck.
Wir stellen euch die erfolgreich erprobte Blaupause für eine neue Vision der Ingenieurswissenschaften vor: anstatt Jahre von Zeichenbrett bis Produkt, nur noch Wochen – ein Trend, der inzwischen auch bei einem der wertvollsten Unternehmen der Welt um sich greift, SpaceX.
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Sprung nach vorn dank KI-Ingenieur
Vor einigen Jahren verantwortete sie die Aerodynamik von Lewis Hamiltons Weltmeisterauto bei Mercedes im Formel-1-Sport, heutzutage will sie Technikgeschichte schreiben: Josefine Lissner. Die Deutsche ist die eine Hälfte des Duos. Ihr Lebenspartner Lin Kayser vervollständigt Leap 71, deren wichtigste Mitarbeiter rein im Digitalen zu suchen sind.
Sie setzen nämlich auf einen neuen Ansatz: Künstliche Intelligenz, die selbst komplexeste Konstrukte entwerfen. Der Fachbegriff in der Branche hierfür lautet »Computational Engineering«. Der Rechenkern bei Leap 71 heißt Noyron. Das ist kein klassisches generatives Sprachmodell. Es entspricht mehr den KI-Werkzeugen, die wir euch hier schon mal vorgestellt haben:
- KI zeigt, wie wir unsere erste große Erfindung machten – und das Ergebnis überrascht selbst Forscher
- Ein intelligentes, digitales Chemielaboratorium, das Beton hervorbringt, der Kohlenstoffdioxide aufsaugt
Noyrons Spezialität liegt im Bereich Konstruktion von Geometrien. Stellt es euch vereinfacht so vor: Ingenieure geben ein Ziel vor, zum Beispiel ein Raketentriebwerk mit ungefähr umrissenen Leistungswerten. Hinzu kommen Angaben zu Fertigungsbeschränkungen, also was für Anlagen zur Verfügung stehen (Herstellung/Tests, etc.).
Ab hier übernimmt Noyron autonom den Entwurf, simuliert intern, was es konzipiert und gibt am Ende einen fertigungsreifen Plan aus. Dieser lässt sich in einem 3D-Drucker als Geometrie realisieren. Nach Ergänzung der nicht druckbaren Hardware wandert der Prototyp auf den Teststand und zündet.
Eben dieser geschilderte Vorgang lief bereits mehrmals erfolgreich durch – innerhalb von nur drei Wochen zwischen Eingabe der Startparameter und dem ersten Feuer. Klassischerweise nimmt dies Jahre in Anspruch. So entstanden komplett ohne menschliches Zutun bereits drei Raketentriebwerke:
- ein konventionelles, wenn auch kleines Düsentriebwerk, wie wir es auch von Raketen kennen – erfolgreich gestartet und laut Angaben von Leap 71 effizient verbrennend.
- ein Aerospike-Triebwerk, das aber nur mit Problemen anlief. Aerospikes verzichten gerafft formuliert auf die trichterförmige Düse und formen stattdessen den Schubstrahl frei um den namensgebenden Stachel (Spike). Sie bieten theoretisch eine Vielzahl von Vorteilen – Konstruktion und Betrieb gestalten sich aber aufwendig. Deshalb flog bisher noch nie eines.
- Darauf aufbauend entwickelte die KI eine Variante – zehnmal größer als der etwas störrische Vorgänger. Dieses neue Aggregat ist laut Leap 71 das komplexeste 3D-gedruckte Aerospike-Triebwerk der Welt.
Derweil spielen Leistungsdaten oder sonstige Kennwerte an dieser Stelle aber eine untergeordnete Rolle. Das Raptor- oder selbst das relativ altmodisch-konventionelle Merlin-Triebwerk von SpaceX sind um Längen überlegen. Die Verfahren zielen derzeit noch nicht darauf ab, direkt marktrelevante, verkaufbare und konkurrenzfähige Produkte herzustellen. Es braucht Beweise und Demonstrationen ihrer Reife als Technologie. Und Vertrauen scheint langsam aber sicher zu wachsen, wie eine technische Revolution im Inneren von SpaceX zeigt.
Groks Datenmahl
Im Juli 2026 legte Elon Musk als Chef des Raumfahrtunternehmens SpaceX offen, dass das Team ihrer hauseigenen KI einen »massiven Korpus an Weltklasse-Ingenieursdaten« übergeben hat. Er spezifiziert dies nicht, aber vermutlich handelt es sich dabei um Konstruktionsdateien, Testdaten, Simulationsergebnisse und implizites Ingenieurwissen aus den Falcon-, Dragon-, Starship- und Starlink-Programmen.
Grok soll dank dieser Wissensinfusion in Zukunft alle andere Modelle bei real weltlichen Ingenieuraufgaben übertreffen.
Passend dazu: xAI gehört seit einigen Monaten übrigens zu SpaceX, gleiches gilt für den Nachrichtendienst X. Musk bündelt alles unter einem Dach – und hierunter sollen gewaltige KI-Datencenter im Orbit Form annehmen. Das Prinzip dahinter haben wir euch hier anhand eines Mitbewerbers in diesem Sektor vorgestellt.
Musk geht derweil sogar noch einen Schritt weiter, indem er bei einer SpaceX-Betriebsversammlung im August 2026 behauptet, das Unternehmen wolle Grok auf der Gesamtsumme des institutionellen SpaceX-Wissens trainieren, inklusive Arbeit, Beiträgen und Ideen der Belegschaft. So sollen seine Angestellten zu den Eltern der KI avancieren, da Grok ihre Gedanken, Ideen und Überzeugungen
erben werde.
Dies geht über Leap 71s Ambitionen hinaus: Nicht nur formt Musk einen KI-Ingenieur, er transformiert in gewisser Weise Aspekte realer Menschen zu einem gewaltigen Digital-Ingenieur-Korpus auf Basis eines LLMs. Wie das mit Datenschutz-/Arbeitsrecht vereinbar ist, bleibt dabei hochgradig fraglich – wobei das zu anderen Problemen bei SpaceX passt: Auch beim Schutz seiner Mitarbeiter fällt Musks Konzern negativ auf.
Unvermeidbare Sorgen – aber potenziell auch Segen
Einschätzung der Redaktion (Gerald Weßel): Es braucht nicht mal Elon Musks unverhohlene Hybris, damit es mir eiskalt den Rücken runterläuft. Die Gefahren sind offenkundig und reichen weit über den Verlust von Arbeitsplätzen hinaus. Es kommt bei derartig scharf wie weit einschneidenden Innovationen auf Nuancen an, um sie gesellschaftsverträglich zu etablieren – letzteres ist für Musk augenscheinlich ein Fremdwort.
Leap 71s Vorgehen wirkt neben Groks leichtfertig bedienten Hungers nach Informationen geradezu zahm – und doch, im Kern verfolgen beide Unternehmen das gleiche Ziel, gehen aber unterschiedlich vor: Möglichst schnell innovieren, weit schneller als es mit purem humanen Intellekt möglich wäre.
Der Trend ist unübersehbar: Die Zeiten menschlicher Ingenieurskunst sind zwar noch nicht vorbei, aber auf Erden tüftelt in Zukunft mehr als nur eine Art Intelligenz – aber auch zu unser Glück. Denn bei aller berechtigten Sorge liegt in KI-Ingenieuren verschiedenster Art auch eine Chance.
Richtig eingesetzt, können sie helfen Leid zu lindern, Leben zu bewahren – und uns als Spezies voranzubringen. Die Verantwortung, ihre Fähigkeiten sinnvoll zu lenken, Risiken einzuhegen und Missbrauch zu minimieren, muss jedoch auf uns allen lasten – und keinesfalls nur auf den Schultern weniger überreicher Tech-Oligarchen wie Elon Musk.
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