Vor wenigen Monaten noch bejubelt, heute Altmetall: Starship und Booster in der Version 2 haben ausgedient. In den kommenden Tagen feiert die nächste Generation von Elon Musks Super-Schwerlastrakete ihre Premiere.
Mit einer umfangreichen Weiterentwicklung strebt SpaceX den Sprung zur Produktionsreife an. Denn Elon Musks Unternehmen will alsbald große Ziele erreichen - und die Konkurrenz weit hinter sich lassen. Das funktioniert nur mit einem Programm industriellen Maßstabs wie bereits bei der Falcon 9 - aber nicht mit gemächlich aufeinanderfolgenden Prototypen wie bisher.
Link zum Twitter-Inhalt
Wir gehen auf die wichtigsten Verbesserungen ein, die eine seit Langem anvisierte Revolution der Raumfahrt einläuten sollen. Dahinter steckt eine Neukonstruktion mitten im Testprogramm.
Flug 12 – Der Meilenstein
2025 war das Jahr der Version 2 des Starships, 2026 gehört der V3. In ihr soll sich alles vereinen, um zukünftige Missionen im Orbit sowie zu Mond und Mars zu bewältigen.
Nach mehreren von Problemen geplagten Testflügen im vergangenen Jahr erhofft sich SpaceX von der gereiften Variante weniger Kopfzerbrechen. Immerhin wollen die Ingenieure einiges gelernt haben, woraus zahlreiche Änderungen für das neue Design erwuchsen.
2:17
Das sind unsere Botschafter für die Ewigkeit jenseits des Sonnensystems - mit an Bord Clyde Tombaugh
Ziele des Testfluges 12 mit Booster 19 und Schiff 39
Der eigentliche Testflug wird den V2-Flügen stark ähneln, der Grund: SpaceX will die bisherigen Ergebnisse bestätigen und einen Vergleich zur alten Hardware ermöglichen. Erst wenn V3 mindestens all das demonstriert hat, was bereits V2 gelungen ist, steckt sich SpaceX grundlegend neue Ziele wie zum Beispiel das Betanken im Orbit, unter anderem für das Artemis-Programm. Der geraffte Ablauf:
- Start von Booster und Starship von Pad 2 der Starbase Texas.
- Abtrennung der Oberstufe (Starship), die weiter gen Weltall aufsteigt.
- Der Booster kehrt vereinfacht beschrieben um und wassert im Golf von Mexiko.
- Das Starship schlägt einen flachen, lang gezogenen (ballistischen) Bogen in etwa 230 Kilometer Höhe. Hierbei legt es etwa 19.000 Kilometer zurück - knapp einmal um den halben Globus. Über dem Indischen Ozean tritt es wieder in die Atmosphäre ein.
- Während des Abstiegs führt es einen simulierten Anflug aus, wie er später bei der Turm-Landung aussehen soll. Letztendlich setzt das Starship auf dem Wasser auf - wie der Booster rund eine Stunde zuvor.
- Bei diesem Flug plant SpaceX weder das Einfangen des Boosters noch das des Starships. Langfristig soll jede Stufe von einem der speziellen Fangtürme (Mechazilla genannt) in Empfang genommen und gesichert werden. Jeder Booster und jedes Starship tragen die gedankliche DNA der Wiederverwendbarkeit seit den ersten Entwürfen in sich.
Das erste V3-Starship soll laut SpaceX zu unserer Zeit am Mittwoch um 0:30 Uhr abheben. Auf der Website von SpaceX oder auf X könnt ihr live dabei sein. Am Starttag fügen wir euch hier noch einige weitere Links zu auf Deutsch kommentierten Livestreams ein. Den notwendigen Testlauf aller Triebwerke hat inzwischen auch der Booster hinter sich gebracht, wie diese zwei Videos auf X zeigen:
Link zum Twitter-Inhalt
Was unterscheidet V2 vom V3 beim Starship?
Die auch als Block 2 und Block 3 bezeichneten Versionen des Starships ähneln sich zwar äußerlich – weisen aber beim genauen Hinsehen schon hier große Unterschiede auf. Die stärkste Varianz finden wir gleichwohl im Inneren sowie buchstäblich bei dem, was ihm Feuer unter dem Hintern macht, den Triebwerken (Raptor V3).
Alles in allem erlauben uns Bandbreite und Tiefe der Neuerungen von etwas zu sprechen, was typisch für SpaceX ist: Der schlimmste Feind vom Guten ist das Bessere. Denn V3 ist eigentlich keine Weiterentwicklung, sondern quasi eine Neukonstruktion.
Die neuesten Iterationen von Super Heavy Booster, Starship sowie Raptor stehen gemeinsam sowie einzeln für eines: Annäherung an eine erste Produktionsversion. Denn obschon seine Schöpfer die zweiteilige Rakete als komplett wiederverwendbar designt haben, will SpaceX sie auch fließbandartig aus den Werkhallen (Megabays) rollen lassen. Es geht hier, wie bei Starlink und Falcon 9, um Masse – und daher irgendwann um Dutzende Flüge pro Jahr (via spacex).
Viel los am Raumhafen
Abseits des Starships ist auch einiges auf der Starbase in Texas los. Denn der erste Startturm, von dem aus alle bisherigen Testflüge starteten, hat einen Bruder bekommen. SpaceX baute in den vergangenen Monaten fleißig an einem neuen Pad – sie rüsteten hierfür allerhand Technik auf. Unter anderem schützen komplett neue Systeme die Infrastruktur vor den enormen Energien bei Starts. Ferner fällt die Technik zum Einfangen von Starships und Booster robuster aus.
Herausgekommen ist Pad 2, welches als Grundlage für alle zukünftigen Starship-Startplätze dienen soll. Pad 1 bleibt aber erhalten und soll ein Upgrade bekommen. Langfristig will Musks Unternehmen von beiden Türmen sowie weiteren in Florida und Kalifornien Starships starten - obwohl es seit Kurzem der Deutschen Bahn ähnelt.
Das ist alles neu beim Super Heavy Booster
- Höhe: Die neue Variante ragt etwa 72,5 Meter in die Höhe und übertrifft damit die V2 um 1,5 Meter.
- Der Hot-Stage-Ring ist jetzt ein fest verbautes Bauteil am Booster. Vereinfacht handelt es sich dabei um das Verbindungsstück zwischen Starship und Booster. Die neue Bauweise spart Gewicht und ermöglicht die Wiederverwendung mit der gesamten Startstufe.
- Triebwerke: Im Gegensatz zur V2 tauscht SpaceX alle 33 gegen V3-Raptoren. Allein der Schub erhöht sich durch das Update um etwa 20 Prozent. Mehr dazu weiter unten im Text.
- Grid-Fins: Der Super-Heavy-Booster trägt in seiner V3-Fassung nur noch drei Steuerflächen. Allerdings ist jede einzelne etwa 50 Prozent größer als eine der vier vorherigen. Generell gilt aber laut SpaceX: Geringeres Gewicht, verbesserte Aerodynamik, einfacheres Design und bessere Handhabung beim Landen am Turm. An ihnen bleibt der Booster nämlich buchstäblich an den Mechazilla genannten Fangarmen hängen.
Das ist alles neu beim Starship
- Höhe: Nahezu unverändert, aber interne Struktur überarbeitet
- Triebwerke: Auch hier kommen nur noch Raptor 3 zum Einsatz, insgesamt sechs an der Zahl.
- Nutzlast: Dank der Optimierungen an Starship, Booster und Triebwerken können nun laut SpaceX bis zu 100 Tonnen Fracht in den niedrigen Erdorbit gebracht werden – dort befinden sich die meisten Satelliten.
- Betankungshardware: Das Starship V3 stellt die erste Variante dar, die für aufwendigere Missionen im Sonnensystem betankt werden kann. Des Weiteren plant SpaceX spezialisierte Tanker-Starships, die Treibstoff an ihre Artgenossen abgeben können. Hier berühren wir ein Kernprinzip des Programms. V3 soll diese Fähigkeit unter Beweis stellen – ohne diese entfällt nämlich ein Großteil der geplanten Einsatzmöglichkeiten.
- Hitzeschild und Steuerklappen: Das Starship erhält in seiner neuen Version ebenfalls verbesserte Klappen sowie neue Hitzeschutzkacheln. Beides hatte sich beim Wiedereintritt als anfällig für Schäden gezeigt.
Ein vollgetanker Stack (Super Heavy Booster plus Starship) wiegt wahrscheinlich ungefähr 5.500 Tonnen - nochmal rund 400 Tonnen mehr als die V2. Eventuell unterschätzen diese Angaben das Gesamtgewicht aber sogar. Offizielle Angaben zum Trockengewicht des Systems existieren nicht. Die einzig klare Angabe neueren Datums lautet, dass vor einem Start mehr als 5.000 Tonnen Treibstoff in rund 45 Minuten in die Tanks fließen (via satnews).
Alles neu macht das Raptor V3
Bei Raketentriebwerken handelt es sich um extrem komplexe Maschinen, bei denen die Komponenten einem Zweck dienen: möglichst viel Schub aus einem flüssigen Treibstoff mithilfe von Sauerstoff (Oxydator) zu gewinnen. Für alle, die tiefer in die Funktionsweise einsteigen möchten, haben wir einen ausführlichen Guide für Einsteiger.
Das Raptor gilt als eine der besten Konstruktionen – insbesondere aufgrund seiner hohen Effizienz. Es steht bis heute allein auf weiter Flur: Es ist das bisher einzige Full Flow Staged Combustion
-Triebwerk auf dem Markt.
Die neue V3-Version setzt an, wo das V2 aufgehört hat: Optimierungen bei Schub, Zuverlässigkeit, Aufbau und Robustheit. Vor allem Letzterer ist sogar für Laien mit einem Blick auf das Äußere zu erahnen: Wucherten bei V1 und V2 noch etliche Komponenten außen herum und erweckte alles einen filigranen Eindruck, zeigt sich V3 aufgeräumt. Fast alle Leitungen verlaufen inzwischen im geschützten Inneren (via researchgate).
- Schub: Rund 20 Prozent höherer Maximalschub.
- Gewicht (inklusive zugehöriger Hardware an Booster/Starship): Anstatt fast drei, nur noch 1,7 Tonnen pro Triebwerk. Hier schlägt sich die massive Straffung und Vereinfachung aller Komponenten nieder, die schon das Erscheinungsbild erahnen lässt. Zudem entfällt der externe Hitzeschutz. Nun ist alles Empfindliche hinter entsprechend kühlenden und zugleich abschirmenden Schichten untergebracht. SpaceX erreicht hier nach eigenen Angaben eine nahezu 30-prozentige Verbesserung des Schub-Gewicht-Verhältnisses.
- Designt als Massenprodukt: Die neue Iteration sei zudem deutlich einfacher zu produzieren und rascher erneut zu verwenden, nachdem es unter einem Booster oder einem Starship seinen Dienst verrichtet hat.
- Kosten: Im Gegensatz zum Raptor betragen die Kosten nur noch 25 Prozent des ursprünglichen Preises. Das erste Raptor war also viermal so teuer wie ein Raptor 3.
2026: Grundpfeiler der Zukunft
Einschätzung der Redaktion (Gerald Weßel): Sollte der kommende Testflug auch nur größtenteils die Ziele abhaken, tritt SpaceX in eine neue Phase seines Starship-Programms ein. Die neue Variante dient als Fundament für alle geplanten Missionen: Ausbau der Starlink-Dominanz beim Weltrauminternet, Flüge zu Mond, Mars und darüber hinaus sowie Passagiertransport rund um die Erde in wenigen Stunden.
Es könnte also wahrlich das Jahr der V3 sein und als Meilenstein in die Geschichte der Raumfahrt eingehen. Zudem birgt Starship das Potenzial zu besiegeln, was vor mehr als zehn Jahren begann: das Ende der NASA als Legende, wie wir sie kennen. Die neue Rakete hat gleichzeitig erstmals mehr mit einem nutzbaren Produkt als mit einem Experiment vom Reißbrett gemein. Dennoch gilt: Das Starship veraltet, während es fliegt, ist es doch ehernes Prinzip von SpaceX rasch zu innovieren – auch wenn das Mitarbeitern die Gesundheit kostet.
Doch sollte diese Version mehr als nur die Kinderkrankheiten ihres Vorgängers erben, droht SpaceX eine Blamage. Denn obschon Starlink und Falcon 9 wirtschaftlich dominieren, symbolisiert Starship weit mehr als nur ein neues Produkt. Es steht für eine Wette von Musk auf die Zukunft von SpaceX. Starship V3 muss diese als stärkste, höchste und schwerste Rakete aller Zeiten einlösen.
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Dein Kommentar wurde nicht gespeichert. Dies kann folgende Ursachen haben:
1. Der Kommentar ist länger als 4000 Zeichen.
2. Du hast versucht, einen Kommentar innerhalb der 10-Sekunden-Schreibsperre zu senden.
3. Dein Kommentar wurde als Spam identifiziert. Bitte beachte unsere Richtlinien zum Erstellen von Kommentaren.
4. Du verfügst nicht über die nötigen Schreibrechte bzw. wurdest gebannt.
Bei Fragen oder Problemen nutze bitte das Kontakt-Formular.
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Nur angemeldete Plus-Mitglieder können Plus-Inhalte kommentieren und bewerten.