Es ist die Krönung für eine Raumkapsel: der Transport von Menschen. Die Anforderungen sind hoch, nur wenigen Vehikeln haben wir ihre Leben bisher anvertraut. Vor 10 Jahren saßen bei der NASA rund 20 Hochkaräter in einem Konferenzraum, um das nächste Mitglied dieses elitären Klubs auszuwählen.
Wer sollte in Zukunft Milliarden für sein Mini-Raumschiff erhalten, um regelmäßig Menschen zur Internationalen Raumstation (ISS) zu bringen? Boeing als Gigant der US Luft- und Raumfahrt oder SpaceX als Newcomer?
Heute wissen wir, dass ein Mann mit zwei Fragen die bemannte Raumfahrt für westliche Nationen auf Jahrzehnte hinaus gerettet hat. Er stellte die finalen Weichen im kommerziellen Crew-Programm.
Über die Ereignisse aus dem Jahr 2014 berichtet mit Eric Berger ein ausgewiesener Experte für die Raumfahrt. Der US-Amerikaner ist leitender Redakteur bei Ars Technica und schrieb darüber in seinem Buch: SpaceX, Elon Musk and the Reusable Rockets that Launched a Second Space Age
. Das Buch ist nur auf Englisch verfügbar.
Entscheidung mit astronomischer Tragweite
Mondlandung versus kommerzielles Crew Programm
Vor zehn Jahren ging es um das sogenannte kommerzielle Crew Programm
; nicht um die Mondladung. Boeing sowie SpaceX arbeiten beide gemeinsam mit der NASA daran, erneut auf dem Mond zu landen und dort dauerhaft Menschen leben zu lassen. Hieran wirkt auch OHB aus Deutschland mit. In Bremen wird hierfür die Orion-Raumkapsel gebaut. Als Trägerrakete soll das Space Launch System sowie zur Landung auf unserem Trabanten das Starship von SpaceX zum Einsatz kommen.
Philip McAlister begann seine Karriere bei der NASA 2005. Zuvor hatte er erste Erfahrungen in der Wirtschaft gesammelt sowie drei Uniabschlüsse erlangt; eine bunte Mischung aus BWL, Physik und Ingenieurswesen. Auch er saß mit an jenem Tisch im Jahr 2014, zählte aber nicht zur Führungsspitze per se innerhalb der Raumfahrtbehörde.
Der Sprung von organisieren schlicht Raumfahrt
hin zu denen, die Menschen ins All bringen
ist gigantisch. Deshalb wurde er als einer der letzten nach seiner Meinung gefragt; hier stand es bereits 15:0 für Boeing. SpaceX sollte komplett leer ausgehen. Das ergab für McAlister keinen Sinn.
Boeing und SpaceX lagen im Bewertungsschema nämlich fast gleichauf, aber Boeing war der etablierte Riese. Alle Veteranen am Tisch setzten auf den Konzern und das, obwohl SpaceX damals bereits zwei Jahre Fracht zur ISS mit seiner Cargo Dragon flog. Auf Basis dieser sollte die Crew Dragon entstehen.
Ferner veranschlagte Boeing rund 2/3 mehr, um ihre Kapsel, den Starliner, zur Serienreife zu bringen. Zudem verweigerte der Konzern von sich aus einen Test des Abbruch-Systems im Flug. Die NASA nahm aber einfach an, Boeing werde der Bitte letztendlich doch noch nachkommen.
McAlister begann Fragen zu stellen:
- Zahlen Bundesbehörden üblicherweise einem Anbieter 60 Prozent mehr, wenn beide Angebote technisch akzeptabel sind? Die Antwort: Nein, das wäre ungewöhnlich.
- Nimmt die NASA wirklich an, Boeing würde den weit teureren Test der Abbruch-Raketenmotoren im Flug für Notfälle wirklich umsonst als Dankeschön draufpacken? Die Antwort: Niemand wollte sich hierfür verbürgen.
Ihm gelang es so, die instinktive Bevorzugung des vertrauten Partners zu verhindern. SpaceX und Boeing sollten ihre Raumkapseln parallel entwickeln.
Doch es sollte noch ein paar Wochen dauern, bis die Öffentlichkeit davon erfuhr. Denn das Dokument, um zu begründen, weshalb Boeing alleinig beauftragt wird, war schon geschrieben worden.
Die Geschichte gibt Philip McAlister recht
Es erwies sich als klug, so vorzugehen: Mit dem Angriffskrieg Russlands zerbröckelte die Partnerschaft rund um die Sojus-Raumschiffe als Haupttransportmittel für Astronauten. Sie standen in den 2010ern quasi als alleiniger Garant für den Flug zur ISS ein, nachdem 2011 das letzte Space Shuttle die ISS angeflogen hatte.
Es sollte neun Jahre dauern, bis erneut Menschen 2020 an Bord einer westlichen Raumkapsel zur ISS starten konnten; sie saßen in einer Crew Dragon von SpaceX. Starliner ist selbst Ende 2024 noch nicht einsatzbereit, wie die Panne und das Stranden zweier Astronauten im Sommer 2024 zeigte (via Tagesschau).
Philip McAlister gehört inzwischen zum Führungsstab der NASA. Er ist Chefberater für alle kommerziellen Operationen der Behörde.
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