Prometheus: Der fast 5.000 Jahre alte Baum war der älteste der Welt - dann fiel er der Axt eines Wissenschaftlers zum Opfer

Der Fall Prometheus beleuchtet die komplexe Beziehung zwischen Mensch und Natur. Wohin führt unser Streben nach Wissen, wenn die Natur dafür zahlen muss?

So ähnlich sah »Prometheus« aus. (Bildquelle: Adobe Stock, Mr MatSSSS) So ähnlich sah »Prometheus« aus. (Bildquelle: Adobe Stock, Mr MatSSSS)

Die Beziehung zwischen Mensch und Natur ist eines der ältesten und zugleich aktuellsten Themen der Philosophie. Sind wir selbst Teil der Natur, oder ist Natur etwas, das rein mechanisch und uns gewissermaßen untergeordnet ist, das wir als Ressource nutzen und als bloßes Objekt der Forschung sehen können?

Hegel und anderen großen Denkern zufolge sind wir schlicht Natur, die über sich selbst nachdenkt. Und genau deshalb liegt darin sowohl unser größtes Potenzial als auch die größte Gefahr.

Diese Dualität spiegelt der Fall Prometheus wider. Prometheus ist dabei nicht der mythologische Titan, der den Menschen das Feuer und damit Erkenntnis und Zivilisation brachte, sondern ein 4.862 Jahre alter Baum. Oder besser gesagt: war.

Denn 1964 fiel er im Namen der Forschung dem damals 30-jährigen Doktoranden Donald Rusk Currey zum Opfer (via History.de).

Der Name ist dabei mehr als eine bloße Metapher. Wie die Figur aus der griechischen Mythologie steht auch der Baum für Erkenntnisgewinn – allerdings nicht ohne Opfer. Während der mythologische Prometheus bewusst leidet, um den Menschen Wissen zu bringen, wurde der Baum unfreiwillig zum Preis wissenschaftlicher Erkenntnis.

Auch wenn es sich dabei um ein Versehen handelte, stellt sich die Frage, wie weit Wissenschaft gehen darf, vor allem dann, wenn sie dabei unwiederbringliche Natur zerstört.


Natur ist mehr als unsere Umwelt auf der Erde. Auch das Weltall zählt dazu:

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Der Fall Prometheus

Konkret handelte es sich bei Prometheus um eine Langlebige Grannenkiefer. Wie der Name bereits andeutet, können diese Bäume ein außergewöhnlich hohes Alter erreichen.

In den White Mountains in Kalifornien finden sich etliche Exemplare, die über 4.000 Jahre alt sind. Eines soll sogar fast 5.100 Jahre alt sein, aber die Bohrkernprobe zur unabhängigen Überprüfung ist verschwunden. Und ohne verifizierte Zählung der Jahresringe gilt die Einschätzung nicht.

Deshalb trug lange Zeit eine andere dieser Kiefern den Titel des ältesten Baumes der Welt (via Conservation International). Sie hört auf den passenden Namen Methusaleh und hat bereits über 4.850 Geburtstage hinter sich.

An ihrer Stelle hätte aber auch Prometheus stehen können. Er lebte bis zu seinem Tod am Rande des Wheeler Peak in Nevada und war bereits mehrere Jahrhunderte alt, als die drei großen Pyramiden in Ägypten errichtet wurden. Doch er ging letztlich nicht wegen seines biblischen Alters in die Geschichtsbücher ein, sondern wegen des wissenschaftliches Dramas:

Denn Currey (1934-2004) wollte ursprünglich nur Bohrproben entnehmen, die der Baum wohl überlebt hätte. Allerdings brachen bei vier Versuchen zwei der Bohrer ab, weshalb er sich eine Genehmigung beim United States Forest Service einholte, Prometheus zu fällen.

Dabei war dem Wissenschaftler nicht bewusst, welch außergewöhnliches Exemplar er da vor sich hatte. Gemessen an den wissenschaftlichen Standards seiner Zeit handelte er also weder illegal noch besonders rücksichtslos.


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Was genau wollte Currey eigentlich?

Der damals junge Mann war Geologe. Er untersuchte die Klimaverhältnisse der Kleinen Eiszeit, einer Kälteperiode auf der Nordhalbkugel, die etwa von 1300-1900 andauerte.

Eines der Mittel, derer sich Currey dabei bediente, war die Dendrochronologie. Mithilfe von Baumringen lassen sich nicht nur Alter bestimmen, sondern auch Rückschlüsse auf vergangene Klimabedingungen ziehen. Gerade in einer Zeit, in der viele heutige Messdaten noch nicht existierten, galt diese Methode als besonders wertvoll.

Insofern stimmt es nur bedingt, dass Currey nicht wusste, was er da tat. Dass der Baum sehr alt war, war ihm bekannt, sonst wäre er gar nicht erst Gegenstand seiner Forschung geworden.

Allerdings ahnte weder er noch sonst irgendwer, dass es sich bei Prometheus um den ältesten Baum der Welt handelte.

Entsprechend groß war auch die Bestürzung, als sein Alter letztlich bestimmt wurde.

Doch ändert dieses Nicht-Wissen überhaupt etwas an der grundlegenden Frage? Reicht das als Rechtfertigung aus? Oder anders gefragt: Haben wir – hat die Wissenschaft – das Recht, selbst im Namen der Erkenntnis unwiederbringliche Natur zu opfern?

Ethische Verantwortung der Wissenschaft

Der sprichwörtliche Fall des Prometheus führte seinerzeit jedenfalls zu einem Umdenken im Umgang mit uralten Naturdenkmälern. Er machte die Kiefernart weltweit bekannt und trug maßgeblich zu strengeren Schutzmaßnahmen für besonders alte Bäume bei.

Gleichzeitig entwickelte sich auch die Dendrochronologie entscheidend weiter. Heute kommen in der Regel minimalinvasive Verfahren zum Einsatz, die Bäume nicht nachhaltig schädigen und dennoch verlässliche Daten liefern.

Prometheus ist damit nicht nur ein mahnendes Beispiel für die ethische Verantwortung der Wissenschaft gegenüber der Natur.

In gewisser Weise ist er – fast wie sein mythologischer Namensvetter – ein Bringer der Zivilisation: nicht allein durch das Feuer der Erkenntnis, sondern durch die Einsicht, dass Erkenntnis ohne Verantwortung in Zerstörung umschlagen kann.

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