Das mit Abstand teuerste Buch in meinem Bücherregal möchte uns helfen, die Zivilisation nach ihrem Untergang neu aufzubauen – und dann taugt es noch als echter Hingucker

Ich schaue mir für euch ein Lexikon der anderen Art an. Uns erwartet ein optisch wie inhaltlich wilder Luxus-Ritt durch Geschichte, Natur und Technik.

Mehr als nur ein Buch – ein illustriertes Versprechen, alles Wichtige zu enthalten, was uns als Zivilisation ausmacht. Erfüllt es das? Mehr als nur ein Buch – ein illustriertes Versprechen, alles Wichtige zu enthalten, was uns als Zivilisation ausmacht. Erfüllt es das?

Stellt euch vor, zu Weihnachten geht die Welt unter. Ärgerlich, anstatt vor Geschenken zu frohlocken, lastet alle Last der Menschheit auf euch. Denn jetzt, ist es eure Aufgabe, Ordnung, Versorgung und Technik neu aufzubauen.
Passenderweise findet ihr in einem halb zusammengebrochenen Bücherregal im Schutt einer nahen Ruine augenscheinlich genau das Richtige: Ein Bucheinband lugt unter Staub, Schutt und Geröll hervor: Der ultimative Wegweiser zum Wiederaufbau Einer Zivilisation

Der schwere Einband beherbergt eine auf antik getrimmte Reise, auf der wir lernen, unsere Welt und alles in ihr (neu) zu verstehen. Oder anders: es handelt sich um einen liebevoll durch Illustrationen bebilderter Almanach der Wissenschaft mit einem erzählerischen Twist.

Die Idee hinter dem Buch ist einfach, aber durchdacht und hebt es angenehm von herkömmlichen Lexika ab: Ihr lernt, worauf es für eine Zivilisation ankommt, um zu überleben, zu wachsen und zu gedeihen.

Ich stelle euch dieses hochpreisige Buch vor, das so manches Schmökerherz frohlocken lässt, vor allem wenn ihr wie ich kaum noch zum Lesen kommt. Denn einfach mal hinsetzen und in einem Buch blätternd versinken – für mich als zweifacher Familienvater kleiner Kinder muss das als eine echte Seltenheit gelten.

Das Exemplar wurde mir vom Verlag Hungy Minds kostenlos zur Verfügung gestellt. Der Verlag hatte keinen Einfluss auf den Inhalt dieses Artikels und bekam den Text nicht vor Erscheinen zu Gesicht.

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Das Manuskript für den Neustart

405 Seiten festen, griffigen Papiers in einem stabilen Einband, als hieltet ihr einen alten Wälzer in der Hand, bei dem nur noch die Staubschicht zur perfekten Requisite fehlt. An dem mehr als zwei Kilogramm schweren Band (22,9 mal 5,1 mal 30,5 cm) pappt allerdings ein beachtenswertes Preisschild: 120 Euro.

Warten hier goldene Buchstaben auf mit Stoff durchwebten Seiten auf mich? Beim Aufschlagen zerschlägt sich dieser, zugegeben dekadente, Gedanke rasch, doch es bleibt ein Gefühl, hier mehr als ein bloßes Lexikon in Händen zu halten. Die Themenpalette erweist sich erwartungsgemäß als breit: angefangen von grundlegendem Überleben und Naturmedizin, über erste Werkstoffe, Werkzeuge, Lebensmittel und Vehikel bis hin zu Dampfmaschinen, Ölraffination, Spiele, Musik oder Meditation.

Doch was hervorsticht und auch letztlich den Preis in die Höhe treibt, ist die Präsentation der Inhalte:

Bebilderter Aufbau des Buches
Die ersten Dinge

Medizin und Pflanzen

Tiere

Lebensmittel

Werkstoffe und Werkzeuge

Bauen

Mechanik

Optik

Elektrischer Strom

Segeln und Fliegen

Industrie

Militär

Alltagsleben

Kommunikation

Kunst und Musik

Der Mensch

Spiele

Delikatessen

Gesellschaft

Jede Seite lädt euch ein, in komplett neue Miniwelten abzutauchen. Da lernt wohl jeder was. Selbst, wenn ihr euch auf einem Gebiet wirklich gut auskennt, dürfte wenig Blättern später allerhand Neues auf Entdeckung harren. Beschreibungen, Tipps oder Erklärungen im Dutzend halten reichlich bereit. Egal ob ihr euch mit groben Zusammenhängen oder gerade obskuren Details unserer mannigfaltigen Existenz beschäftigen möchtet.

Durch das Buch hinweg, ziehen sich zwei Ebenen mit verschiedenen Ansprüchen: die eine bodenständig und inhaltlich auf Korrektheit getrimmt und die andere allen voran darauf bedacht, zu gefallen und erst dann zu informieren.

Texte: Angenehm geschriebene Passagen, die in jedes Thema immersiv einführen. Formuliert als wollten sie einem Überlebenden auf Erden helfen, klar- und voranzukommen. Was wir hier lesen, entspricht dem wissenschaftlichen Konsens.

Illustrationen: Bei aller grafischen Schönheit der Seiten, breitet sich hier ein komplexeres Feld vor uns aus. Denn während die Texte uns nicht in die Irre führen, nehmen sich die Zeichnungen mehr Freiheit heraus. Sie reichen von realistisch, wie einem Buch für Botanik entsprungen, bis hin zu verworren fantastisch.

Nicht selten schleichen sich Einflüsse aus Fantasie-Franchises oder Steampunkanleihen in die Abbildungen. Sie lassen bisweilen die Bilder fremdartig erscheinen – wobei es das neugierige Stöbern auf den Seiten nicht stört, sondern für mich eher noch bereichert. Das hängt jedoch sicher von euch ab. Ich kann aber gut nachvollziehen, wenn ihr diese Art von Präsentation ablehnt.

Klappt euch deshalb unbedingt durch die Beispielseiten etwas weiter oben.

Mein persönliches Fazit

Faszinierend, gruselig, erschütternd, erleuchtend, überraschend – nur einige der Begriffe, die beschreiben, was ich bei der Lektüre von »Der ultimative Wegweiser zum Wiederaufbau einer Zivilisation« empfand. Nicht alles riss mich gleichsam mit, doch vieles schenkte mir »Aha-Momente« oder erklärte mir erstaunlich detailliert Facetten von Umwelt oder Industrie, die mir bis dahin nur relativ oberflächlich oder auch gar nicht bekannt waren.

Jede (Doppel-)Seite zaubert mit ihrem ureigenen Charme oder manchmal auch skurrilen Horror etwas Besonderes aufs angenehm schwere, wertige Papier. Denn Texte sowie vor allem Grafiken richten sich auf angenehme Weise an ein reflektiert-erwachsenes Publikum, das wirklich zeitlich gerafft Neues erfahren möchte.

Für mich sticht derweil vor allem die Bandbreite heraus, die die Inhalte aufspannen. Ob Blinddarmentfernung ohne Hightech-Medizin, Grundnahrungsmittel, die Herstellung von Seilen aus Fasern oder verschiedenartige Knoten, ich staune mich voran und genieße meine Zeit mit dem Werk.

Ist dieses Buch aber jetzt 120 Euro wert? Ob ihr nach dem Kauf zufrieden seid oder stirnrunzelnd auf der Suche nach 5ern und 10ern durch die Seiten blättert, hängt entscheidend von eurer Erwartung ab.

Das hier ist kein Lesebuch, es ist ein lesbares Stück Dekoration, eine Mini-Sehenswürdigkeit für eure Freunde und Gäste – oder einfach ein Kleinod, in dem ihr aus Freude an Inhalt und Präsentation regelmäßig schmökert. Ich persönlich tendiere hier letztendlich zu einem Ja, aber. Preislich darf sich das Buch gerne im Luxussegment platzieren, aber die Preisgrenze von 100 Euro hätte es dann doch gerne halten dürfen.

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