Teure Smartphones kaufe ich hauptsächlich wegen der Hauptkamera. Möglichst viele Einstellungsmöglichkeiten, diverse Foto- und Videomodi und ein möglichst starkes Objektiv geben mir das Gefühl, für alle Eventualitäten gerüstet zu sein. Schließlich steckt die Kamera in der Hosentasche und ist nur einen Handgriff vom Schnappschuss entfernt.
Die extrem kompakte Ricoh GR 3 gibt mir nicht nur das Gefühl, für besondere Momente bestens gerüstet zu sein, sie übertrifft für mich (!) jede Smartphone-Kamera – in allen Belangen. Wo fange ich an? Warum habe ich mir überhaupt eine Kamera wie die Ricoh GR 3 gekauft?
Hinweis zur Transparenz: Die Ricoh GR 3 habe ich mir selbst gekauft. Der Hersteller hat keine Ahnung, dass dieser Artikel hier erscheint. Der Artikel spiegelt meine Erfahrungen der letzten drei Wochen wider, in denen ich die Kamera intensiv genutzt habe.
Eine Alternative zur Fujifilm X100VI
Ich bin Fujianer und eines ist klar gewesen: Früher oder später wird eine kleine Fujifilm mein Kamera-Regal zieren. Allerdings muss es unbedingt ein kompaktes Modell sein, das leicht in die (Jacken-)Tasche gleitet – ohne zusätzlichen Ballast, ohne Ausreden, sie zu Hause verstauben zu lassen. Am besten mit eingebauter Festbrennweite wie bei der X100 VI.
Das Problem: Die Fujifilm X100 VI ist gnadenlos ausverkauft: Wartezeit bis zu sechs Monaten, eher länger. Mit einem Preis von rund 1900 Euro ist sie auch kein Schnäppchen. Der Straßenpreis liegt aufgrund der Seltenheit sogar noch (deutlich) höher.
Geduld ist eine Tugend und das Gegenteil davon bin ich. Also informierte ich mich über diese eine Ricoh-Kamera, die im Internet als würdige Alternative zur erwähnten Fujifilm anerkannt wird.
»Ich muss die Welt durch einen Sucher sehen«
Heute kann ich wenigstens über die Sätze lächeln, die ich von mir gegeben habe. Die Ricoh GR 3 hat keinen (fest verbauten) Sucher. Deshalb habe ich sie jahrelang ignoriert, genauer gesagt, seit sie 2019 auf den Markt kam.
Fünf Jahre später habe ich sie in der Tasche oder in der Hand. Warum?
Zum einen, weil die Festbrennweite von 28 Millimetern mein absoluter Favorit ist und die Ricoh GR 3 genau diese Brennweite abdeckt. Außerdem hat die Kamera einen Crop für 35 und 50 Millimeter. Optional gibt es auch ein Modell mit 40 Millimetern, die Ricoh GR 3X.
Auf der anderen Seite braucht es keinen Sucher, um schöne Bilder zu zaubern. Es braucht eine Kamera, die man mitnimmt, so ulkig und dämlich logisch es klingen mag. Eine große Kamera wird nicht annähernd so oft mitgenommen wie ein kompaktes Modell. Selbst wenn ich mein Essen im Restaurant meines Vertrauens zwei Dörfer weiter hole, ist die Ricoh mit an Bord.
Wie oft nehmt ihr eure Kamera mit?
Die Bildqualität spricht für sich
Meine große Skepsis hielt bis zum Schluss an: Bildqualität, Einstellungen, Verarbeitung, optionaler Aufstecksucher. Vor dem Kauf habe ich mich ausgiebig informiert, aber eine Kamera in Videos zu sehen und in den Händen zu halten, ist ein oft unterschätzter Unterschied. Da spricht die leidige Erfahrung aus mir.
Beim Auspacken wurde schnell klar: Der Hersteller meint es ernst. Die Verarbeitung ist top! Für knapp über 1150 Euro sollte man wiederum auch nichts anderes erwarten.
Beim Fotografieren wird deutlich: Ricoh meint es äußerst ernst. Das 24-Megapixel-Objektiv schießt gestochen scharfe Bilder. Selbst bei schlechten Lichtverhältnissen kann das kleine Biest dank der relativ hohen Lichtstärke des Objektivs und des eingebauten Stabilisators noch einiges herausholen.
- Bei voller Blendenöffnung (f/2.8) legt die GR 3 eine ordentliche Leistung hin. Eine Vignettierung ist definitiv zu erkennen, aber wahlweise mit wenigen Klicks in der Nachbearbeitung verschwunden.
- Die ISO-Leistung ist in meinen Augen hervorragend. Unter ISO 1600 bleibt das Bild von Rauschen weitgehend befreit. Bei ISO 3200 fängt das Bild sichtbar an zu Rauschen, allerdings nicht zwingend negativ. Es wirkt wie eine schöne Körnung. Mein Motto: Lieber ein Bild mit Rauschen, als gar kein Bild.
- Der Dynamikbereich gefällt mir. In Kombination mit dem starken Kontrast bekommen die Bilder einen dramatischen Look.
- Die Ricoh GR 3 ist schnell. Knopfdruck, Linse fährt aus, los. Dank des flotten und zuverlässigen Autofokus ist der Schnappschuss in der Regel im Kasten.
- Natürlich nimmt die Kamera wahlweise auch in RAW auf, um mehr Freiheiten in der Bild-Nachbearbeitung zu erhalten.
Nachfolgend findet ihr neun Beispielbilder, die mit der Kamera entstanden sind. Aufgrund der Komprimierung unserer Webseite erscheinen die Bilder weniger scharf. Nach einem Klick respektive Tipp auf das entsprechende Bild, öffnet ihr das Foto über »In Originalgröße anzeigen« in voller Auflösung,
Die HDF-Version der Ricoh GR 3 hat einen »High Defusion Filter« an Bord (statt eines ND-Filters), der das Licht von Quellen streut und sie weicher erscheinen lässt. Deswegen sieht das Licht bei einigen Bildern so »poppig« aus. Geschmackssache.
So. viele. Möglichkeiten.
Die kompakte Kamera verfügt über ein übersichtliches Menü mit einigen Einstellmöglichkeiten. An der Kamera befindet sich etwa ein Einstellrad mit benutzerdefinierten Profilen (U1 bis U3). Wie bei vielen anderen Kameras lassen sich so separate Einstellungen abspeichern, die durch kurzes Drehen aufgerufen werden.
Praktisch ist das zum Beispiel bei den vielen Filmsimulationen, die Ricoh in die Kamera integriert hat. Optional kann man auch die vorhandenen Farbprofile bearbeiten. Als Grundlage dienen zahlreiche »Rezepte«, die im Netz zu finden sind.
Im App Store gibt es auch eine inoffizielle App mit einigen (kostenlosen) Farbprofilen, die sich sehr einfach in die Kamera integrieren lassen. Die Möglichkeiten sind schier unendlich und laden zum Experimentieren ein, um den besten Look für die eigenen Bilder zu finden.
Neben den beliebten Filmsimulationen stehen euch viele weitere Optionen offen:
- Belichtungsmodi: Die Kamera bietet verschiedene Modi, darunter Programmautomatik (P), Blendenpriorität (Av), Verschlusszeitpriorität (Tv) und manueller Modus (M), die etwa eine präzise Steuerung der Belichtung ermöglichen.
- Weißabgleich: Verschiedene Voreinstellungen und eine manuelle Anpassung des Weißabgleichs helfen euch wahlweise dabei, die Farbgenauigkeit unter verschiedenen Lichtbedingungen sicherzustellen.
- Autofokus-Modi: Die Ricoh GR III bietet mehrere Autofokus-Modi, einschließlich Mehrfeld-AF, Spot-AF, Tracking-AF und manuellem Fokus, um je nach Bedarf flexibel zu sein.
- Snap-Modus: Die Option ermöglicht, die Kamera so einzustellen, dass sie auf eine vordefinierte Entfernung fokussiert, was die Zeit für den Autofokusprozess beseitigt und die Auslösegeschwindigkeit erhöht. Praktisch für Street-Fotografie. Den Modus habe ich allerdings bislang nur sehr wenig getestet.
- Touchscreen-Bedienung: Der Touchscreen erleichtert die Navigation durch Menüs, das Heranzoomen in Bildern und die Auswahl von Fokuspunkten.
Die kleine Kamera bietet auch verschiedene Videomodi und -einstellungen. Bei einer solchen Kompaktkamera ist die Videofunktion für mich persönlich allerdings uninteressant.
Warum nicht mit dem Smartphone fotografieren?
Warum kann ein Smartphone die Ricoh GR 3 (für mich) nicht ersetzen? Abgesehen von der Bildqualität, die ein APS-C-Sensor im Vergleich zu einem Handy-Sensor mit sich bringt, bietet kein Smartphone (weder iPhone noch Android-Handy) die Einstellmöglichkeiten und Freiheiten der Ricoh GR 3.
Die Kompaktkamera verfügt über umfangreiche manuelle Einstellmöglichkeiten, mit denen ich Blende, Verschlusszeit, ISO und Weißabgleich präzise (!) steuern kann. Diverse Kamera-Apps unterstützen dies zwar im Ansatz auch, aber die Ergonomie spielt für mich hier die entscheidende Rolle.
Ich möchte Blende, ISO und Verschlusszeit mit Daumen und Zeigefinger an einem physischen Knopf einstellen – schnell, unkompliziert, einfach und mit spürbarem Feedback. Auf einem iPhone oder Android-Smartphone ist das alles auf einem Touchscreen viel weniger komfortabel. Da hilft auch die neue Kamerasteuerung des iPhone 16 nicht. Ein Smartphone erfüllt meine Ansprüche einfach nicht.
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iPhone 16: Mein erstes Fazit zur neuen Kamerasteuerung und wie sie funktioniert
Abgesehen davon liebe ich die Filmsimulationen, egal ob von Fujifilm oder Ricoh. Die meisten Bilder, die ich mir als Favoriten für einen späteren Ausdruck markiere, sind ohne Nachbearbeitung, out of camera.
Diese Filmsimulationen oder Rezepte speichere ich in den drei benutzerdefinierten Profilen, so dass ich bei Bedarf in Sekundenschnelle darauf zugreifen kann, um einer bestimmten Szene einen coolen Look zu verleihen.
Auch in Sachen Kompaktheit ist die Ricoh GR 3 auf Augenhöhe mit vielen Flaggschiffen da draußen - wenn nicht sogar kompakter. Ja, die Kamera hat für mich das Flaggschiff-Smartphone ersetzt.
Als würde man beim »Fotografieren Notizen machen«
In den letzten Wochen habe ich viel darüber nachgedacht, was das Fotografieren mit der Ricoh GR 3 am besten beschreibt. Der Street-Fotograf Sean Tucker hat es in einem Interview perfekt auf den Punkt gebracht:
»Eine visuelle Notiz von etwas machen«.
Link zum YouTube-Inhalt
Was meint er damit konkret? Im Gegensatz zu einer großen Kamera, die erst aus dem Rucksack geholt werden muss, führt der Weg mit der Ricoh in die Jackentasche und innerhalb weniger Sekunden folgt der Schnappschuss. Die Hürde, diese kleine visuelle Notiz zu machen, ist viel geringer, als für einen kurzen Schnappschuss die schwere Kamera aus der Tasche zu kramen. Man fotografiert einfach drauflos, egal ob die Motive interessant sind oder nicht.
Dank der kleinen Kamera fotografiere ich auch viel mehr als früher, lerne mehr dazu und habe viel mehr Momente, die sich jetzt leichter festhalten lassen.
Viele meiner Lieblingsbilder mit der Ricoh sind spontan entstanden, weil ich eine Szene interessant fand. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich dafür neun Sekunden meiner Zeit aufgebraucht habe.
Potenzielle Probleme mit der Ricoh GR 3
Das Gehäuse ist äußerst kompakt, was sich auch auf die Akkulaufzeit der Kamera auswirkt. Insbesondere bei intensiver Nutzung entlädt sich der Akku schnell.
Um ein Beispiel zu nennen: Nach etwa zwei Stunden sind mehr als die Hälfte der Akkuladung futsch. Auf meiner Einkaufsliste steht auf jeden Fall ein zweiter Akku zum Mitnehmen für längere Fotosessions.
Ein weiteres häufiges Problem ist das Eindringen von Staub, der sich dann auf dem Sensor ablagern kann. Das führt zu möglichen Flecken auf den Bildern. Sehr ärgerlich.
Bisher habe ich dieses Problem nicht festgestellt, allerdings ist die Kamera auch erst etwas mehr als drei Wochen in meinem Besitz. Um diesem möglichen Problem vorzubeugen, habe ich einen zusätzlichen Objektivschutz gekauft.
Man sollte auch bedenken, dass die Kamera nicht wetterfest ist und daher bei starkem Regen (oder sehr staubiger Umgebung) beschädigt werden kann.
Die Ricoh GR 3 ist eine emotionale Frage
Der Kauf einer Ricoh GR 3 ist für mich in erster Linie eine emotionale Angelegenheit, die viele weitere Fragen aufwirft:
- Wie oft wollt ihr fotografieren, dokumentieren und visuelle Notizen machen?
- Ist euch eine Kompaktkamera 1000 Euro wert?
- Wie wichtig ist euch ein fest verbauter Sucher oder ein Blitz?
- Könnt ihr euch mit den beiden Festbrennweiten (28 oder 40 Millimeter) anfreunden?
- Genügen euch die Bilder eures Smartphones?
Diese wichtigen Fragen werden euch kein Test, kein Fotograf und kein Bericht beantworten.
Aber ihr könnt euch sicher sein, dass das Wissen und die Erfahrungen mit der kleinen Kamera im Internet reichlich vorhanden sind und gerne geteilt werden. Bei Interesse findet ihr also unzählige Anlaufstellen, sei es auf YouTube oder in den sozialen Medien, um euch von der Kamera zu überzeugen – oder auch nicht. Die Erfahrung zeigt auch, dass die Community sehr offen für Fragen ist.
Für mich ist die Ricoh GR 3 genau das Puzzleteil, das mir bei der vergleichsweise großen Fujifilm gefehlt hat. Für meine Ansprüche ist sie die ideale Zweitkamera, die insgeheim durch ihre Kompaktheit und ihr geringes Gewicht zu meiner Hauptkamera geworden ist.
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