Als die Sigma BF letztes Jahr erschien, machte sie auch über die Grenzen der Fotografie-Welt hinaus Schlagzeilen. Ein Vergleich, der von vielen Plattformen und Content-Creators wiederholt wurde, war »die Kamera, die Apple gemacht hätte«.
Beim Blick auf die Kamera verwundert dieser Vergleich nicht. Sie besteht aus einem einzigen Aluminiumblock, setzt auf ein minimalistisches Design und erinnert entfernt an die MacBooks von Apple.
Ich habe mich sofort in das höchst ungewöhnliche Design der Kamera verliebt und sie mir nur wenig später selbst gekauft. Nach mehr als einem Jahr und über 10.000 Fotos später bin ich mir sicher: Der Apple-Vergleich hinkt gewaltig.
Faszination seit Tag 1
Selten hat mich ein Gadget so lange fasziniert, wie die Sigma BF. Ich war schon vor dem Kauf beeindruckt und selbst heute, mehr als ein Jahr später, nehme ich die Kamera jeden Tag voller Vorfreude in die Hände.
Exzellente Bildqualität
Die Sigma BF ist mit einem 25,3-Megapixel-Vollformat-Sensor ausgestattet. Die Bildqualität lässt für mich absolut keine Wünsche offen.
- Vollformattypisch ist das Freistellungspotential mit lichtstarken Objektiven hervorragend.
- Die Schärfe, das Rauschverhalten und der Dynamikumfang sind auf einem hohen Niveau.
- Die vorinstallierten Film-Simulationen sind fantastisch und lassen sich sogar anpassen. Die JPEGs direkt aus der Kamera sind somit schon ganz ohne Nachbearbeitung richtig schön.
- Die RAW-Dateien nutzen das gängige DNG-Format und sind daher mit nahezu allen Bildbearbeitungs-Tools kompatibel.
Die Bildqualität der Sigma BF ist hervorragend. Das hier sind unbearbeitete JPEGs. (Bildquelle: Duy Linh Dinh/GameStar Tech)
Bedienkonzept für Digital Natives
Sigma wollte mit der BF ein Bedienkonzept entwickeln, das nicht von der analogen Zeit inspiriert wurde (wie etwa bei Fujifilm oder Leica), sondern von Grund auf digital gedacht wurde.
Das Ergebnis ist eine clevere Bedienung mit nur wenigen physischen Tasten und Rädern.
Es gibt nur ein Drehrad, das gleichzeitig als Vierwege-Steuerkreuz eingesetzt werden kann. Drücke ich damit nach links, rechts, oben oder unten kann ich durch verschiedene Einstellungen wechseln, die mir auf dem kleineren zweiten Bildschirm angezeigt werden. Dann muss das Rad gedreht werden, um den angezeigten Wert zu ändern.
Um die Bedienung noch weiter zu beschleunigen und mit so wenigen Tasten möglich zu machen, gibt es einige Shortcuts, die auf den ersten Blick nicht offensichtlich sind:
- Ist der Auslöser halb durchgedrückt, kann man mit dem Rad die Belichtungskorrektur steuern.
- Bei Nutzung eines manuellen Objektivs kann man die Fokuslupe aufrufen, indem man den Auslöser halb durchdrückt und dann die Taste in der Mitte des Rades drückt.
- Bei Nutzung eines Autofokus-Objektivs und halb durchgedrücktem Auslöser lässt sich mit der Oben- und Unten-Taste auf ein nahes oder fernes Objekt umfokussieren.
- Berührt man die Play-Taste, ohne sie zu drücken, wird das zuletzt geschossene Foto angezeigt.
- Berührt man die Einstellungen-Taste, ohne sie zu drücken, werden Datum, Akkustand und die übrige Anzahl an möglichen Fotos angezeigt.
Die Bedienung ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, aber inzwischen bin ich absolut begeistert. Durch das zweite Display kann ich Fotos ohne HUD-Elemente schießen und mich vollkommen auf die Komposition konzentrieren.
Gleichzeitig kann ich vollkommen verstehen, wenn Fotografen und Fotografinnen lieber Kameras mit zig Knöpfen und Drehrädern bedienen wollen – es ist eine Typfrage. Das Fotografieren im vollständig manuellen Modus ist bei der Sigma BF zum Beispiel langsamer, vor allem wenn das Objektiv keinen Blendenring hat.
Bonus: Aufgrund der verbauten SSD ist das Scrollen durch geschossene Fotos deutlich schneller als bei Kameras, die auf SD-Speicherkarten setzen.
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Sigma BF: So sieht das schwarze Modell aus
Schneller Autofokus mit zuverlässigem Tracking
Obwohl die Sigma BF weit entfernt von einer Sportkamera ist, kann sie überraschend zuverlässig für solche Zwecke eingesetzt werden. Der Autofokus und die Motiverkennung sind überraschend zuverlässig und schnell.
Bei Menschen und Tieren stellt die Kamera auf die Augen scharf und sich bewegende Motive bleiben scharf gestellt.
Ein Design, das mich jedes Mal aufs Neue motiviert
Für viele Menschen ist eine Kamera nichts weiter als ein Werkzeug, das seinen Job verrichten soll. Das Design ist diesen Personen vollkommen zweitrangig oder gar egal; das ist auch vollkommen okay und verständlich.
Für mich ist es jedoch überaus wertvoll, wenn eine Kamera mich allein mit ihrem Design dazu inspiriert, sie in die Hand zu nehmen und damit loszuziehen. Es macht mir einfach unheimlich Spaß mit der Sigma BF zu fotografieren und das ungewöhnliche Design war der Starter für unzählige Gespräche mit Kollegen, Freunden und Fremden.
Keine andere Kamera sieht so aus wie die Sigma BF und ich applaudiere dem Hersteller für einen so gewagten Schritt.
Klare Schwachpunkte nach einem Jahr
Die Sigma BF hat ohne Zweifel Nachteile und Kompromisse. Einige davon hatte ich schon vor dem Kauf auf dem Schirm, andere hingegen haben sich erst nach langfristiger Nutzung offenbart.
Fangen wir mit dem Nachteil an, der mich am meisten stört:
Exzellente Verarbeitung – mit einer ärgerlichen Schwachstelle
Die Haptik der Sigma BF erinnert in ihrer Fertigungsgüte fast an eine Leica – gäbe es da nicht ein frustrierendes Detail an der Unterseite.
Die dort angebrachte Gummierung soll eigentlich für einen sicheren Stand sorgen und Oberflächen vor Kratzern schützen. Da das Material jedoch nur verklebt ist, dehnte es sich bei sommerlichen Temperaturen so stark aus, dass es sich stellenweise vom Gehäuse ablöste.
Ein Einzelfall ist das keineswegs: Im Sigma-BF-Subreddit häufen sich Berichte über exakt dieses Problem.
Link zum Reddit-Inhalt
Ein Einschicken an den Sigma-Service kam für mich dennoch nicht infrage. Zum einen wollte ich nicht wochenlang auf die Kamera verzichten, zum anderen bekämpfte ein neu aufgeklebter Streifen nur das Symptom. Im nächsten Sommer stünde ich womöglich wieder vor derselben Problematik.
Die pragmatische Lösung war ein Drittanbieter-Handgriff: Er verdeckt die Unterseite vollständig und verbessert ganz nebenbei auch noch die Griffigkeit des kompakten Gehäuses.
Kein Sucher, kein Klappdisplay – und wie man sich behilft
Dass die Sigma BF weder über einen elektronischen Sucher noch über einen Klappbildschirm verfügt, war mir bereits vor dem Kauf bewusst. Das Display leistet zwar hervorragende Arbeit und bleibt selbst bei hellem Tageslicht gut ablesbar, das klassische Fotografieren auf Augenhöhe habe ich mit der Zeit dennoch vermisst.
Der eigentliche Haken: Der Kamera fehlt ab Werk selbst ein einfacher Zubehörschuh, um optische Aufstecksucher nachzurüsten.
Die Lösung lieferte die Community: Der Entwickler »robotmay« hat einen 3D-druckbaren Ring entworfen, der der BF nachträglich einen Coldshoe spendiert. Da ich selbst keinen 3D-Drucker besitze, habe ich mir das Teil unkompliziert über einen Online-Druckdienst anfertigen lassen.
Seitdem nutze ich die Kamera mit zwei verschiedenen Aufsätzen:
- Leica 5-cm-Sucher: Auch wenn der Sucher logischerweise nicht exakt das Signal des Sensors wiedergibt, macht das Fotografieren damit enorm viel Spaß. Da er die Szene im Maßstab 1:1 abbildet, kann ich beim Fotografieren beide Augen geöffnet lassen. Der Leuchtrahmen legt sich wie ein natürliches 50-mm-Overlay direkt ins eigene Blickfeld.
- Winkelsucher: Ein Aufsatz mit 90-Grad-Umlenkung erlaubt es mir, von oben herab durch den Sucher zu blicken, fast wie bei einer klassischen zweiäugigen Mittelformatkamera (TLR). Das entschleunigt die Bildkomposition und eignet sich hervorragend für Aufnahmen aus der Hüfte.
Ein Aufsteck-Winkelsucher ermöglicht mir das Fotografieren aus der Hüfte. (Bildquelle: Duy Linh Dinh/GameStar Tech)
Der Akku erfordert Umdenken
Die Akkulaufzeit der Sigma BF ist nicht besonders gut, verglichen mit anderen Systemkameras. Nach etwa 200 bis 300 Fotos geht ihr der Saft aus.
Für gewöhnlich empfiehlt es sich daher, mehrere Akkus zu kaufen. Da gibt es nur ein Problem: Akkus für die Sigma BF sind sündhaft teuer und Drittanbieter-Akkus gibt es bis heute nicht. Der Original-Akku kostet 100 bis 120 Euro.
Jahrelang hatte ich für jede meiner Kameras mindestens einen Ersatzakku, aber bei der Sigma BF musste ich umdenken. Stattdessen habe ich sie eher behandelt wie ein Smartphone, bei dem man den Akku auch nicht austauschen kann.
Bei langen Fotografie-Tagen hatte ich deswegen immer eine Powerbank dabei. Die Sigma BF lässt sich mit angeschlossener Powerbank oder Stromkabel ohne Einschränkungen weiterverwenden.
Solltet ihr euch die BF selbst holen wollen, würde ich euch daher eher den Kauf einer hochwertigen Powerbank empfehlen, anstatt teuer einen zweiten Akku und das teure Ladegerät zu kaufen. Ihr spart Geld und stellt dennoch sicher, dass die Kamera immer genügend Ladung hat.
Fazit: Persönlicher Gamechanger mit Verbesserungspotenzial
Die Sigma BF war für mich nach über 10.000 Auslösungen eine echte Offenbarung. Vor allem aber hat das vergangene Jahr gezeigt, warum der anfängliche Vergleich mit Apple ihr nicht gerecht wird. Apple baut Produkte für die breite Masse: glatt geschliffen, selbsterklärend und darauf ausgelegt, niemanden vor den Kopf zu stoßen.
Die Sigma BF ist so ziemlich das genaue Gegenteil. Sie ist eigensinnig, unvollkommen und verlangt Zugeständnisse.
Nach einem Jahr sprechen starke Argumente gegen sie: Ein sich lösender Gummiboden, kein Sucher, kein Klappdisplay und eine Akkulaufzeit, die mich zum Umstieg auf einen Powerbank-Workflow gezwungen hat. An fast jeder anderen modernen Kamera wären das klare K.-o.-Kriterien.
Dass sie trotzdem meine meistgenutzte Kamera geworden ist, liegt an ihrem Mut zur Reduktion. Sigma hat nicht versucht, ein analoges Bedienkonzept mit Knöpfen und Rädchen zu imitieren, sondern ein digitales System von Grund auf neu gedacht.
Nachdem mein Muskelgedächtnis die wenigen Gesten und Shortcuts erst einmal verinnerlicht hat, fühlt sich die Bedienung moderner und direkter an als an fast jedem Konkurrenzmodell.
Zusammen mit der hervorragenden Sensorleistung, der schnellen internen SSD und dem ikonischen Gehäuse entsteht ein Gesamtpaket, das mich bis heute jeden Tag aufs Neue zum Fotografieren animiert.
Die Geschichte hinter der Gründung von Sigma: Ein Vater vererbt seinem Sohn ein Unternehmen, das er nie wollte – er machte es zu einem Giganten der Fotografie
Die Sigma BF ist auf keinen Fall eine All-Rounder-Kamera. Wer ein universelles Arbeitstier für alle Eventualitäten sucht, wird an ihren Eigenheiten verzweifeln und sollte lieber zu Canon, Sony oder Nikon greifen.
Wer sich jedoch auf ihr Konzept einlässt, bekommt ein zuverlässiges und erfrischend anderes Werkzeug, das sich oft mehr anfühlt wie ein Pinsel als ein Schraubendreher.

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