Der Smartphone-Industrie wird immer wieder vorgeworfen, nicht innovativ genug zu sein. Das Design ist größtenteils festgefahren, die Handys werden lediglich schneller und effizienter und eine Revolution steht schon lange aus.
Eine Sparte, die hingegen ständig weiterentwickelt wird, sind die Kameras der Smartphones. Diese sind inzwischen so gut, dass sie die günstigen Kompaktkameras nahezu vollständig vom Markt verdrängt haben.
Doch was ist mit Premium-Kompaktkameras und günstigen Systemkameras? Können künftige Smartphones diese ersetzen? Ich glaube schon.
Smartphones-Kameras verwenden endlich größere Sensoren
Smartphones mussten sich schon immer mit winzigen Bildsensoren begnügen, da in den Gehäusen einfach nicht genug Platz für einen größeren vorhanden war. Inzwischen wachsen Handys von Generation zu Generation an, was sich positiv auf die Kameratechnik ausgewirkt hat.
Dies war einer der Gründe dafür, warum Xiaomi Chef Lei-Jun keine kleinen Handys mehr produzieren möchte.
In letzter Zeit erscheinen immer mehr Smartphones, die auf größere Bildsensoren setzen. Den Anfang hat ein Unternehmen gemacht, das einst den Handy-Markt dominierte: Nokia.
Das 2012 erschienene 808 Pureview besaß einen, selbst für heutige Verhältnisse, sehr großen 1/1.12 Zoll Sensor mit einer Auflösung von 41 Megapixeln. Heute erscheinen immer mehr Handys, die ähnliche oder sogar noch größere Bildsensoren bieten.
Ein gutes Beispiel dafür ist das neu erschienene Xiaomi 13 Ultra. Dieses besitzt einen 1-Zoll-Sensor, welche jahrelang nur in Premium-Kompakt- und Bridgekameras verbaut wurden.
Ein Bildsensor dieser Größe erlaubt euch, auf natürliche Art und Weise mit einer geringen Tiefenschärfe zu spielen, ohne dabei auf einen künstlichen Portrait-Modus zurückgreifen zu müssen (obwohl diese heute auch schon sehr gut sind).
Erste Smartphones erscheinen mit variablen Blenden
Die Belichtung eines Fotos wird durch drei Faktoren bestimmt: die Empfindlichkeit der Aufnahmefläche (ISO), die Belichtungszeit und die Blende. Obwohl Smartphones schon lange manuelle Modi anbieten, bei denen man eigene Einstellungen vornehmen konnte, blieb letztere für Fotografen bisher unantastbar.
Was macht eine Blende?
Die Blende im Kameraobjektiv reguliert die Lichtmenge, die auf den Sensor fällt. Eine größere Blendenöffnung ermöglicht das Fotografieren bei schlechten Lichtverhältnissen oder das Verwenden einer niedrigeren Empfindlichkeitseinstellung, um das Bildrauschen zu minimieren.
Außerdem kann eine größere Blendenöffnung zu einem verschwommenen Hintergrund führen, was besonders bei Porträts beliebt ist.
Eine kleinere Blendenöffnung erweitert die Schärfeebene, was sich besonders für Landschafts- oder Street-Fotografie eignet und mehr Bereiche des Bildes scharf darstellt.
Smartphone-Kameras verfügten bisher über feste, unveränderliche Blendenöffnungen. Da die Sensoren in Smartphones klein sind, wurden Objektive mit einer großen Blendenöffnung verwendet, um möglichst viel Licht einzufangen. Trotz der großen Blendenöffnung blieb die Schärfeebene aufgrund der kleinen Sensoren jedoch weitgehend unverändert.
Aus diesem Grund war es lange Zeit schwierig, mit Smartphones Bilder mit einer geringen Schärfentiefe zu erstellen.
Mit dem Wachsen der Bildsensoren sinkt nun die Schärfentiefe, weshalb eine variable Blende in Smartphones immer wichtiger wird. Genau deswegen existieren schon einige, die eine sogenannte »Dual-Aperture« besitzen.
Dabei handelt es sich um eine Kamera, die zwei Blendeneinstellungen hat: Eine große und eine kleine:
- Möchte man einen verschwommenen Hintergrund oder bei schlechten Lichtverhältnissen fotografieren, wählt man die große Blende.
- Ist einem eine große Schärfentiefe wichtig, bei der sowohl Hintergrund als auch Vordergrund scharf dargestellt werden soll, wählt man die kleine.
Das erste Smartphone, das einen solchen Mechanismus besaß, war das Samsung Galaxy S9.
Das Huawei P60 geht jetzt sogar einen Schritt weiter und bietet eine komplett variable Blende von F/1.4 bis F/4.0. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Trend weiter verfolgt wird und andere Hersteller aufspringen.
Klassische Fotografie trifft auf Machine Learning
Die klassische Fotografie ist an physikalische Gesetze gebunden: Ein großer Sensor erfordert ein großes Objektiv, damit genug Licht auf diesen fallen kann. Ein ordentliches Teleobjektiv benötigt eine längere Brennweite, weshalb sie nicht in Handys hineinpassen.
Um Limitierungen wie diese zu umgehen, hat sich in Smartphones eine komplett neue Kategorie der Fotografie entwickelt - Computational Photography.
Für Portraits mit einem verschwommenen Hintergrund wird für gewöhnlich ein großer Sensor mit einem Objektiv mit großer Blende und einer längeren Brennweite benötigt. In Smartphones reicht inzwischen das Aktivieren des Portrait-Modus. Dieser erkennt intelligent, welcher Teil des Bildes freigestellt werden soll und lässt den Hintergrund verschwimmen.
Für rauschfreie Fotos ist unter anderem eine niedrige Empfindlichkeit oder ein großer Sensor nötig. Handys wie das Google Pixel 7 können inzwischen mit KI erfolgreich Bereiche erkennen, in denen das Rauschen entfernt und nachgeschärft werden soll.
Dies sind nur zwei Beispiele, wie die Computational Photography die physischen Limitierungen von Handy-Kameras umgeht. Da Smartphones immer größer werden, können die Hersteller endlich größere Bauteile verwenden und sich so den dedizierten Kameras annähern.
Die restlichen Schwächen könnten in Zukunft von KI und maschinellem Lernen weiter ausgeglichen werden.
Ich bin auf jeden Fall gespannt darauf!
Ersetzen Handys die dedizierte Kamera?
Dinh Linh Duy: Die Antwort ist: Jein.
Es ist möglich, dass Edel-Kompaktkameras wie die Panasonic LX-100 oder die Sony RX-100 in Zukunft Schwierigkeiten haben werden, sich auf dem Markt zu behaupten. Moderne Handys verwenden bereits Bildsensoren, die genauso groß sind wie die von Premium-Kompaktkameras.
Darüber hinaus bieten Handys zusätzliche Kameras, wie Ultraweitwinkel- und - dank Periskopen - auch Teleobjektive, die eine große Vielseitigkeit beim Fotografieren ermöglichen.
Trotzdem gibt es Bereiche der Fotografie, die ein Handy womöglich niemals so gut abdecken kann wie eine Kamera mit einem spezialisierten Objektiv: Wildlife-Fotografie mit extremen Brennweiten, Nahaufnahmen mit Makroobjektiven oder Ganzkörperporträts mit Freistellung.
Für mich persönlich hat das Handy eine Kategorie komplett ersetzt: die »Immer-Dabei-Kamera«. Zugegeben haben Edel-Kompaktkameras mit einem sehr großen APS-C-Sensor, wie die Ricoh GR III, eine deutlich bessere Bildqualität, jedoch ist die Qualität der Smartphone-Bilder inzwischen gut genug für mich, um die Ricoh daheim zu lassen und nur das Handy mitzunehmen - was ich ohnehin immer dabei habe.
Künftig könnte ich mir vorstellen, auf eine dedizierte Systemkamera mit Wechselobjektiven gänzlich zu verzichten. Das liegt weniger daran, dass Smartphones bessere sind, sondern eher daran, dass sie für meine Zwecke ausreichen - und dazu sind Smartphones praktischerweise noch viel mehr als nur eine Kamera.
Hier ist meine Frage an euch: Besitzt ihr selbst eine Systemkamera mit Wechselobjektiven oder eine Premium-Kompaktkamera? Würdet ihr diese mit einem Smartphone ersetzen oder habt ihr das schon längst? Könnt ihr euch vorstellen, dass Computational Photography sich so weit entwickelt, dass sogar Systemkameras obsolet werden? Schreibt eure Meinung dazu in die Kommentare!
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