Tödlicher Job im Kino: Warum fast jeder dritte Filmgeologe den Abspann nicht erlebt

Forscher haben 141 Kinofilme ausgewertet. Das Ergebnis ist düster: Sobald ein Wissenschaftler Steine klopft, steht im Drehbuch sein Todesurteil.

Der Mauna Loa ist eine wahre Fundgrube für Geologen. (Bildquelle: USGS) Der Mauna Loa ist eine wahre Fundgrube für Geologen. (Bildquelle: USGS)

Wenn in einem Film der Boden plötzlich zu beben beginnt, ein Berg verdächtig grollt oder sich aus dem Nichts ein Riss auftut, dauert es meist nicht lange, bis ein Geologe die Szene betritt.

Oft trägt er ein kariertes Hemd, blickt auf eine Messkurve, kniet vor einer Spalte oder nimmt einen Stein in die Hand, der allen anderen bis eben noch harmlos erschien.

Dann sagt er einen Satz, den niemand hören möchte:

»Wir müssen hier weg.«

Doch das wird abgetan.

Nur allzu oft ist das das Schicksal wissenschaftlicher Figuren im Kino. Sie erkennen früher als alle anderen, was geschehen wird, und sind dennoch kaum in der Lage, es zu verhindern. Ihre Erkenntnis ist daher kein Schutz, sondern der dramaturgische Einstieg.

Der Wissenschaftler erkennt die Gefahr, damit das Publikum sie erkennt.

Danach darf die Handlung beginnen.

Bei Geologen endet diese Aufgabe allerdings auffällig oft tödlich.

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Gut jeder dritte Filmgeologe stirbt

Vier Forscher der Universität Göteborg haben über Jahre hinweg Daten zusammengetragen und ausgewertet, wie ihr eigener Berufsstand auf der Leinwand dargestellt wird.

Dabei fanden sie 141 Kinofilme mit insgesamt 202 Geologen – 69 davon sterben.

In etwa jeder dritte Filmgeologe erlebt also den Abspann nicht.

Das klingt zunächst wie eine Studie, die vor allem wegen ihrer kuriosen Statistik Aufmerksamkeit bekommt. Doch dahinter steckt eine grundlegendere Beobachtung: Filme verbinden Wissen, Kompetenz und Gefahr auf eine sehr spezielle Weise.

Für diese Art von Figur eignet sich der Geologe besonders gut.

Denn sein Arbeitsplatz ist selten das sterile Labor. Stattdessen liegt er oft abseits der Zivilisation, im Gebirge, in der Wüste, in einer Mine oder direkt am Kraterrand. Und selbst auf fremden Planeten geht es kaum ohne ihn.

Wo auch immer es Gestein gibt, lässt sich ein Grund finden, einen Geologen der Gefahr auszusetzen.

Im Film beschäftigt er sich außerdem mit Dingen, die oft unbeweglich aussehen und es doch nicht sind.

Berge brechen auf. Küsten versinken. Und Erdplatten verschieben sich.

Die Geologie verdeutlicht, dass Stabilität oft nur eine Frage der Zeit ist. Was für einen Menschen ewig unveränderlich wirkt, kann sich urplötzlich in Staub, Lava oder einen Abgrund verwandeln.

Das Kino liebt solche Verwandlungen.

Womöglich sogar mehr als Geologen es selbst tun.

Der moderne Seher mit Messgerät

Pierce Brosnan in Dantes Peak. (Bildquelle: IMDB) Pierce Brosnan in Dante's Peak. (Bildquelle: IMDB)

Der Lieblingsfilm der schwedischen Forscher ist folgerichtig »Dante’s Peak«. Sieben Geologen treten im Blockbuster von 1997 auf, mehr als in jedem anderen Film, den sie überprüft haben.

Pierce Brosnan spielt dabei den Vulkanologen Harry Dalton. Er erkennt früh, dass der vermeintlich ruhige Berg über der gleichnamigen Kleinstadt erwacht. Die Verantwortlichen zögern jedoch, weil wirtschaftliche Interessen wissenschaftlicher Vorsicht gegenüberstehen. So muss der Experte erleben, wie seine Prognose unaufhaltsam Wirklichkeit wird.

Es ist ein vertrautes Muster des Katastrophenkinos.

Der Geologe ist so etwas wie der moderne Seher. Er deutet zwar keine Sterne, dafür misst er Schwefelwerte, untersucht Gestein und beobachtet seismische Ausschläge.

Seine Warnungen beruhen daher nicht auf Visionen, sondern auf Daten.

Trotzdem ergeht es ihm wie der mythologischen Kassandra: Je unbequemer seine Erkenntnis, desto geringer die Bereitschaft, sie zu hören.

Dass der Filmgeologe meist eine sympathische Figur ist, passt dazu. Denn er erschafft das Unheil nicht. Ein Vulkan muss nicht erst gebaut und ein Erdbeben nicht vorab programmiert werden.

Der Geologe entdeckt so gut wie immer eine Gefahr, die bereits existiert. Seine Aufgabe besteht auch nicht darin, die Natur zu beherrschen. Er muss nur ihre Zeichen verstehen.

Vielleicht macht ihn gerade das so vertrauenswürdig.

Und vielleicht auch so entbehrlich.

Wenn der Experte stirbt

Das Kino hat ein kompliziertes Verhältnis zu kompetenten Nebenfiguren.

Solange sie leben, machen sie das Unbekannte greifbar. Sie erklären, was geschieht, welche Gefahr droht und wie man ihr womöglich entrinnt. So geben sie der Geschichte Struktur und Orientierung.

Dadurch nehmen sie ihr aber auch einen Teil des Schreckens.

Wer die Lage versteht, ist ihr zumindest geistig nicht völlig ausgeliefert.

Der Tod des Experten ist daher oftmals notwendig, um die Unsicherheit wiederherzustellen.

Denn wenn der Geologe stirbt, verliert die Gruppe nicht einfach nur irgendeinen Menschen. Sie verliert ihren Deuter. Die Überlebenden müssen mit einem Wissen auskommen, das sie in der Regel nur halb verstanden haben.

Man könnte daher sagen, der Geologe stirbt im Film gewissermaßen an seiner Funktion.

Er muss nah genug an die Bedrohung herantreten, um sie zu erkennen und zu verstehen. Der Astronom kann ein gefährliches Objekt aus großer Entfernung beobachten. Der Geologe hingegen ist gezwungen, auf den Berg zu gehen, in den Schacht zu schauen oder an der Bruchkante entlangzuwandern.

Sein Wissen entsteht durch Nähe.

Und Nähe ist im Kino selten gesund.

Keine filmische Naturkonstante

Ganz wörtlich sollte man die Studie allerdings nicht nehmen.

Die untersuchten Filme stammen überwiegend aus den USA und Großbritannien. Außerdem treten Geologen besonders häufig in Katastrophen-, Abenteuer- und Science-Fiction-Filmen auf – also in Genres, in denen es grundsätzlich zu mehr Todesfällen kommt.

Auch einen Vergleich mit anderen wissenschaftlichen Berufen gibt es nicht. Ob Geologen wirklich die gefährdetsten Forscher der Filmgeschichte sind, lässt sich deshalb nicht sagen.

Die Zahl bleibt trotzdem bemerkenswert. Nicht weil sich davon eine Rangliste tödlicher Berufe ableiten ließe, sondern weil sie ein Bild sichtbar macht, das stets wiederkehrt.

Auf der Leinwand ist der Geologe meist freundlich, kompetent und dabei erstaunlich oft männlich – auch wenn der Anteil in jüngeren Filmen langsam abnimmt und sich damit der Realität etwas nähert.

Im Kino waren Geologen gemäß der schwedischen Studie bis 1995 zu 95 Prozent Männer. An den US-Hochschulen gingen dagegen bereits um 1990 knapp 30 Prozent der geowissenschaftlichen Abschlüsse an Frauen.

Typischerweise tragen er oder sie praktische Kleidung, bringen Messgeräte mit und wissen, was unter der Oberfläche lauert.

Ihr Wissen treibt die Handlung entscheidend voran.

Ihr Tod ebenfalls.

Die Erde selbst ist in diesen Filmen zwar Bedrohung, aber kein Bösewicht. Sie verfolgt niemanden und schmiedet keine Pläne. Ein Vulkan bricht nicht aus, um eine Stadt zu bestrafen.

Genau diese Gleichgültigkeit der Natur macht Katastrophen im Kino so wirksam.

Gegen einen Schurken kann man kämpfen, mit ihm verhandeln oder ihn überlisten.

Mit einer Magmakammer ist das etwas schwieriger.


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Den Geologen kommt deshalb eine tröstliche und zugleich undankbare Rolle zu. Sie versprechen, dass selbst das Gewaltige lesbar ist. Für sie gibt es klare Anzeichen, eindeutige Messwerte und logische Zusammenhänge.

Sie können erklären, was geschieht.

Doch Erklärungen sind im Katastrophenfilm immer nur geliehen. Irgendwann müssen sie der Erfahrung weichen: dem Ausbruch, dem Einsturz, der Flucht, dem Feuer und dem Lärm.

Dann haben Geologen ihre Aufgabe erfüllt.

Sie haben dem Publikum gezeigt, wo der Riss verläuft.

Dass sie selbst hineinfallen, ist vielleicht nur die brutalste Form filmischer Konsequenz.


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