Vor 40 Jahren gelangte ein Atomkraftwerk nahe der sowjetischen Stadt Pripyat zu zweifelhafter Bekanntheit: Wenige Tage nach den Ereignissen in Tschernobyl blickte die ganze Welt mit Furcht in die heutige Nordukraine.
Als am 26. April 1986 ein Sicherheitstest Konstruktionsschwächen offenlegte, ereignete sich eine Explosion. Seitdem ranken sich um das Ereignis, seine Folgen und den heutigen Zustand vor Ort. Nur etwa 100 Kilometer nördlich der ukrainischen Hauptstadt Kiew liegt eines der wohl berüchtigtsten Gebiete auf der Erde.
Wir gehen Tschernobyl in einer zweiteiligen Serie auf den Grund. Dies ist der erste Teil, der sich mit der Katastrophe und den unmittelbaren Folgen beschäftigt. Teil 2 (erscheint morgen um 10 Uhr) geht auf die Schutzmaßnahmen im Laufe der Zeit sowie den heutigen Zustand ein. Als Leitlinie dienen uns dabei immer wieder geläufige Mythen oder Fragen.
Tschernobyl damals
Bei dem Vorfall im April 1986 drehte sich alles um einen von vier Reaktoren, Nummer 4. Reaktoren 1, 2 und 3 waren nicht Ursache des Unglücks. Solch ein Quartett stellt derweil kein Novum dar. Die meisten damaligen sowie heutigen Atomkraftwerke verfügen über mehrere Reaktoren – Blocks genannt.
Für die Nacht vom 25. auf den 26. April stand ein Sicherheitstest bei dieser Einheit an. Aufgrund von Konstruktionsmängeln sowie Bedienfehlern explodierte der Reaktor vom Typ RBMK um 01:23 Uhr lokaler Zeit. Obendrein befand er sich nicht im Inneren eines Sicherheitsgebäudes, wie es schon damals weltweit die Norm darstellte. Solch eines hätte die Katastrophe zumindest größtenteils eingedämmt. Doch es kam anders.
Eine von Druck empor geschleuderte Wand aus Feuer, Trümmern und Wasserdampf zerstörte die Decke des Reaktors, die darüberliegende Halle sowie das Dach. Kurz darauf regnete, einem höllischen Schauer gleich, heißer Schutt herab. Strahlung entwich, Schäden verwüsteten einen Großteil des Kraftwerks und es starben unmittelbar zwei Menschen. Weitere kamen in den Folgetagen und Wochen durch Verstrahlung und weitere Vorfälle ums Leben – mehr dazu später.
Kam es in Tschernobyl zu einer atomaren Detonation, wie bei Atombomben? Nein, am 26. April 1986 ereignete sich keine atomare Detonation, sondern eine Dampfexplosion. Die Energie spendete der außer Kontrolle geratene nukleare Reaktor. Aber es kam zu keiner Detonation spaltbaren Materials. Stattdessen staute sich innerhalb weniger Sekunden derart viel Hitze im Kern auf, dass Kühlwasser schlagartig verdampfte – die Explosion folgte fast augenblicklich (via BFS).
Wer genau wissen möchte, was physikalisch im Inneren des Reaktors fehlschlug und weshalb ein vermeintlich rettender Schalter die Hölle heraufbeschwor, findet bei Higgsino physics
ein ausführliches Erklärvideo zum Inneren des Reaktors (englisch).
Direkt hierunter seht ihr eine Animation des Vorfalls. Die zweite Hälfte des Videos befasst sich mit Themen, auf die wir im zweiten Teil unserer Miniserie zu Tschernobyl eingehen:
Link zum YouTube-Inhalt
Was strahlt in Tschernobyl eigentlich? Radioaktive Strahlung rührt vom Zerfall schwerer Atome her. Je weiter wir im Periodensystem der Elemente emporklettern, desto häufiger begegnen uns instabile Atome, die nur für eine begrenzte Zeit ihre Form halten können. Das in Tschernobyls Reaktor Entscheidende: Uran.
Beim Zerfall verliert es minimal an Masse, es entsteht eines von mehreren möglichen Tochteratomen. Allerdings ist auch das instabil und wandelt sich erneut und so weiter. Wir bewegen uns in einer sogenannten Zerfallsreihe. Der Prozess endet beim ersten stabilen Atom in der Reihe, beim Uran ist das Blei.
Der erwähnte Massenverlust interessiert uns, denn die Strahlung entsteht durch ihn. Wir kennen verschiedene Arten, aber eines haben sie alle gemeinsam: Sie tragen Energie in sich. In einem Reaktor sorgt diese für die Verdampfung des Wassers, woraus wir mit Turbinen Strom gewinnen. Außerhalb ist diese radioaktive Strahlung enorm gefährlich. Denn was Wasser erhitzt, kann uns auf unterschiedlichste Weisen schädigen.
Die stärksten Quellen liegen unter dem Reaktor begraben, vor allem 200 Tonnen geschmolzenes Gemisch aus Uran, Beton und Metall sowie Zerfallsprodukte. Aber gasförmig freigesetzte Elemente wie Cäsium und Strontium haben sich vor allem in der Sperrzone sowie in geringer Konzentration auch über Europa verteilt.
Hat eine radioaktive Wolke ganz Europa verseucht? Ja und nein, es gab eine radioaktive Wolke. Der Wind trug Staubpartikel von Tschernobyl fort. Regen ließ sie über mehreren Ländern Europas niedergehen – auch über Deutschland. Die Forschung nennt dieses Phänomen Fallout.
Aber die dadurch frei werdende Strahlendosis war meistens minimal, mit regionalen Ausreißern. Es gibt bis heute keinen wissenschaftlich nachweisbaren Anstieg von Krebs oder anderen Erkrankungen durch Tschernobyl außerhalb der drei direkt betroffenen damaligen Sowjetrepubliken (Ukraine, Weißrussland, Russland). Jedoch verursachte der Vorfall europaweit Angst unter der Bevölkerung - die Lage stellte sich als sehr unübersichtlich dar. Denn Vertuschungsversuche der Sowjetunion befeuerten wilde Theorien, Misstrauen und Panik (via deutschlandfunk und SWR).
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Kurz nach dem Unfall initiierte die Sowjetunion eine Evakuierung von mehr als 100.000 Menschen. Die Anweisung betraf aber nicht nur Einwohner der heutigen Sperrzone, sondern zeitweise auch Bürger – vor allem Kinder – von Städten wie Kiew. Langfristig mussten um die 300.000 Bürger der Ukraine, Weißrusslands und Russlands umziehen, der Grund: Der Fallout verseuchte die Böden.
Wie viele Menschen starben durch Tschernobyl? Die offiziellen Opferzahlen der IAEA (Internationale Atomenergiebehörde), WHO (Weltgesundheitsorganisation) und UN (Vereinten Nationen) lauten folgendermaßen:
- Zwei Tote direkt durch dem Unfall. Sie erlagen wahrscheinlich schwersten Verletzungen durch Druck, Trümmer oder Feuer. Strahlung hatte mit ihrem Tod nichts zu tun.
- Etwa 30 Todesfälle durch akute Strahlenkrankheit innerhalb von Wochen. In erster Linie finden sich in dieser Gruppe einige Techniker des Kraftwerks sowie Feuerwehrleute. Letztere eilten als geradezu ahnungslose Ersthelfer pflichtgemäß herbei. Niemand hatte sie über die wahre Natur des Vorfalls informiert, da auch die Ingenieure vor Ort das volle Ausmaß noch nicht erfasst hatten.
- Morbider Keller: Im Untergeschoss des Krankenhauses von Pripyat liegt ein weltweit einzigartiger Stapel. Schutzmäntel, Stiefel, Helme, die einst den Feuerwehrkräften gehörten. Der Bereich wurde versiegelt, denn die Objekte strahlen selbst heute noch. Sie kamen nur Minuten nach der Explosion mit den Trümmern in Kontakt - leichte Zerfallsprodukte stecken tief im Gewebe und haften an den Oberflächen.
- Eine schwer bezifferbare, da unvollständig erfasste Anzahl von Todesfällen durch Strahlenfolgen/Unfälle bei Liquidatoren (mehr dazu gleich), Zivilisten und Militärs. Wahrscheinlich liegt die Zahl derzeit bei wenigen Tausend. Hochrechnungen legen nahe, dass in einigen Jahrzehnten wahrscheinlich bis zu 5.000 Menschen ihr Leben durch Tschernobyl verloren haben werden.
- Etwa 6.000 Schilddrüsenkrebsfälle bei Kindern (fast alle überlebten). Heute wissen wir, dass alle Fälle wohl vermeidbar gewesen wären, wenn die Kinder rasch Jodtabletten geschluckt hätten. Denn sie ordnet die Medizin inzwischen kontaminierter Milch zu. Das instabile, also strahlende Jodisotop darin richtete den Schaden an. Es entstand durch den Fallout auf Pflanzen, die widerrum von Kühen gegessen worden.
Unmengen an Stofftieren, Spielzeug und andere Besitztümer von Frauen, Männern und Kindern blieben zurück. Selbst nach 40 Jahren warten sie in den Ruinen von Dörfern und der Stadt Pripyat auf ihre Besitzer – oder einstigen Kinderfreunde (Bildquelle: Unsplash, Ilja Nedilko und Mark de Jong).
Insgesamt arbeiteten im Laufe der Folgemonate ungefähr 600.000 Menschen vor Ort. Die Geschichte kennt sie als die sogenannten Liquidatoren. Sie halfen sowohl bei den initialen Aufräumarbeiten als auch später beim Aufbau des Sarkophags (mehr dazu gleich). Zum Glück starben nur relativ wenige, allerdings belegen Daten erhöhte Raten bestimmter Erkrankungen, wie unterschiedliche Tumorarten.
Zusätzlich zu den körperlichen Folgen lasten die psychischen auf den oft als Helden von Tschernobyl
geehrten Menschen: Angststörungen, posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oder Depressionen sind unter ihnen stark erhöht.
Aufräumen, Abdichten, Durchhalten
In unserem zweiten Teil (erscheint morgen um 10 Uhr) widmen wir uns den auf den Unfall folgenden Monaten: die Zeit der Liquidatoren, wilden Ideen und schließlich Lösungen, die bis heute ihresgleichen suchen.
Tschernobyls anhaltend wirkende Geschichte hatte hier nämlich gerade erst begonnen. Mittlerweile bietet sich uns eine Realität, die zugleich nichts und dann doch reichlich mit der Horrornacht vom 26. April 1986 gemein hat.
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