6.000 Meter unter dem Meer: Japan erkundet Rohstoffe, die die Weltordnung verändern könnten

Nahe einer entlegenen Insel haben japanische Forscher gewaltige Vorkommen Seltener Erden entdeckt. Nun werden sie erkundet.

Die Sedimente nahe Minamitorishima enthalten Millionen Tonnen Seltener Erden – entscheidend für E-Autos, Windkraft und moderne Elektronik. (Bildquelle: Adobe Firefly, KI-generiert; Prompt: Alexander Köpf) Die Sedimente nahe Minamitorishima enthalten Millionen Tonnen Seltener Erden – entscheidend für E-Autos, Windkraft und moderne Elektronik. (Bildquelle: Adobe Firefly, KI-generiert; Prompt: Alexander Köpf)

In den Tiefen des Pazifiks, knapp 6.000 Meter unter dem Meeresspiegel, lagern Sedimente, die womöglich über das Schicksal der weltweiten Hightech-Industrie mitentscheiden könnten.

Denn japanische Forscher erkunden gerade nahe der entlegenen Insel Minamitorishima ein bereits 2018 entdecktes gewaltiges Vorkommen sogenannter Seltener Erden gefunden. Schätzungen zufolge könnten die Ressourcen den heutigen Bedarf der ganzen Welt über mehrere Jahrhunderte decken.

In manch einer Schlagzeile, wie beispielsweise der Kollegen bei Jeuxvideo in Frankreich, ist sogar von 700 Jahren die Rede. Doch wie so oft bei Rohstoffen ist die eigentliche Geschichte deutlich komplexer als eine einzelne Zahl.

Außerdem ist diese mit Vorsicht zu genießen, denn sie dürfte auf Modellrechnungen für einzelne Elemente basieren.

Die Metalle der Moderne – ein kurzer Exkurs

Seltene Erden sind eine Gruppe bestehend aus 17 chemischen Elementen, darunter Neodym, Dyprosium und Terbium. Sie stecken in nahezu jeder Schlüsseltechnologie unserer Zeit:

  • Permanentmagnete in Windkraftanlagen und Elektroautos
  • Hochleistungsmotoren und Industrieroboter
  • Smartphones, Displays und Lautsprecher
  • Raketentechnik, Satelliten und Militärsysteme

Ohne sie gäbe es weder Energiewende, Digitalisierung noch moderne Verteidigungstechnologie. Dass sie selten genannt werden, entbehrt dabei nicht einer gewissen Ironie, denn so rar, wie es der Name vermuten lässt, sind sie gar nicht. Im Gegenteil: Sie kommen in der Erdkruste sogar sehr häufig vor.

Allerdings sind wirtschaftlich nutzbare, ausreichend konzentrierte Vorkommen eher selten.

Die geopolitische Schieflage

Bislang dominiert China sowohl den Abbau als auch die Verarbeitung Seltener Erden. Je nach Element kontrolliert das Reich der Mitte zwischen 60 und 90 Prozent der globalen Lieferkette.

Das gibt Peking ein sehr starkes strategisches Druckmittel. Die Hightech-Welt ist abhängig von den Machthabern in Fernost.

Im Jahr 2010 nutzte China sein Quasimonopol bereits einmal im Zuge eines politischen Konflikts mit Japan. Nachdem ein chinesisches Fischerboot nahe den umstrittenen Senkaku-Inseln/Diaoyu-Inseln mit Schiffen der japanischen Küstenwache kollidierte, wurde der Kapitän festgenommen und ein Strafverfahren eingeleitet.

Peking reagierte darauf nicht nur mit verschärften diplomatischen Protesten, der Aussetzung bilateraler Kontakte auf höchster Ebene und der Festnahme japanischer Staatsbürger auf chinesischem Boden, sondern stoppte de facto auch die Ausfuhr Seltener Erden nach Japan – auch wenn es kein offizielles Embargo gab.

Damals wurde der ganzen Welt schlagartig klar, wie schwach sie gegenüber China in diesem Punkt ist. Seither gilt: Wer über Seltene Erden spricht, spricht nicht nur über Rohstoffe, sondern vor allem über Macht.

Und genau darum ist Japans Tiefseefund eine derartige Sensation. Er ist ein politisches Signal. Japan wird sich womöglich nicht nur aus der Schlinge befreien, die Peking sprichwörtlich um seinen Hals gelegt hat, sondern könnte gleichzeitig eine Schlüsselrolle in der künftigen Weltordnung hinsichtlich der wichtigen Rohstoffe einnehmen.

Die dafür nötigen Voraussetzungen in Form von Erkundungen und Machbarkeitsstudien werden gerade geschaffen.

700 Jahre Versorgungssicherheit?

So beeindruckend und politisch wirksam die kolportierten 700 Jahre auch sein mögen, sie basieren lediglich auf einer rechnerischen Gegenüberstellung des geschätzten Vorkommens mit dem heutigen weltweiten Verbrauch.

Aber selbst wenn wir von einem sehr niedrigen jährlichen Gesamtbedarf von 160.000 Tonnen ausgehen, reichen die geschätzt 16 Millionenen Tonnen maximal für 100 Jahre – eher weniger sogar. Zudem verschleiert die hohe Zahl drei entscheidende Fragen:

  1. Technische Machbarkeit: Da die Lagerstätte in 6.000 Metern Tiefe unter dem Meeresspiegel liegt, ist der Abbau extrem anspruchsvoll. Hoher Druck, völlige Dunkelheit, niedrige Temperaturen und logistische Kosten stellen enorme Herausforderungen für Mensch und Maschine dar.
  2. Wirtschaftlichkeit: Tiefseebergbau ist teuer. Das heißt, solange es leichter zugängliche Quellen in China (und anderen Ländern) gibt, dürfe der großflächige Abbau am Meeresgrund vergleichsweise unrentabel sein.
  3. Ökologische Folgen: Dazu kommt, dass die Tiefsee weitestgehend unerforscht ist. Es ist kaum abschätzbar, welche Folgen ein derartiges Projekt auf das dortige Ökosystem hätte.

Die Möglichkeit, das Vorkommens zu erschließen, ist vorerst also keine Lösung, sondern bestenfalls ein neues politisches Spannungsfeld.

Das Rohstoffparadoxon der Energiewende

Auch wenn es vielen so erscheint und der Begriff Energiewende tatsächlich aus Deutschland stammt, die Bundesrepublik ist nicht das einzige Land, das klimaneutral werden will. Spätestens seit dem Pariser Klimaabkommen von 2015 verfolgen fast alle Staaten der Erde ähnliche Ziele, wenn auch mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und Herangehensweise.

Die Technologien hierfür – Windräder, Elektroautos, Batteriespeicher – benötigen enorme Mengen Seltener Erden. Und je schneller die Energiewende voranschreitet, desto stärker steigt auch der Hunger nach den Rohstoffen.

Wir versuchen also, unsere Umwelt zu retten, indem wir immer tiefer in sie eingreifen.

Das japanische Vorkommen verdeutlicht dieses Paradoxon. Einerseits eröffnet es die Chance auf Diversifizierung und Versorgungssicherheit. Andererseits zwingt es uns, bislang unberührte Meeresregionen industriell zu erschließen.

Der Konflikt ist also nicht nur politisch, ökonomisch oder ökologisch. Er ist auch moralisch.

Eine neue Phase der Globalisierung

Sollte Japan tatsächlich irgendwann in großem Stil Tiefsee-Rohstoffe fördern, könnte das eine neue Phase der Globalisierung einläuten. Eine, in der nicht mehr Ölquellen und Gasfelder dominieren, sondern Hightech-Metalle und maritime Förderrechte.

Letzteres ist noch nicht ausdifferenziert, denn die Regulierung des Tiefseebergbaus steckt noch in den Kinderschuhen. Entsprechende Behörden arbeiten bereits an den grundlegenden Regeln, doch viele Fragen sind ungeklärt:

  • Wer darf überhaupt wo fördern?
  • Wie werden Schäden kompensiert?
  • Und wer trägt die Verantwortung für eventuelle ökologische Folgen?

Die Entdeckung der neuen Lagerstätte verschärft den Druck, diese Frage zu klären.

Mehr zum Thema Rohstoffe lest ihr hier:

Zwischen Hoffnung und Hybris

Die Vorstellung, hunderte Jahre lang versorgt zu sein, wirkt zunächst beruhigend. Denn sie lässt Überfluss in einer Welt annehmen, die eigentlich immer mehr von Knappheit geprägt zu sein scheint.

Doch Rohstoffe sind nie nur nackte Zahlen. Sie haben eine enorme politische Dimension, sind eine technologische Herausforderung und zugleich eine moralische Entscheidung.

Japans Fund in der Tiefsee ist deshalb weniger eine Garantie für Versorgungssicherheit als ein Prüfstein. Können wir aus den Fehlern der Vergangenheit lernen? Oder wiederholen wir im Ozean, was wir an Land angerichtet haben?

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