Zwei Konstanten begleiten uns seit dem Erwachen unseres Bewusstseins: die Sonne am Tageshimmel und die Sterne am Firmament in der Nacht. Und doch sehen wir nur einen Bruchteil von dem Spektakel der Sterne, Kometen, Planeten und Asteroiden, da unseren Augen schlicht biologische Grenzen gesetzt sind.
Eine neue Anlage in Chile ging vor wenigen Wochen in Betrieb und sie verspricht unser Bild vom Sonnensystem und den Weiten darüber hinaus zu revolutionieren, ihr Name: »Vera C. Rubin Observatorium« (VRO).
Doch es ist auch emotional für mich weit mehr als nur ein weiteres Werkzeug, da seiner Herangehensweise etwas zutiefst Menschliches innewohnt. In ihm steckt das Potenzial, eine uralte Frage mit nie dagewesener Akribie zu beantworten: »Was umhüllt uns alles an Objekten in nah und fern?«
Weitere Fakten zu diesem bahnbrechenden Werkzeug, seinen vier Kernaufträgen und seiner Namensgeberin findet ihr in unserer umfangreichen Übersicht, die ich anlässlich der ersten Testaufnahmen schrieb.
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Ein mechanisch-menschliches Auge auf Steroiden
Vereinfacht handelt es sich beim VRO um eine riesige Fotokamera in den chilenischen Anden. Die Anlage darf gleich mehrere Weltrekorde für sich beanspruchen, zum Beispiel den des größten konvexen Spiegels (3,43 Meter). Vereint nimmt die Technik Bilder mit einer Auflösung von 3,2 Gigapixeln auf (3.200 Megapixel) – auch das global unübertroffen.
Das sorgt bei mir jedoch nicht für Staunen. Mich fasziniert die Menschlichkeit und Sehnsucht, für die das nach einer legendären Astronomin benannte Observatorium steht. Sein Auge erkundet den Nachthimmel und sieht dabei das Universum wie wir – eben nur sehr viel besser und ohne Ermüdung.
- Seine Kamera deckt circa 320–1060 nm der Wellenlängen des elektromagnetischen Lichtspektrums ab.
- Wir sehen grob 380 bis 780 nm, manche etwas mehr, manche etwas weniger.
10 Jahre Milchstraße als Film
Schon der Titel des Kernauftrags vom VRO verheißt Großes: Vermächtnis: Untersuchung von Raum und Zeit (englisch: Legacy Survey of Space and Time)
.
Über die kommenden zehn Jahre soll ein Zeitraffer-Scan des Südhimmels entstehen. Pro Nacht knipst es etwa 1.000 Bilder, wodurch jeder Winkel einmal alle drei bis vier Tage auf der digitalen Filmrolle landet.
In einem einzigen Jahr erfassen wir so mehr Objekte als alle bisherigen optischen Observatorien in der Menschheitsgeschichte zusammen. Allein während der zehnstündigen Testaufnahmen im vergangenen Jahr fing das VRO rund 2.000 neue Asteroiden bildlich ein.
Am Ende wird jeder Fleck rund 800-Mal in einem bisher nie erreichten Detailgrad abgelichtet worden sein. Allein aufgrund der extremen Auflösung und hohen Empfindlichkeit der Sensorik entdecken wir abertausende bis dahin unbekannte Objekte.
Welch Geniestreich dieser Ansatz darstellt, erschließt sich bei genauem Hinsehen – buchstäblich: Hilft ein einzelnes Bild in dieser Qualität schon enorm, nützt die hundertfache Wiederholung umso mehr. Durch sie vermögen wir mithilfe von KI und klassischen Computer-Filtern selbst kleinste Veränderungen am Firmament zu entdecken.
Das hierin ruhende Potenzial für die Wissenschaft begeistert mich und ich bin überzeugt: Ein neues Zeitalter der optischen Astronomie bricht an.
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Ein Universum, ein Observatorium, eine Menschheit
Alle Bilder und Messwerte sind öffentlich. Spätestens nach zwei Jahren stehen die kompletten Datensätze frei zur Verfügung, vieles weit früher – oft nur Minuten nach Aufnahme.
Langfristig sollen verschiedene Portale selbst Amateurastronomen von überall auf der Welt Zugang gewähren. Bereits jetzt fließen erste Daten in den frei per Browser zu nutzenden, rein zu Bildungszwecken gedachten Sky- bzw. Orbitviewer ein.
Diese Dreieinigkeit aus Fähigkeit, Mission und freier Wissensverteilung ist einzigartig. Trotz aller Entdeckungen des James Webb Weltraumteleskops führt einzig das VRO eine Aufgabe fort, die unsere Urahnen irgendwo in Afrika aus selbstverständlicher Neugier heraus begannen: die Suche nach Orten und Antworten in den Sternen.
Einer Überzeugung dürfen wir bereits nach wenigen Wochen des Betriebs vom VRO sicherer denn je sein: Da oben tummelt sich weit mehr, als wir vor einem Jahrhundert ahnen konnten.
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