In Japan beträgt die durchschnittliche Zugverspätung 96 Sekunden. Das ist keine Zauberei: das Geheimnis heißt »Poka Yoke«

Es liegt nicht nur an der vielzitierten japanischen Höflichkeit, dass Züge selten zu spät sind. Es steckt auch ausgefeilte Technik dahinter.

Japans Bullet Trains, die sogenannten Shikansen, fahren auf einem eigenen Netz, sodass sie ihre Geschwindigkeit voll ausspielen können. (Bildquelle: Kapi - adobe.stock.com) Japans Bullet Trains, die sogenannten Shikansen, fahren auf einem eigenen Netz, sodass sie ihre Geschwindigkeit voll ausspielen können. (Bildquelle: Kapi - adobe.stock.com)

Die Japaner gelten als höfliches Volk – und zur Höflichkeit gehört dazu, die Zeit der anderen zu respektieren. Das gilt im Land der aufgehenden Sonne sowohl für Mensch als auch Maschine.

Auf der Strecke zwischen Osaka und Tokio hatten die berühmten Shinkansen-Züge 2024 eine durchschnittliche Verspätung von 96 Sekunden, schreibt Japan Railpass – und nennt im selben Artikel sogar die Deutsche Bahn als Vergleich. 

Nur 62,5 Prozent der hiesigen Fernzüge waren 2024 überhaupt pünktlich – ein Wert so schlecht wie zuletzt vor 21 Jahren, laut Tagesschau. Gemäß Stiftung Warentest haben Züge der DB im Mittel 35 Minuten Verspätung, so Spiegel.

Von den extrem pünktlichen japanischen Zügen haben viele schon einmal gehört. Dahinter steckt nicht nur gesellschaftlicher Konsens, sondern ein ganzes System.

Das Poka-Yoke-Konzept

»Poka Yoke« bedeutet so viel wie »unglückliche Fehler vermeiden«. Das Wort setzt sich zusammen aus:

  • »Poka«, einem falschen Zug in den Brettspielen Go oder Shōgi. Es bedeutet so viel wie »blöder Fehler« oder »Schnitzer«.
  • »Yoke« entlehnt sich dem Verb yokeru und bedeutet »vermeiden«.

Das Konzept ist in der Fertigung wohlbekannt. Einer der Vorreiter war Toyota. Des Weiteren sind wichtig:

  • Eng getaktete Fahrpläne
  • Ständige Kontrolle der Fahrzeuge
  • Organisation an Bahnhöfen
  • Trennungen von Streckentypen (Shinkansen und Güterverkehr haben jeweils eigene Strecken)
  • Strenge Organisation

Im Linienbetrieb fahren Shinkansen zwischen 300 und 320 kmh. (Bildquelle: PhotoSpirit - adobe.stock.com) Im Linienbetrieb fahren Shinkansen zwischen 300 und 320 km/h. (Bildquelle: PhotoSpirit - adobe.stock.com)

Zu alldem kommen Systeme und Software zur Steuerung, Überwachung und Sicherheit hinzu.

Geheimwaffe: Technologie

Japan setzt auf eine Vielzahl elektronischer Hilfssysteme und Programme. Automatic Train Control (ATC) ist beispielsweise so etwas wie der smarte Co-Pilot der Zugführer in Japan, schreibt Japan Manifest. Der greift immer dann ein, wenn etwas nicht nach Plan läuft.

  • ATC hat die Geschwindigkeit und die Position des Zuges ständig im Blick.
  • Ist der Zug zu schnell, bremst das System ab (und umgekehrt).
  • Gerät der Zug aus welchem Grund auch immer vom Kurs, führt das System ihn wieder zurück auf die vorgesehene Strecke.

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Außerdem wird jeder einzelne Zug per GPS in Echtzeit getrackt, genannt ATOS (Autonomous Decentralized Transport Operation Control System). Das erlaubt einen Überblick über das gesamte System, sodass potenzielle Verzögerungen erkannt werden, bevor sie auftreten.

Darüber hinaus kommt Datenanalyse mit maschinellem Lernen zum Einsatz.

  • Fahrpläne werden sukzessive optimiert.
  • Mögliche Störungen werden vom System vorausgesehen.

Das hat vor allem einen Vorteil: Ressourcen können besser und cleverer verteilt werden, etwa, wenn Not am Mann ist oder doch mal etwas Unvorhergesehenes passiert.

Auf seiner oben verlinkten Webseite schreibt Japan Railpass, dass Züge dann als pünktlich gelten, wenn sie innerhalb von 15 Sekunden ihrer erwarteten Zeit ankommen – und diese Zeit wird erreicht: Im Schnitt erreichen die meisten Züge ihre Halte mit einer Toleranz von 6 Sekunden. Bei der Deutschen Bahn gilt übrigens alles unter 6 Minuten als pünktlich. 

Diese Pünktlichkeit hat auch ihre Schattenseiten. Dadurch entstehen immer wieder die bekannten Nachrichten darüber, dass sich Bahngesellschaften offiziell entschuldigen müssen, weil Züge minimal zu spät sind (via Spiegel). Das hat auch den Hintergrund, dass Arbeitnehmer bei ihrem Unternehmen nachweisen können, dass die Verspätung nicht aus eigener Verschuldung stattfand, so Japambience.

Wie eingangs erwähnt, herrscht in Japan eine starke Kultur der Höflichkeit und Pünktlichkeit. Verspätungen gelten also im gesellschaftlichen Sinne als problematisch, sagt Japambience. Das kann sich auch negativ auf die geistige Gesundheit der im Land lebenden Menschen auswirken. Die hohe Pünktlichkeit der Züge kommt deshalb unter Umständen auf Kosten der Personen, die im Bahnbetrieb arbeiten.

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