Die Menschheit ist verloren, wenn wir nicht die Erde verlassen
, sagte einst der weltberühmte und mittlerweile leider verstorbene Astrophysiker Stephen Hawking. Nach seiner Überzeugung ist das Risiko globaler Katastrophen – seien es Klimawandel, Asteroideneinschläge oder Pandemien – schlicht zu groß, um dauerhaft nur auf einem einzigen Planeten zu überleben.
Darum mahnte er, die Menschheit müsse möglichst bald den Mars besiedeln und Basen auf dem Mond errichten. Spätestens in 200 bis 500 Jahren, so seine Vision, solle sich unsere Spezies aufmachen, neue Sonnensysteme zu erreichen und zu besiedeln. So wie Seefahrer vergangener Jahrhunderte, die sich in hölzernen Schiffen auf unbekannte Ozeane wagten.
Mit der konkreten Frage, wie ferne Planeten oder lebensfreundliche Monde zu erreichen wären, beschäftigt sich der Design-Wettbewerb Project Hyperion. Das diesjährige Siegerkonzept trägt den poetischen Namen Chrysalis
– in der Zoologie der Begriff für die Puppe, das Stadium zwischen Larve und ausgewachsenem Tier in der Metamorphose eines Insekts. Treffend, denn auch hier geht es um Verwandlung: aus einer auf der Erde verwurzelten Menschheit hin zu einer Spezies der Sterne.
Die Chrysalis soll eines Tages 2.400 Menschen zum erdnächsten, womöglich bewohnbaren Planeten Proxima Centauri b bringen.
Ein Schiff von fast unvorstellbarer Größe
Die Grundvoraussetzung des Wettbewerbs: Es dürfen nur aktuelle oder absehbar verfügbare Technologien genutzt werden. Das heißt: kein Warp-Antrieb wie in Star Trek, kein Slipstream wie in Andromeda und auch kein Gravitationsantrieb wie in Event Horizon.
Damit ergibt sich zwangsläufig eine lange Reisezeit: mindestens 400 Jahre. Beschleunigt würde das Schiff mit 0,1 g, bis es eine Endgeschwindigkeit von rund 0,01 c - also etwa 3.000 Kilometer pro Sekunde - erreicht. Die benötigte Energie sollen Fusionsreaktoren liefern, jene künstlichen Sonnen im Maschinenraum, die bislang noch nicht einmal auf der Erde den endgültigen Beweis der Umsetzbarkeit angetreten haben.
Und doch ist es nicht die Antriebstechnik, die den Atem raubt, sondern die Dimensionen:
58 Kilometer Länge, bis zu sechs Kilometer Durchmesser und fast zweieinhalb Milliarden Tonnen Gewicht. Allein diese Zahlen sprengen die menschliche Vorstellungskraft. Die Chrysalis wäre kein Schiff, sondern eher eine fliegende Stadt, ein wandernder Kontinent aus Stahl und Kompositmaterialien - größer als alles, was die Menschheit je erbaut hat (vielleicht abgesehen von der Chinesischen Mauer).
Aufbau wie eine Zwiebel oder eine Matroschka
So gewaltig die Ausmaße auch sind, der Aufbau des Schiffs ist erstaunlich elegant: Die Chrysalis ist wie eine Zwiebel oder eine russische Matroschka-Puppe konzipiert, Schicht um Schicht um einen zentralen Kern. Die ringförmigen Ebenen rotieren um die Achse und erzeugen so künstliche Schwerkraft.
In den fünf Schichten und dem Kern finden sich Wohnquartiere, öffentliche Räume, Nahrungsmittelproduktion, Fertigungsanlagen, und so weiter. Fünf Module (Sektionen) sind unter anderem für Antrieb, Bremsmanöver und Energieversorgung vorgesehen.
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Problemfall Alien? Was vom Sci-Fi-Kult übrig ist
Der Ablauf der Mission
Die Mission selbst gleicht einem Epos, das sich über Jahrhunderte erstreckt:
- Antarctic Adaptation (70–80 Jahre): Erste Generationen leben abgeschottet in der Antarktis, um Autarkie und Isolation zu trainieren.
- Chrysalis Construction (20–25 Jahre): Bau des Schiffs im Lagrange-Punkt L1, wo sich die Gravitationskräfte von Erde und Sonne aufheben.
- Departure // Acceleration Age (ca. 1 Jahr): Kontinuierliche Beschleunigung bis auf 3.000 km/s.
- Transfer // Inertial Age (ca. 400 Jahre): Die eigentliche Sternenreise mit Maximalgeschwindigkeit. Eine Jahrhunderte währende Passage durch das stille, kalte Meer der Sterne.
- Arrival // Deceleration Age (ca. 1 Jahr): Abbremsen mit derselben Kraft wie beim Start.
- Planetary Orbit Insertion (0,1 Jahr): Einschwenken in den Orbit von Proxima Centauri b.
- Descent on the Planetary Surface (0,2 Jahre): Landung von Menschen und Material auf dem neuen Planeten.
Warum so gigantisch für nur
2.400 Menschen?
Man könnte meinen, ein Schiff dieser Größe müsste hunderttausende Bewohner fassen. Doch die Realität sieht anders aus: Jede der 2.400 Personen ist Teil einer streng regulierten Bevölkerungszahl, die durch Geburtenkontrolle konstant gehalten wird.
Der Grund: Redundanz. Über 400 Jahre darf kein zentrales System komplett ausfallen. Für alles - Energie, Nahrung, Wasser, Lebenserhaltung - braucht es mehrfache Absicherung. Hinzu kommt der Schutz vor kosmischer Strahlung und Mikrometeoriten, der in den äußeren Schichten enorm viel Raum beansprucht. Die Chrysalis ist also weniger ein Kreuzfahrtschiff, sondern eher eine gigantische Arche, gebaut, um die Fracht Menschheit sicher durch den interstellaren Raum zu tragen.
Kosten: Ein Menschheitsprojekt
Zahlen gibt es keine, doch die Kosten dürften im Bereich mehrerer Billionen Euro oder Dollar liegen. Realistisch wäre ein solches Projekt daher wohl nur als gemeinsame Anstrengung der gesamten Menschheit. Ein Bauwerk, das unsere Spezies vereint, wie einst die großen Kathedralen Europas oder die Pyramiden Ägyptens, nur eben in globalem Maßstab.
Realität oder Science-Fiction?
So durchdacht das Konzept wirkt, noch ist es eher Science-Fiction als Realität. Angefangen bei funktionierenden und Nettoenergie abwerfenden Fusionsreaktoren über Materialien, die den Belastungen standhalten, bis hin zu den psychologischen Auswirkungen jahrhundertelanger Isolation: Die Herausforderungen sind monumental. Aber auch nicht mehr so weit entfernt, dass sie allein der Phantasie zuzuschreiben wären.
Und vielleicht ist es genau diese Art von Vision, die die Menschheit braucht. Ein Leitstern, der uns daran erinnert, dass wir mehr sein können als Nationen und Staatenbunde, die sich um Ressourcen zanken.
Oder, um mit den Worten von Stephen Hawking zu schließen:
Die Besiedlung ferner Planeten ist keine Science-Fiction mehr.

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