Starkes Adventure-Debüt

Nach dem starken „Lost Horizon“ war mein Hunger nach Rätseln noch nicht so ganz gestillt, und so kramte ich mal wieder nach langer Zeit Animation Arts´...

von - Gast - am: 07.11.2010

Nach dem starken „Lost Horizon“ war mein Hunger nach Rätseln noch nicht so ganz gestillt, und so kramte ich mal wieder nach langer Zeit Animation Arts´ Debütspiel aus (enthalten auf der GS-DVD 04/09 als Vollversion), um dort weiter Rätselnüsse zu knacken. Für einen Erstling hatte sich „Geheimakte“ als ein sehr guter herausgestellt, der sich im Vergleich zu alten Klassikern eher ernst antut, aber mindestens genauso viel Kopfzerbrechen bereitet.

Museumsreif

Als Nina Kalenko ihren Vater im Museum besuchen will, findet sie nur ein verwüstetes Büro vor, und auch der Hausmeister hat sich ängstlich in einem Geheimraum vergraben. Die Umstände dessen sind völlig unklar, doch andauernd ist von Männern in schwarzen Roben die Rede, die ihn entführt haben sollen. In großer Sorge begleiten wir natürlich die liebliche Nina nun auf der Suche nach ihrem Vater, der auch Max, ein Angestellter des Museums, zur Seite steht.

Schön im Wechsel zwischen Nina und Max bewandern wir in den nächsten 12-14 Spielstunden die Welt, um das Geheimnis über das Verschwinden des Vaters zu lüften. Nicht ganz einfach, denn die Rätsel sind von Anfang an auf einem hohen Niveau angesiedelt und daher für Anfänger weniger geeignet. Schon früh sind die Aufgaben nur durch Querdenkerei zu erfassen, aber trotzdem recht logisch ausgefallen. Aha-Effekte gibt es demnach genügend. Nur schade, dass gerade mit fortgeschrittener Spieldauer die Rätsel einen „Warum tue ich das gerade?“-Touch inne haben. So klemmt man zum Beispiel einen Eiszapfen in eine Heizung, die erst einmal in Gang gebracht werden muss. Welchen Effekt das in Verbindung mit der Story hat, erschließt sich uns erst später, wenn wir die Aufgabenkette erledigt haben. Da helfen auch die normalerweise nützlichen Dialoge nicht viel, aber das ist eher Kritik auf hohem Niveau, wenn man die Rätsel als eigenes betrachtet.

Die Rätsel sind nämlich zahlreich, genauso wie die Zwischensequenzen. In recht beachtlicher Menge und Manier darf Nina hier Gegenstände sammeln, kombinieren und verwenden. So entwickeln sich teils sehr raffinierte Aufgabenstellungen, die wie schon erwähnt für ungeübte Adventurespieler zu viel sein könnten. Wenn man eine halbe Fensterlade für einen Schild halten oder mehrere Speerspitzen als Sägeblatt nutzen soll, kratzt man sich vielleicht doch schon mal am Kopf.

Daddy Globalo

Viele der Locations wurden sorgsam ausgesucht. Diese bieten einfach jeder Art von Stimmung, die ein Adventure abwechselnd machen können. Daher bereisen wir auch die unterschiedlichsten Winkel der Erde, das reicht von Irland über Cuba bis hin zum titelgebenden sowjetischen Niemandsland. In gewisser Weise ist das auch eine globale Schnipseljagd, denn die Spur unseres Vaters führt uns geradeaus über die Verbindungsleute, die mit Kalenko Senior zu tun hatten. Und trotz des ernsten Hauptthemas kommt auch der Spaß nicht zu kurz. Zwar ist das Spiel kein Konkurrent für die LucasArts-Klassiker, kann aber mit einigen subtilen humoristischen Einlagen punkten. Wer den Humor noch in seiner Gänze genießen möchte, dem empfehle ich nach dem Durchspielen, den Computer nicht auszuschalten und den Abspann anzuschauen.

Um unser Ziel zu erreichen, ist das Debüt von Animation Arts erstaunlich erwachsen ausgestattet. Hot Spots, Dialoge und Tagebuchhilfe sind uns immer zur Seite, so dass wir eigentlich nie den Faden verlieren. Auch können wir das Spiel komplett mit der Maus durchspielen. Alle Aktionen funktionieren damit, und neben den Hot Keys gibt es immer das Äquivalent als Schaltfläche zur Auswahl. Auch in Sachen Bugs ist erfreulich wenig zu finden gewesen.

Schön langsam

Technisch ist „Geheimakte Tunguska“ jedenfalls ein kleines Sahnestück mit Macken geworden. Die Hintergründe wurden sorgsam gestaltet, und die Figuren wirken nicht so sehr hineingeklatscht wie zum Beispiel bei „Black Mirror“. Das ergibt ein schönes Ganzes, und gewisse Effekte sind sogar ein richtiger Hingucker. Da schwächeln zwar ein wenig die Zwischensequenzen, besonders bei den Gesichtsanimationen, aber auch die treiben die Geschichte schön voran. Leider fehlt ein wenig die Dynamik im Spiel selbst. Die Protagonisten trotten mehr oder weniger durch die Szenen, so dass die Klickerei nicht selten mit Warterei endet.

Soundmäßig ist gehobener Standard angesagt. Man hat sich die Mühe gemacht, Aktionen passend zu vertonen, nur leider gibt es zu wenige davon, und im Hintergrund passiert leider auch nicht viel. Musik ist vorhanden, nur nicht sehr zahlreich und ist eher den Zwischensequenzen vorbehalten. Auch hier geht das zu Lasten der Dynamik.

Fazit

Wirklich erstaunlich, was Animation Arts da auf die Beine gestellt hat. Eine tolle Story, die ein wenig Mystery und Größenwahn vereint, dabei klar gezeichnete Charaktere und ein wenig Kitsch hinzufügt, aber nie vergisst, in welchem Genre es sich überhaupt bewegt. Starke Rätselketten bedienen den Genrefreund angemessen, und auch wenn es recht unspektakuläre Züge in sich trägt, kommen der Spaß und die Spannung nie zu kurz.

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Wertung
Pro und Kontra
  • Grafik: Hintergründe, eingefügte Figuren, Effekte
  • Sound: passend vertont, gute Sprecher
  • Balance: für Genrekenner anspruchsvoll
  • Atmosphäre: Mysteryfeeling, Spannungsmomente
  • Bedienung: perfekte Steuerung, Hot Keys/Maus gleichzeitig
  • Umfang: beachtliche Spielzeit, Locations, Rätselketten
  • Charaktere: Sympathische und schrullige Charaktere
  • Rätsel: vielseitig, massig
  • Dialoge: gut geschrieben, passende Erklärungen
  • Handlung: Spaßig, spannend, entwickelt sich gut
  • Grafik: Animationen zu lasch
  • Sound: zu wenige
  • Balance: Einsteiger überfordert
  • Atmosphäre: teils zu unspektakulär inszeniert
  • Bedienung: -
  • Umfang: -
  • Charaktere: Bösewichte bleiben blass
  • Rätsel: selten mal nur durch Querdenken zu lösen
  • Dialoge: an manchen Stellen etwas bemüht
  • Handlung: kleine Aussetzer

Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

genau richtig

Bugs:

Nur sehr wenige

Spielzeit:

Mehr als 10, weniger als 20 Stunden



Kommentare(1)

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