Es gibt in Deutschland eine ausgesprochen aktive und meinungsstarke Bewegung von Menschen, die Computerspiele – insbesondere »Killerspiele« -- verboten sehen wollen. Der Kriminologe Dr. Christian Pfeiffer zählt dazu, der bayerische Schulberater Dr. Werner Hopf oder der Psychologe Manfred Spitzer, dazu eine Vielzahl von Universitätsprofessoren, Pädagogen, Psychologen.

Die Spielefeinde machen mobil : Prof. Dr. Christian Pfeiffer. Prof. Dr. Christian Pfeiffer. Nun gibt es einen neuen Vorstoß dieser Gruppe. Seit einigen Tagen ist ein Schriftstück in der Welt, das wieder hohe Wellen schlagen soll im Umgang mit Computerspielen. »Kölner Aufruf« heißt das zweiseitige Dokument, wohl bewusst benannt nach der Stadt, in der mit der Deutschland-Vertretung von Electronic Arts, der eher spielefreundlichen Fachhochschule Köln und der kommenden Branchenmesse Gamescom die größten »Feinde« sitzen.

»Wie kommt der Krieg in die Köpfe - und in die Herzen?«, fragt die Überschrift des »Kölner Aufrufs«. Die Antworten, die dann folgen, sind selbst nach wohlwollenden Maßstäben abenteuerlich.

Computerspiele, so die überraschende Erkenntnis, sind im Wesentlichen Teil einer industriell-militärischen Verschwörung, gedeckt und gefördert von der Politik.

»Games-Konzerne dienen als Teil des militärisch-industriell-medialen Komplexes dazu, mit ›Spielen‹ die künftigen Soldaten heranzuziehen«, heißt es im »Kölner Aufruf«. Abgeleitet wird diese Schlussfolgerung aus der Erkenntnis, »Killerspiele« entstammten »den professionellen Trainingsprogrammen der US-Armee, mit denen Schusstechnik, Zielgenauigkeit und direktes Reagieren auf auftauchende Gegner trainiert werden: Die Soldaten werden desensibilisiert und fürs Töten konditioniert, die Tötungshemmung wird abgebaut.« Folglich entspräche »der ›Spielraum‹ unserer Kinder und Jugendlichen der Wirklichkeit des Kampfes von Soldaten in den völkerrechtswidrigen Kriegen z.B. im Irak und in Afghanistan.«

Diese Argumentation basiert auf der Tatsache, dass die US-Armee das Spiel America’s Army zur Rekrutierung nutzt und kommerzielle Spiele wie Full Spectrum Warrior auch für taktisches Training eingesetzt hat. Die Autoren des »Kölner Aufrufs« müssen sich aber fragen lassen, wie sie daraus die Überzeugung ableiten, die gesamte Spieleindustrie sei vom Militär unterwandert. Dafür gibt es keinerlei Beleg. Mit gleichem Recht ließe sich vermuten, die Kölner Aufrufer möchten ihr Feindbild mit leicht paranoidem Zug ins Hochbedrohliche übersteigern – im Übrigen eine bewährte Taktik militärischer Propaganda.

Die Verfilzung von Spielebranche und Militär ist nur eine Sorge der Autoren. Nach ihrer Auffassung tragen »Killerspiele« die die Hauptschuld an allerhand Dingen, die in Gesellschaft und Jugend falsch laufen.

  • An angeblich steigender Verrohung: »Längst ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass Mediengewalt und vor allem Killerspiele verheerende Wirkungen insbesondere auf Kinder und Jugendliche haben.« Erstaunlich ist an diesem Zitat vor allem die Kriegsvokabel »verheerend«, denn sie suggeriert ein Ausmaß und eine Geschwindigkeit an seelischer Verwüstung, die selbst die kritischsten Studien in keiner Weise nahe legen.

  • An Schulproblemen: »Viele Eltern sind verzweifelt, Lehrerinnen und Lehrer haben mit steigender Brutalität und Schulversagen zu kämpfen.« Das ist mit Sicherheit richtig. Der »Kölner Aufruf« suggeriert ein dramatische Zuspitzung und stellt diese Aussage in einen direkten, unmittelbaren Zusammenhang mit Computerspielen.

  • An wissenschaftlichem Ausverkauf: »Die Verharmlosung ihrer [der Spiele] Wirkungen funktionieren nur, weil Wissenschaftler und Hochschulen seit langem mitspielen. Hochschulen richten Studiengänge für die Games-Industrie ein und Wissenschaftler kreieren eine neue Sprache, die die Wirklichkeit verschleiert statt aufzuklären. […] So wird wissenschaftliche Korruption und Abhängigkeit von Wirtschaft und Militär geradezu provoziert.« Das ist eine deutliche Anspielung auf die die Fachhochschule Köln, eine Art Lieblingsfeind vor allem von Christian Pfeiffer und seinem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen. Nebenbei verfolgen Sätze wie diese vor allem den Zweck, abweichende Meinungen pauschal zu diffamieren.

  • An Ausländerhass: Durch Computerspiele würden »neue Feindbilder geschaffen und Fremdenfeindlichkeit verbreitet«. Durch welche Mechanismen genau das funktionieren soll und inwiefern sich Spiele in dieser Hinsicht von Filmen oder dem Fernsehen unterscheiden, diese Antworten bleibt der Kölner Aufruf schuldig. Man könnte auch argumentieren, dass es kein Medium so leicht macht wie Spiele, in die Haut und Rolle anderer Menschen oder Völker zu schlüpfen, wie es insbesondere in Rollenspielen wie World of Warcraft tagtäglich geschieht.

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