Obwohl E-Autos auch in Deutschland immer beliebter werden, halten sich bei Verbrenner-Fahrern hartnäckig Vorbehalte. Die Klassiker: lange Ladezeiten, ungewollte Stopps und eine zu geringe Reichweite.
Um genau diese Vorurteile auf den Prüfstand zu stellen, hat mir Kia einen Kia EV3 für zwei Wochen zur Verfügung gestellt. Mein Skoda Octavia RS blieb also in der Garage und ich fuhr zum ersten Mal in meinem Leben rein elektrisch. Ihr dürft in den nächsten Wochen also einige Artikel dazu hier auf GameStar Tech erwarten.
Nach 14 Tagen und über 600 Kilometern ist meine Erkenntnis so klar wie schockierend: Das größte Hindernis für die E-Mobilität in Deutschland ist nicht das Auto. Es ist nicht die Technik, nicht die Reichweite und auch nicht die Ladedauer. Es ist ein völlig unregulierter, chaotischer Tarifdschungel, der mich selbst als technikaffinen Fahrer fassungslos zurücklässt.
Disclaimer: Der Text spiegelt meine persönliche Erfahrung im Raum Sachsen wider.
Mein »Aha«-Erlebnis: Warum das E-Fahren die Zukunft ist
Bevor wir zum eigentlichen Problem kommen, muss ich über vermeintliche Probleme und Vorurteile sprechen, die sich in Luft aufgelöst haben. Denn genau hier liegt die Ironie: Das Auto selbst ist in meinen Augen dem Verbrenner in fast jeder Hinsicht überlegen. An die »Nachteile« gewöhnt man sich.
Wer wie ich 16 Jahre lang Benziner gefahren ist, hat sich an Dinge gewöhnt, die man erst als störend wahrnimmt, wenn sie plötzlich weg sind.
Der Kia EV3 gleitet einfach dahin. Es gibt kein Anlassgeräusch, kein Vibrieren im Stand, keinen Benzingeruch nach dem Kaltstart. Selbst mein Octavia RS mit seinem eigentlich hervorragenden Automatikgetriebe wirkt dagegen plötzlich »mechanisch«.
Am Berg, beim Anfahren, beim Beschleunigen: Im Stromer gibt es keine spürbaren Gangwechsel, kein Ruckeln. Es ist ein lautloses, geschmeidiges Schweben. Diese neue Stille und die unmittelbare Kraftentfaltung sind unbeschreiblich gut.
Die Emotion vom Octavia ist nicht weg, sie ist nur anders. Beim Verbrenner kommt sie aus dem Sound und der Vibration. Beim E-Auto kommt das Grinsen durch dieses verzögerungsfreie, schwerelose Drehmoment, das auch ohne Motorheulen einfach nur Spaß macht.
Und auch die klassischen Schreckgespenster der E-Mobilität – Reichweite und Ladedauer – haben sich in den zwei Wochen Testfahrt als Papiertiger erwiesen.
In der großen Variante hat der EV3 einen 81,4-kWh-Akku an Bord. Selbst bei Autobahntempo mit ca. 130 km/h und kühlen März-Temperaturen habe ich im Schnitt 20-21 kWh auf 100 Kilometer verbraucht. Das ergibt eine realistische Autobahn-Reichweite von knapp 400 Kilometern.
Das klingt für einen Verbrenner-Fahrer lächerlich wenig, ist im Alltag aber völlig unproblematisch. Denn ja, man kann mit einem Benziner oder Diesel »5 Stunden am Stück durchballern«, sollte man aber nicht. Ich selber mache viel zu wenig Pausen, meist nur, wenn die Blase drückt. Dabei wären regelmäßige, kurze Stopps für die Konzentration nicht nur förderlich, sondern notwendig.
Und das geht auch besser als gedacht: Obwohl der Kia EV3 mit 128-kW-Peak-Ladeleistung nicht der Lade-Weltmeister unter den E-Autos ist, habe ich am Autobahn-Schnelllader in 12 Minuten genug Saft für die nächsten ein bis zwei Stunden Fahrt nachgetankt.
Das ist exakt die Zeit für einen schnellen Kaffee, einen Biss in die Semmel oder einmal Beine vertreten. Daran gewöhnt man sich so schnell, dass es nach drei Tagen keine Rolle mehr spielt.
Dessen ungeachtet solltet ihr meiner Meinung nach trotzdem eine Lademöglichkeit Zuhause oder auf Arbeit haben, um euer Auto auch mal vollständig aufzuladen.
Ich habe jedenfalls festgestellt: Rein technisch ist das Tanken längst kein Problem mehr – die Hardware ist absolut bereit. Doch das System dahinter bremst sie unnötig aus. Denn so reibungslos der Strom durch den Stecker fließt, so überfordernd ist der Weg dorthin.
Sobald ihr nämlich nicht mehr nur auf die Ladegeschwindigkeit schaut, sondern an öffentlichen Ladesäulen bezahlen wollt, beginnt das wirkliche Problem.
Willkommen im Wilden Westen: Der Lade-Wahnsinn in Deutschland
Versteht mich nicht falsch: Sobald man sich erst einmal eingefuchst hat, ist das Laden abseits der eigenen Wallbox an sich keine große Sache mehr. Aber der initiale Erstkontakt ist für jeden Neuling schlichtweg nicht nachvollziehbar.
Das Problem ist nicht die Zeit, die man an der Säule steht – es ist der Stress, den man hat, bevor überhaupt das erste Elektrönchen fließt. Hier kommen nämlich gleich mehrere Probleme zusammen, die den Umstieg unnötig bremsen.
Problem 1: Die Ad-hoc-Falle
Wer sich vorab gar keinen Kopf macht und ohne spezielle Ladekarte losfährt, landet früher oder später in einer Sackgasse. Denn Ad-hoc-Laden – also das spontane Laden per Kreditkarte – ist in Deutschland alles andere als die Norm.
An vielen Säulen sucht man die Möglichkeit zur direkten Kartenzahlung vergeblich. Stattdessen kleben dort oft QR-Codes, die einen auf Webseiten leiten. Dort darf man dann – gerne auch mal im Regen oder bei Nacht – mühsam seine persönlichen Daten und Kreditkartendetails eingeben.
Das ist definitiv aufwändiger als mal eben Benzin in den Tank zu pumpen. Und wenn man Pech hat, streikt das System genau in diesem Moment – weil die Kreditkarte abgelehnt wird, oder die Website keine Verbindung aufbauen kann. Mir ist das jedenfalls schon passiert.
Problem 2: Das Preis-Lotto
Das nächste Problem: Was kostet der Spaß eigentlich? Während wir beim Verbrenner den Preis auf einer großen Tafel ablesen, sind die Preise an den E-Ladesäulen nicht nur intransparent, sondern erscheinen völlig willkürlich (und damit meine ich NOCH willkürlicher als beim Benzinpreis). In Deutschland gibt es hunderte Stromanbieter und jeder bietet eigene Preise, teils gekoppelt an monatliche Abotarife.
Allein in meinem Heimatort Kreischa gibt es zwei Anbieter, in der nächsten Stadt Dresden sind es Dutzende. An einem Ort kostet die kWh 45 Cent (nur im Abo für 4,90 Euro monatlich), an einer anderen 55 Cent via Ad-hoc-Laden, zwei Straßenzüge weiter sind es plötzlich 79 Cent.
Ohne Vorbereitung ist man diesem Preis-Lotto schutzlos ausgeliefert. Zumal sich das E-Auto bei derart hohen Stromkosten kaum noch gegenüber einem Verbrenner rechnet.
Die Kosten-Rechnung: Wo bleibt die Ersparnis?
Oft wird behauptet, E-Auto fahren sei unschlagbar günstig. Rechnen wir das mal nüchtern nach. Mein Octavia RS verbraucht im Schnitt 6,8 Liter Super E5 bei defensiver Fahrweise. Bei einem Spritpreis von 2,20 Euro kosten mich 100 Kilometer Fahrt etwa 14,96 Euro, bei einem Preis von 1,80 Euro pro Liter 12,24 Euro.
Der Kia EV3 verbrauchte im kühlen März-Test etwa 21 kWh auf 100 Kilometer. Lade ich diesen Strom nun unterwegs für
- 62 Cent (Roaming) liege ich bei 13,02 Euro.
- 45 Cent (mit Abo) wären es 9,45 Euro (+ 4,90 Euro pro Monat Abotarif)
- 30 Cent (Wallbox Zuhause) wären es nur noch 6,30 Euro.
Ihr seht also: Damit sich die E-Mobilität wirklich lohnt, müsste der öffentliche Strompreis eher bei 30 bis 40 Cent pro Kilowattstunde liegen.
Problem 3: Der Ladekarten-Dschungel
Um dem Gefrickel mit Webseiten und Wucherpreisen zu entgehen, braucht man Ladekarten. Aber hier wird es erst richtig wild: Welche nimmt man? Der Preis, der vielleicht auf dem Display der Säule steht, gilt fast immer nur für das Ad-hoc-Laden.
Nutzt man eine Ladekarte – was man tun sollte, um den Vorgang per RFID-Chip in Sekunden so bequem wie möglich zu starten –, zahlt man den Preis seines jeweiligen Vertrags.
Und hier lauert das Thema Roaming. Genau wie beim Handy im Ausland zahlt man oft einen Aufpreis, wenn man die Karte eines Anbieters an der Säule eines anderen nutzt.
Ich habe mich für meinen zweiwöchigen Test als Kompromiss für EWE Go
entschieden. Warum? Weil ich keine Lust auf fünf verschiedene Abos hatte. So zahlte ich keine Grundgebühr, dafür aber einen festen Roaming-Preis von 62 Cent pro kWh an fast allen Partner-Säulen.
Der Vorteil: Ich wusste vorher genau, was ich zahle. Der Nachteil: Ich wusste auch, dass ich für diesen Komfort einen Bequemlichkeits-Aufpreis
zahle. Wer hier unvorbereitet die falsche
Karte an den Leser hält, zahlt für dieselbe Menge Strom an derselben Säule mitunter einen völlig anderen, oft viel höheren Preis, nur weil der Roaming-Partner des Kartenanbieters andere Konditionen ausgewürfelt hat.
59:10
E-Autos als 2. Wohnzimmer: Ein Blick auf die neuesten Technologien für vernetzte Mobilität
Licht im Dunkeln: Die digitalen Helfer
Es ist ein absolut wilder und intransparenter Dschungel, der jeden Einsteiger erst einmal abschreckt. Zum Glück gibt es mittlerweile Lösungen, die dieses Chaos bändigen.
Ich habe mir vor meiner Testfahrt über zehn E-Auto-Apps heruntergeladen und miteinander verglichen. Hier sind drei, die mir bei dem Thema am meisten geholfen haben.
EnBW Mobility+: Diese App zeigt alle Ladesäulen in meiner Nähe. Ich habe sie verwendet, um mir einen Überblick zu verschaffen. Überraschung: Es gibt viel mehr Ladestation, als ich dachte. Dabei zeigt die App unter anderem auch den Stromanbieter der jeweiligen Säule an – eine wichtige Info für den nächsten Schritt.
Ladefuchs: Diese App zeigt mir, mit welcher Ladekarte ich bei welchem Stromanbieter am günstigsten laden kann. Das ist vor allem zu beginn eine enorme Hilfe, wenn man herausfinden möchte, welche Ladekarte sich lohnt.
Dank EnBW-App weiß ich, dass bei mir der Stromanbieter SachsenEnergie
weit verbreitet ist. Ladefuchs sagt mir dann, dass sich ein Abo samt Ladekarte von genau diesem Anbieter am meisten lohnen würde, um günstig zu tanken. Dazu noch eine Karte für Schnell-Lader an der Autobahn von IONITY
oder Aral Pulse
und man ist in meiner Gegend ganz gut abgedeckt.
2-3 Ladekarten braucht man meines Erachtens aber schon (wenn man keinen Tesla fährt, der mit seinem eigenen SuperCarger-Netzwerk noch mal in einer anderen Liga spielt).
Für das schnelle, unkomplizierte Finden von Säulen mit direkter Zahlungsmöglichkeit hat mir zudem die Ad-Hoc Map geholfen, die einer klassischen Tank-App am nächsten kommt. Hier könnt ihr zudem nach Preisen filtern.
Diese Tools nehmen den Stress aus der Suche, ändern aber nichts an dem Grundproblem: Dass man überhaupt erst zu Beginn zum digitalen Detektiv werden muss, um fair Strom zu tanken. Hier muss sich auf jeden Fall etwas tun!
Mein Fazit: Die größte Hürde nervt, lässt sich aber nehmen
Nach 14 Tagen ist mein Urteil klar. Das Auto selbst? Fantastisch. Ich würde das lautlose Gleiten sofort gegen meinen Verbrenner eintauschen. Aber die Zustände beim Laden in Deutschland sind für jemanden, der von außen kommt, schlichtweg nicht nachvollziehbar.
Zum Thema: Das sind die E-Autos mit der höchsten Reichweite
Solange wir keinen einheitlichen Preisstandard haben und solange die Kosten für öffentliches Laden so künstlich hochgehalten werden, werden die meisten beim Thema E-Mobilität immer noch zögern. Wer keine eigene Wallbox zu Hause hat oder beim Arbeitgeber laden kann, braucht am Anfang starke Nerven.
Doch es tut sich etwas – und mittlerweile gibt es Lösungen, die uns beim Umstieg auf den Stromer unterstützen. Das Laden sollte aber im Jahr 2026 nicht mehr so kompliziert sein. Ich bin gespannt, wie sich das in Zukunft entwickelt.


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