In der Tiefsee von Japan verbirgt sich eine weitestgehend unbekannte Welt: Etliche Gräben ziehen sich tausende Meter tief im Schatten des Inselarchipels durch den Pazifik. In ihnen vermuten Biologen wie Industrielle gleichermaßen Schätze: erstere neue Lebensformen und letztere potenziell wertvolle Rohstoffvorkommen.
Forscher brachen deshalb auf, um eine systematische Untersuchung vorzunehmen. Ihre Kernfrage: Was lebt dort? Ihre Reise führte sie zu gleich mehreren Orten – einige davon fast 5.000 Meter tief.
Ihre Funde offenbaren, wie wenig wir bisher über unsere Ozeane wissen und welch Wunder uns in ewiger Dunkelheit erwarten.
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Taucher nehmen uns mit zur größten Korallenkolonie der Erde
Schätze in der Tiefe
Am Nankai-Graben vor Südost-Japan begann die Expedition ihre Arbeit: Sie untersuchte mehrere unterseeische Gebiete über einer aktiven Subduktionszone. Hier schiebt sich die philippinische unter die eurasische Platte, wodurch Gase wie Schwefelwasserstoff und Methan am Ozeanboden austreten. Bakterien bedienen sich hieran und bilden so die unterste Schicht eines Ökosystems, das letztendlich auch größere Tiere ernährt. Insgesamt kennen wir in der Region derzeit 25 solcher Gebiete, die zwischen 300 und 4.800 Meter Tiefe liegen.
Durch Video- und Fotoaufnahmen sowie gezielter Probennahme mit Greifern, Saugern und Schaufeln schraubten sie die bekannte Vielfalt von dortigen Leben deutlich nach oben: fünfmal mehr als bisher angenommen. Unter den aufgespürten Lebewesen steckten sogar 38 bisher unbeschriebene Arten, die weltweit noch nie jemand zuvor erfasst hatte.
Ein lebendiges Schloss aus Glas und seine Bewohner
Einige Hundert Kilometer weiter südlich lag ein weiteres Ziel der Expedition: der Shichiyo-Unterwasserberg. Dabei handelt es sich um einen Vulkan, dessen Umgebung bislang als weitestgehend unerforscht galt. Mit dem bemannten Tauchboot »Shinkai 6500« erkundeten die Wissenschaftler dessen Flanken und entdeckten dort ein »gläsernes Schloss« – fachlich korrekt: einen Glasschwamm. Er baut sich aus denselben Stoffen auf, aus denen auch unser herkömmliches Glas besteht, Siliziumdioxid.
Im Inneren dieses Quasi-Glashauses wohnen oft Tiere. In diesem Fall haben sich dort zwei bisher unbekannte Arten von Vielborstwürmern eingenistet. Beachtenswert ist laut den Wissenschaftlern vor allem eines: Zwei Wurmtypen haben unabhängig voneinander den gleichen Schwamm als Heimat auserkoren. Denn weder seien sie eng verwandt, noch brauchen sie einander – aber beide besetzen eine ähnliche ökologische Nische als Symbiont im selben Wirt (der Glasschwamm). Es ist mehr eine Wurm-WG als eine Familie.
Doch selbst abseits des Glasschlosses lohnt sich ein Besuch: Denn auch hier krochen, schwammen und krabbelten den Wissenschaftlern bisher unbekannte oder dort nicht erwartete Wesen ins fahle Licht der Unterwasserkameras:
- Fünf neue Arten von Zwergkrebsen
- Neue Arten von Korallen
- Mehrere Arten, von denen bisher angenommen wurde, dass sie in japanischen Gewässern selten oder gar nicht vorkommen.
Mitsuyuki Unno, ausführender Direktor einer der beteiligten Organisationen, »The Nippon Foundation«, schließt daraus: »Die Entdeckungen im Nankai-Graben und in der Shichiyo-Seamount-Kette zeigen deutlich, wie wenig von unseren Ozeanen tatsächlich erforscht wurde.« Seine Kollegin und wissenschaftliche Leiterin, Dr. Michelle Taylor ergänzt:
Jede Entdeckung einer neuen Art ist ein Schritt hin zum Verständnis, zur Wertschätzung und letztlich zum Schutz unseres gemeinsamen Ozeans.
Ein unwissentlich bedrohter Schatz der Erde
Vom Glasschwamm, seiner Wurm-WG über die Krebse bis hin zu den Methanquellen als Horte für Leben drängt sich eine Erkenntnis auf: Selbst nach Jahrhunderten zufälliger und nach Jahrzehnten systematischer Untersuchungen kennen wir nur einen Bruchteil aller Ozeanbewohner, wie zum Beispiel auch diese Daten des Ocean Census nahelegen. Schätzungen gehen von ein bis zwei Millionen marinen Arten aus. Bisher sind hiervon lediglich zehn Prozent wissenschaftlich beschrieben.
Dass wir jetzt durch nur einen Besuch die Zahl der uns in diesem einen Gebiet bekannten Arten verfünffachen, belegt die vermutete Gefahr erneut: Schlimmstenfalls gefährden unsere Eingriffe in der Tiefsee weit mehr Lebewesen als wir sicher wissen. Sie tummeln sich eben nicht nur in Fußballfeld-großen Korallenfeldern, sondern auch in vermeintlich öden Winkeln.
Eine Vorliebe teilen sich nämlich vielfältige biologische Netze und die Rohstoffindustrie von morgen: Reiche Vorkommen für uns, bieten dank ihrer biologisch-chemischen Güte auch reichlich Potenzial für Leben – ein Konflikt, der uns sicher durch das 21. Jahrhundert begleiten wird.
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