Was würde euch am einsamsten Ort der Welt drohen? Sicher Langeweile, aber etwas Anderes ebenfalls: Euch fällt spätestens 2033 eine Raumstation vor die Füße – wir beerdigen da nämlich die ISS.
Wir nehmen euch mit an ebendiesen Ort: ins Herz des Südpazifiks, zum Point Nemo. Der nach dem berühmten U-Boot-Kapitän aus 20.000 Meilen unter dem Meer
benannte Punkt markiert eine weltweit einzigartige Stätte. Hierher kommen Maschinen-Legenden, um ihre letzte Ruhe zu finden.
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Ein Friedhof für Raumschiffe
Wer zum sogenannten »Ozeanischen Pol der Unzugänglichkeit« fährt, der sieht nichts – also nichts bis auf schier unendliches Meer in allen Himmelsrichtungen. Fast 2.700 Kilometer Wasser erstreckt sich von seinem Zentrum, Point Nemo, bis zum nächsten Festland. Im Westen liegt Neuseeland, im Norden die Ducie-Insel (Polynesien), im Nordosten Motu Nui, ein Nachbareiland der Osterinsel, im Osten Südamerika und im Süden Maher Island, was zur Antarktis gehört.
Senkrecht darunter warten vier Kilometer relativ unbelebtes Wasser. Denn die biologische Dichte fällt hier vergleichsweise gering aus, da das Nährstoffangebot deutlich unter angrenzenden Zonen des Pazifiks liegt.
Kurzum: Es gilt als einer der isoliertesten Orte der Erde, mit wenig tierischem Leben, keinerlei menschlicher Besiedelung und minimalem Schiffsverkehr – der ideale Platz, um hoch erhitztes Metall vom Himmel regnen zu lassen. Es ist unser Raumschiff-Friedhof.
Seit den frühen 1970er-Jahren entsorgen hier NASA (amerikanisch), Roskosmos (sowjetisch/russisch), ESA (europäisch) und JAXA (japanisch) sowie inzwischen auch privatwirtschaftliche Unternehmen rund 300 ausgemusterte Raumfahrzeuge oder Reste von Raketen bzw. Satelliten.
Unter anderem schlummern am Ozeangrund:
- Die 135 Tonnen schwere Mir-Raumstation (Sowjetunion/Russland), abgestürzt März 2001.
- Sechs Salyut-Raumstationen (Sowjetunion) wurden dort zwischen 1971 und 1982 entsorgt.
- Mehr als 140 russische Progress-Raumfrachter. Sie dienten hauptsächlich als Müllabfuhr und Tanker für Salyut, Mir und die ISS.
- Japan wasserte dort zwischen 2009 und 2020 mindestens sechs HTV-Frachter.
- Die ESA hinterließ in der abgelegenen Region angefangen 2008 und endend 2015 fünf ATV-Frachter.
- Die NASA-Raumstation Skylab schaffte es 1979 nicht wie beabsichtigt komplett bis zur abgelegenen Zielregion im Pazifik – Teile krachten auf Australien. Es gab aber keine Verletzten zu beklagen.
- Einige Trümmer von Cargo-Dragon-Kapseln von SpaceX
- Wahrscheinlich Dutzende russische, europäische, japanische und vereinzelt chinesische Satelliten.
- Hinzu kommt noch eine nicht unerhebliche Zahl von Oberstufen diverser Raketen. Die erste Stufe der verwendeten (nicht wiederverwendbaren) Startvehikel fällt stets relativ nahe vom Launch-Ort ins Meer. Die zweiten oder dritten Stufen schaffen es aber meistens bis in einen niedrigen Orbit und verbleiben dort zumindest einige Stunden oder sogar Tage, ehe sie dann auch oft hier enden.
Eine offizielle, geschweige denn amtliche Liste existiert nicht. Die obigen Zahlen und Angaben stammen aus einer 2018 veröffentlichten Studie.
Verschmutzen wir da nicht die Ozeane? Ja, ohne jeden Zweifel. Jedes Teil, was im Meer versinkt, stellt eine potenzielle Bedrohung für Lebewesen oder allgemein das Ökosystem dar. Deshalb existieren auch internationale Verträge, die das Einbringen von Umweltgiften oder Schrott selbst in unbeanspruchten Gewässern untersagen. Doch bei Weltraummüll stellen sich praktische Probleme:
- Was wäre die Alternative? Alles, was nicht beim Wiedereintritt verdampft, auf ewig im Orbit zu behalten, würde Unmengen an Treibstoff erfordern und eventuell das Kessler-Syndrom auslösen - also ein Betreten des Orbits zur Lebensgefahr machen.
- Zudem vermischen sich die Giftstoffe dort rasch und beeinflussen aufgrund der isolierten Lage keine Menschen. Der geringen Biodiversität ist es des Weiteren zu verdanken, dass wenn überhaupt nur wenige Tiere direkt oder indirekt geschädigt werden.
Das unsichtbare Gräberfeld
Dabei verbirgt der Pazifische Ozean das Trümmerfeld perfekt. Bilder vom Raumschiff-Friedhof existieren nicht. Es wäre zwar möglich, welche aufzunehmen, aber der Aufwand gilt als unrechtfertigbar. Die abgeschiedene Lage auf der Erde sowie die Tiefe des Meeresgrundes trieben die Kosten für eine potenzielle Mission rasch in ungeahnte Höhen.
Bereits bis zu dem Zeitpunkt, an dem das unbemannte oder autonome Unterwassergefährt endlich hinabtaucht, wären Unsummen verbrannt. Derweil käme erst dann Freude am Fotografieren auf, wenn jemand genau wüsste, wo er denn tauchen soll. Point Nemo als Ortsbezeichnung suggeriert, wir wüssten genau, wo dort tausende Meter unterhalb der Oberfläche etwas liegt – dem ist aber nicht so. Es existieren keine Karten der exakten Ruhestätten von Raumschiffen, Stationen und Satellitenüberresten.
Die Wracks sind über ein riesiges Gebiet verstreut. Wir sprechen hier wahrscheinlich – so genau weiß es niemand – von einem Friedhof, der sich über Hunderte bis Tausende Quadratkilometer erstreckt. Und von einer eventuellen Kartierung mit Sonar brauchen wir gar nicht anfangen zu träumen, da der Aufwand zu einem logistischen sowie finanziellen Albtraum geriete (via phys.org und BBC).
Eine regelrecht feurige Seebestattung
Wer das Umkreisen der Erde gegen einen Platz im nassen Pazifik-Grab tauscht, muss aber erst buchstäblich durchs Feuer gehen: der kontrollierte Wiedereintritt.
Dabei reduziert sich fortwährend die Höhe. Je tiefer, desto höher der Luftwiderstand, desto heißer wird es um das mehrere tausend Stundenkilometer schnelle Raumschiff. Die Atmosphäre wirkt wie ein Umluftofen, der mit auf 10.000 Grad Celsius erhitzten Sturmwinden an dem Eindringling zerrt, das Ergebnis: eine feurig-glühende Außenhaut, die ungeschützt weggefressen wird.
Allerdings bremst der steigende Luftdruck den Abstieg auch rasch ab, wodurch der Höllenflug nur kurz dauert, durchschnittlich drei bis acht Minuten.
Kleinere Objekte verbrennen währenddessen vollständig, zum Beispiel die meisten Satelliten, von denen derzeit täglich mindestens einer verglüht. Größeres, wie Raumstationen, wird nur aller abstehenden, fragilen Hardware beraubt. Übrig bleiben äußerlich verkohlte Metallröhren.
VIP-Zuwachs Anfang der 2030er
Wie eingangs erwähnt, bekommt der Friedhof wahrscheinlich im Jahr 2031 seinen dann größten, schwersten und auch sicher berühmtesten Neuzugang: Die Internationale Raumstation erreicht dann nämlich das Ende ihrer Lebensdauer und wird kontrolliert in die tieferen Atmosphärenschichten absinken. Mehr als 400 Tonnen treten dann nach jüngst erfolgter Dienstzeit-Verlängerung ihre letzte Reise an.
Hinab durch das glühende Plasma des Wiedereintritts, durch die trüb-kalten Wolken und schließlich ins düstere Nass des Pazifiks, wo auch sie in rund 4.000 Metern Tiefe irgendwo neben Mir, Skylab und Co. um den Point Nemo herum zum Liegen kommt.
Und wer weiß, wer sie eines Tages findet und zurück aus der Dunkelheit ans Licht holt: Denn egal was aus der Erde wird, eines steht fest: Sie wird den Friedhof nicht vergessen und mit genügend Zeit wandeln sich Ozeane dank Geologie und Klimaveränderungen zu Land. Vielleicht gräbt ja eines Tages irgendein Archäologenteam eine Artefaktsammlung der Raumfahrtära aus.
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