1866 schenkte Napoleon III. Paris sein eigenes »Internet«: Hunderte Kilometer »Kabel« liegen noch heute unter der Erde

Lange vor Glasfaser steckte Paris Informationen in Kapseln und schoss sie durch Kanäle. Doch der Mythos vom intakten Netz hat Lücken.

Verborgene Infrastruktur: Unter den Boulevards von Paris verlief ab 1866 ein gigantisches Netz aus Stahlrohren und Knotenpunkten. (Bildquelle: Adobe Stock, Dmytro) Verborgene Infrastruktur: Unter den Boulevards von Paris verlief ab 1866 ein gigantisches Netz aus Stahlrohren und Knotenpunkten. (Bildquelle: Adobe Stock, Dmytro)

Paris im Jahr 1866.

Frankreichs letzter Monarch und Neffe von Napoleon Bonaparte, Napoleon III., lässt die Hauptstadt umbauen. Breite Boulevards entstehen und darunter ein für die damalige Zeit hochmodernes Netz aus Kanälen und Leitungen.

Und genau damit geht in dieser Metropole mit etwa 1,83 Millionen Einwohnern ein Kommunikationsnetz in Betrieb, das aus heutiger Sicht erstaunlich vertraut wirkt – und nicht zu Unrecht als »Internet« des 19. Jahrhunderts betrachtet werden darf.

Denn Nachrichten reisen dort durch ein Netz, passieren Knotenpunkte und legen große Teile ihres Weges in wenigen Minuten zurück.

Der große Unterschied zum echten Internet: Die Datenpakete bestehen nicht aus Bits, sondern aus Papier.

Und die Leitungen bestehen nicht aus Kupfer oder Glasfaser. Es handelt sich um Stahlrohre.

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Nachrichten mit Druckluft verschicken

Bereits Ende 1866 wurde die erste Pariser Rohrpoststrecke zwischen der Börse und dem Grand Hôtel getestet.

Der Grund, warum man sich für die Lösung entschieden hat, klingt erstaunlich aktuell.

Die bereits weitverbreitete elektrische Telegrafie konnte Nachrichten zwar grundsätzlich viel schneller über große Entfernungen übertragen, doch in Paris entstand ein Flaschenhals:

Das Telegrafennetz war stark ausgelastet, Meldungen mussten zwischen Stellen weitergeleitet werden, und für einzelne Teilstrecken waren weiterhin Boten nötig.

Die Rohrpost sollte genau diese Verzögerungen umgehen.

Nachrichten kamen in zylindrische Behälter, die anschließend per Druckluft durch Rohre geschossen wurden.

Ab 1868 wurden neue Rohrleitungen zunehmend in bestehenden Abwasserkanälen von Paris verlegt.

Unter der Stadt entstand gewissermaßen eine geteilte Infrastruktur. Dort verliefen nicht nur Kanäle, sondern auch Wasser-, Telefon- und eben Rohrpostleitungen.

Allerdings ist es nicht so, dass Napoleon III. die Rohrpost selbst erfunden hätte. Eine der ersten praktisch eingesetzten pneumatischen Nachrichtenleitungen hatte der britische Ingenieur Josiah Latimer Clark bereits 1853 in London gebaut.

Die Pariser Rohrpost entstand jedoch mitten in einer gewaltigen Modernisierungswelle, die Napoleon III. entscheidend vorantrieb.

Aus einem Behördennetz wurde ein Massenmedium

Zu Beginn diente die Rohrpost der Telegrafie sogar als Hilfsmittel, indem man Telegramme einfach damit verschickte.

Erst später wurde sie eigenständiger und 1879 schließlich auch für die private Nutzung freigegeben.

Besondere Berühmtheit erlangten die sogenannten »petits bleus« – kleine blaue Sendungen, die innerhalb von Paris deutlich schneller ihr Ziel erreichten als gewöhnliche Briefe.

Und genau hier erinnert das Ganze am meisten an das Internet und seine Anfänge.

Stationen dienten als Knotenpunkte, Behälter wurden weitergeleitet und später wurde sogar ein Teil der Zielauswahl und der Weiterleitung automatisiert.

Nur die letzte Meile blieb beim Alten. Am Zielpostamt nahm wie eh und je ein Bote die Nachricht aus dem Rohr und brachte sie persönlich zum Empfänger.

Das Netz wurde über 400 Kilometer lang

Auf seinem Höhepunkt nahm die Pariser Rohrpost gewaltige Ausmaße an.

Denn für das Jahr 1933 nennt eine historische Untersuchung 427 Kilometer Rohrleitungen und knapp 130 angeschlossene Postämter – Weltrekord. Damit war es das damals größte pneumatische Rohrpostnetz überhaupt.

Die Behälter waren dabei erstaunlich flott unterwegs. Je nach Strecke erreichten sie rund 50 Kilometer pro Stunde.

Jährlich wurden auf diese Weise zeitweise mehrere Millionen Nachrichten verschickt.

Schon 1866, also mehr als ein Jahrhundert, bevor überhaupt jemand den Begriff »Internet« in den Mund nahm und wir E-Mails und Messenger als selbstverständlich erachteten, besaß Paris bereits ein mechanisches Kommunikationsnetz, das erstaunliche Parallelen zum Internet aufweist.

Und zwar genau wie heute mit Knotenpunkten, Weiterleitung und gewissermaßen einer analogen Form von Routing.

Die Sache mit den 427 Kilometern

An diesem Punkt wird die Geschichte allerdings gerne ein wenig zu schön erzählt. Im Internet findet sich immer wieder die Behauptung, sämtliche 427 Kilometer Rohrpostleitungen lägen noch unter Paris.

In Wahrheit wurden schon lange vor der endgültigen Stilllegung am 30. März 1984 Teile des Netzes im Zuge von Renovierungsarbeiten, anderen Bauvorhaben und Umbauten demontiert oder unterbrochen.

So galten bereits 1983 nur noch rund 230 Kilometer überhaupt als betriebsfähig.

Die Stadt Paris selbst sprach im Jahr 2002 lediglich von einigen pneumatischen Rohren in der Kanalisation.

Dass bis heute Teile als Überreste existieren, ist gut dokumentiert.

Die gesamten 427 Kilometer dürften dort aber kaum noch unberührt liegen.


Aus der Archäologie:


Manchmal sieht die Vergangenheit erstaunlich modern aus

Umso spannender ist dagegen Folgendes: Die Rohrpost war trotz ihrer offiziellen Stilllegung nicht ganz verschwunden.

Denn es existierten neben dem öffentlichen Netz auch separate Systeme. Das eigene Verwaltungsnetz der Stadt Paris war sogar noch bis 2008 in Betrieb.

Und das macht letztlich den Reiz der Geschichte aus.

Unter den Straßen von Paris lag über Jahrzehnte das längste Rohrpostnetz der Welt. Es transportierte Informationen schnell, leitete sie über verschiedene Stationen weiter und löste damit ein Problem, das uns selbst heute noch in der einen oder anderen Form beschäftigt:

Wie bekommt man möglichst viele Nachrichten schnell von A nach B?

Nur, dass damals keine Glasfaserkabel im Boden lagen, sondern Stahlrohre. Und statt Datenpaketen rauschten kleine Papierbotschaften hindurch.


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