Zunächst nichts als Dunkelheit.
Doch dann taucht im Scheinwerferlicht eines Forschungstauchbootes der Bug eines Schiffes auf, das vor über 100 Jahren vom Stapel lief. 390 Meter unter der Oberfläche der Labradorsee liegt die »Quest«.
Auf diesem Schiff starb im Januar 1922 einer der berühmtesten Polarforscher seiner Zeit: Ernest Shackleton.
Nun konnten Forscher das Wrack erstmals seit dem Untergang der »Quest« aus nächster Nähe betrachten.
Das Wrack wurde nicht erst jetzt entdeckt
Die beeindruckenden Aufnahmen entstanden während einer Expedition der Royal Canadian Geographical Society und der Woods Hole Oceanographic Institution.
Dabei kam neben dem bemannten Tiefseetauchboot »Alvin« auch der ferngesteuerte Tauchroboter »Falcon« zum Einsatz.
Die Aufnahmen zeigen neben dem Bug auch Teile des Decks und mehrere Bullaugen. Der Hauptmast liegt umgestürzt auf dem Meeresgrund, und mehrere große Fischernetze bedecken Teile des Wracks.
Von einer Neuentdeckung der »Quest« kann allerdings nicht die Rede sein.
Bereits im Juni 2024 hatte eine frühere, ebenfalls von der Royal Canadian Geographical Society geleitete Expedition das Wrack mit einem Seitensichtsonar lokalisiert. Die neuen Tauchgänge lieferten jedoch die ersten Nahaufnahmen.
Aus den gesammelten Daten wollen Experten nun ein digitales Modell erstellen. So lässt sich das Wrack künftig detailliert untersuchen, ohne direkt in das Schiff und den dort entstandenen Lebensraum eingreifen zu müssen.
Die »Quest« liegt nicht vor Grönland
Die »Quest« liegt zwar in der zwischen Kanada und Grönland gelegenen Labradorsee, aber auf der kanadischen Seite – vor der Küste Neufundlands und Labradors.
Mitunter wird der Fundort allerdings fälschlicherweise vor Grönland verortet. Eine mögliche Ursache könnte sein, dass dieselbe Expedition wenige Tage später ein zweites Wrack untersuchte: das der »Terra Nova« des nicht minder bekannten Polarforschers Robert Falcon Scott.
Und das Schiff liegt tatsächlich vor Südgrönland.
Shackletons letzte Reise endete an Bord
Ihre Bekanntheit verdankt die »Quest« vor allem Shackleton, der auf ihr seine letzte Reise antrat.
Shackleton selbst erlangte seine größte Berühmtheit durch die gescheiterte »Endurance«-Expedition. Sie sollte erstmals den antarktischen Kontinent von Küste zu Küste über den Südpol durchqueren.
Doch bereits wenige Wochen nach der Ankunft im Weddellmeer wurde die »Endurance« im Packeis eingeschlossen. Monate später zerdrückte der gewaltige Druck des Eises das Schiff, das schließlich am 21. November 1915 sank.
Shackleton führte alle 27 weiteren Besatzungsmitglieder zunächst über das treibende Eis und anschließend in Rettungsbooten bis nach Elephant Island. Dort ließ er 22 Männer zurück und brach mit fünf Begleitern auf, um Hilfe zu holen – mit Erfolg.
Die gesamte Besatzung der »Endurance« überlebte.
Bis heute gilt die Rettungsmission als eine der spektakulärsten der Seefahrtsgeschichte und der Polargeschichte im Besonderen.
1921 stach Shackleton mit der »Quest« erneut in See. Ursprünglich wollte er damit die kanadische Arktis erkunden. Nachdem diese Pläne gescheitert waren, sollte die Expedition unter anderem wenig erforschte Inseln und Gebiete der Subantarktis untersuchen.
Doch seine Ziele erreichte Shackleton nicht mehr. Am 5. Januar 1922 starb der damals 47-Jährige vor Südgeorgien an einem Herzinfarkt.
Sein Tod gilt als symbolisches Ende des heroischen Zeitalters der Polarforschung, zu dessen bekanntesten Ereignissen auch der Wettlauf zum Südpol zwischen Roald Amundsen und Robert Falcon Scott gehört.
Die Reise der »Quest« endete erst viele Jahre später.
Nach Shackletons Tod gelangte das Schiff in norwegischen Besitz. Es nahm an weiteren Expeditionen und Rettungseinsätzen teil, diente zeitweise in der kanadischen Marine und wurde später erneut als Robbenfänger eingesetzt.
Am 5. Mai 1962 wurde es in der Labradorsee durch Eis so schwer beschädigt, dass es sank. Doch die gesamte Mannschaft konnte gerettet werden.
Aus einem Schiff wird langsam ein Riff
Heute, mehr als 60 Jahre später, ist die »Quest« nicht mehr nur ein historisches Wrack.
Sie ist auch Lebensraum.
Korallen gedeihen auf dem Rumpf, zwischen den Trümmern schwimmen verschiedene Fischarten.
Womöglich liegt darin die tiefere Bedeutung der neuen Bilder.
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Sie zeigen weder eine neue Entdeckung noch ein Schiff, das darauf wartet, geborgen zu werden. Stattdessen dokumentieren sie, wie die Tiefsee ein Stück Polargeschichte langsam in einen neuen Lebensraum verwandelt.
Die Bilder der »Quest« erzählen deshalb im Grunde zwei Geschichten: eine über Mut, Scheitern und Rettung.
Und eine darüber, was passiert, wenn irgendwann nur noch Dunkelheit, Korallen, Fische und ein umgestürzter Mast zurückbleiben.

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