Exoskelette kannte ich bisher vor allem aus Videos, Industrieanwendungen und ziemlich futuristisch klingenden Produktankündigungen. Selbst getragen hatte ich eines noch nie. Auf der IFA 2026 hat sich das geändert: Mit dem AlpWalk S1 konnte ich zum ersten Mal ausprobieren, wie es sich tatsächlich anfühlt, wenn ein Exoskelett die eigenen Bewegungen unterstützt.
Dafür wird das rund 2,5 Kilogramm schwere Gerät wie ein Gürtel um die obere Hüfte gelegt und zusätzlich an beiden Oberschenkeln befestigt. Nach einer kurzen Einführung erkennt das System die Bewegungen des Trägers und unterstützt sie adaptiv. Auf der IFA konnte ich das selbst ausprobieren – und gerade auf Treppen merkt man ziemlich schnell, dass hier tatsächlich aktiv geholfen wird.
Die Unterstützung wird erst bei Bewegung wirklich spürbar
Im Stehen fühlt sich das Exoskelett zunächst vor allem wie zusätzliche Technik an Hüfte und Beinen an. Sobald man losläuft, verändert sich dieser Eindruck aber.
Das System unterstützt die Bewegung an Hüfte und Oberschenkeln und soll dabei eine »Assist Efficiency« von 35 Prozent erreichen. Laut Hersteller entspricht die Entlastung einer Gewichtsreduktion von bis zu 12 Kilogramm. Der Akku soll dabei für bis zu sechs Stunden Unterstützung ausreichen.
Richtig verstanden habe ich das Prinzip allerdings erst auf der Treppe. Beim ersten Schritt nach oben war die Unterstützung für mich unmittelbar spürbar: Ich hob das Bein an und hatte das Gefühl, dass das Exoskelett meine Bewegung erkennt und genau in diesem Moment weiterführt. Es läuft die Treppe nicht für mich hoch, aber der zusätzliche Schub macht den Schritt merklich leichter.
Und genau hier kommt die adaptive Assistenz ins Spiel. Das Gerät soll nicht lediglich mit einer festen Unterstützung arbeiten, sondern Bewegungen analysieren und seine Hilfe daran anpassen.
Dafür nutzt AlpWalk einen KI-Algorithmus für ein Bewegungs-Assessment. Nach einer kurzen Lernphase soll das System erkennen, wie sich eine Person bewegt, welchen Rhythmus sie hat und welche Unterstützung in unterschiedlichen Situationen sinnvoll ist. Die Assistenz soll dadurch immer stärker auf die individuelle Bewegung abgestimmt werden.
Vom Exoskelett zum vernetzten Mobilitätsassistenten
AlpWalk denkt das Gerät aber nicht nur als mechanische Unterstützung. Mit Funktionen wie Real-Time Connection, Remote Guardian und Cloud Evolution soll das Exoskelett Teil eines vernetzten Assistenzsystems werden.
Über die Echtzeitverbindung können Bewegungs- und Nutzungsdaten verarbeitet werden. Der Remote Guardian erweitert das Konzept um die Möglichkeit einer Betreuung beziehungsweise Begleitung aus der Ferne. Die Cloud wiederum soll dazu beitragen, das System und seine Bewegungsmodelle langfristig weiterzuentwickeln.
Gerade bei älteren Menschen könnte darin ein interessanter Ansatz liegen. Denn Mobilitätsassistenz bedeutet dann nicht einfach nur, mehr Kraft zur Verfügung zu stellen. Das System soll vielmehr verstehen, wie jemand tatsächlich geht, und die Unterstützung daran anpassen.
Natürlich bleibt nach einem kurzen Messetest offen, wie natürlich sich das Exoskelett nach mehreren Stunden anfühlt, wie gut der Algorithmus unterschiedliche Alltagssituationen erkennt und wie groß der tatsächliche Nutzen für Menschen mit eingeschränkter Mobilität ist.
Passend zum Thema: Linhs Erfahrungsbericht zum Hypershell X Ultra S – ein konkurrierendes Exoskelett
Nach meinem ersten Exoskelett-Test verstehe ich jedenfalls besser, warum diese Geräte auf der IFA plötzlich an so vielen Stellen auftauchen. Der erste Eindruck war trotzdem überraschend deutlich: Besonders beim Treppensteigen spürt man unmittelbar, dass das System nicht einfach nur am Körper hängt, sondern versucht, die eigene Bewegung zu verstehen und im richtigen Moment zu unterstützen.
Genau dadurch wirkt das AlpWalk weniger wie ein klassisches Exoskelett und mehr wie ein persönlicher Mobilitätsassistent, den man sich um die Hüfte schnallt. Ob ich das AlpWalk nach mehreren Stunden noch genauso angenehm finden würde, kann ein kurzer Messetest nicht beantworten, aber mein erstes Mal im Exoskelett hat mir ziemlich deutlich gezeigt, welches Potenzial in dieser Produktkategorie steckt.

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