Ist ein Roboteranzug für den Alltag wirklich der ultimative Turbo für die Beine oder verleitet er uns am Ende nur dazu, bequem zu werden? Als ich das Hypershell X Ultra S zum ersten Mal festgeschnallt habe, wollte ich eigentlich genau diesen zusätzlichen Anschub auf meinen Touren testen.
Doch im Laufe meines Tests stellte sich heraus: Die beste Eigenschaft dieses High-Tech-Skeletts ist gar nicht das mühelose Erklimmen von Steigungen. Es ist ein ganz bestimmter Modus, der meine Beine gezielt bremst und mir ein Trainingsgefühl beschert, wie man es sonst nur vom Laufen unter Wasser kennt.
Was ist ein Exoskelett überhaupt?
Ein Exoskelett ist im Grunde eine tragbare Stützstruktur für den Körper, eine Art Stütznetz oder Roboteranzug, den man außen an den Beinen, den Armen oder am Rücken trägt. Es funktioniert wie ein externes Skelett, das eigene Bewegungen durch Motoren, Federn oder Hydraulik unterstützt, verstärkt oder gezielt bremst.
Während Exoskelette im Alltag noch wie ein Blick in die Zukunft wirken, sind sie in vielen Bereichen längst im professionellen Dauereinsatz:
- Industrie & Logistik: In der Automobilproduktion und in großen Lagern entlasten sie Arbeiter bei der Überkopfmontage oder beim Heben schwerer Kisten, um Schultern und Rücken vor Verschleiß zu schützen.
- Medizin & Rehabilitation: In der Physiotherapie helfen sie Menschen mit Gehbehinderungen dabei, Bewegungsabläufe neu zu erlernen und die Beine schrittweise wieder zu mobilisieren.
- Militär & Katastrophenschutz: Hier unterstützen sie Einsatzkräfte dabei, schwere Ausrüstung über lange Strecken oder durch unwegsames Gelände zu tragen, ohne vorzeitig zu ermüden.
Der Unterschied zu Consumer-Geräten: Während professionelle Exoskelette meist dazu da sind, Muskeln zu schonen oder verlorene Kraft zu ersetzen, geht der Trend bei mobilen Outdoor-Geräten wie dem Hypershell noch weiter: Sie unterstützen nicht nur, sondern können den Spieß auch umdrehen und als mobiles Trainingsgerät dienen.
Hypershell X Ultra S im Detail
Hypershell ist einer der wenigen Hersteller von Exoskeletten, die für Normalverbraucher gedacht sind.
Das Unternehmen hat seine neue X-Serie vorgestellt, die für die Unterstützung der Beine konzipiert ist und sich in Leistung, Funktionsumfang und Material unterscheidet. Sie besitzen außerdem verwirrende Namen, die glatt von Xbox stammen könnten:
| Hypershell X Ultra S (mein Testmuster) | Hypershell X Mas S | Hypershell X Pro S | |
|---|---|---|---|
| Preis | 1.999 Euro | 1.499 Euro | 999 Euro |
| Maximale Ausgangsleistung | 1.000 W | 1.000 W | 800 W |
| Mögliche Verringerung der Anstrengung | 39 % | 39 % | 30 % |
| Akkureichweite im Eco-Modus | 30 km x 2 (zwei Akkus, 72 Wh) | 30 km (72 Wh) | 17,5 km (72 Wh) |
| Intelligente Modi | 12 | 10 | 10 |
| Maximale Geschwindigkeit-Unterstützung | 25 km/h | 25 km/h | 20 km/h |
| Anzal der Motoren | 2 | 2 | 2 |
| Material der Hüfthebel | Titanlegierung | Edelstahl | Edelstahl |
| Material der Hüfthebelrohre | Titanlegierung | Aluminiumlegierung | Aluminiumlegierung |
| Außenmaterial | Nylon | Nylon | Nylon |
| Schutzklasse | IP54 | IP54 | IP54 |
| KI-Engine | HyperIntuition (E2E) | HyperIntuition (E2E) | HyperIntuition (E2E) |
| Chipsatz | ESP32-S3 | ESP32-S3 | ESP32-S3 |
Wie funktioniert es und wofür ist es da?
Das Anziehen: Die Exoskelette lassen sich in der Größe verstellen. Dafür gibt es auf der Rückseite zwei Klammern, um das Gerät auf unterschiedliche Bauch- und Hüftumfänge anzupassen.
- Zuerst wird es um den Bauch geschnallt und befestigt. Es sollte so eingestellt werden, dass die beiden Motoren sich auf Höhe der Hüftgelenke befinden und etwa einen Zentimeter Abstand zu diesen haben.
- Dann werden die Beingurte knapp oberhalb der Kniescheiben festgeschnallt. Bei diesen lässt sich die Höhe und der Umfang anpassen.
Das war es auch schon. Hat man den Dreh erst einmal raus, lässt sich das Exoskelett innerhalb von etwa 60 bis 120 Sekunden anziehen und einstellen.
Wie funktioniert es? Ganz einfach ausgedrückt unterstützt es mit den zwei Motoren an den Hüftgelenken die Funktion der Beine. Mit diesen werden vor allem der Hüftbeugemuskel und Teile des Quadrizeps unterstützt. Ihr könnt euch das etwa so vorstellen: Bei jedem Schritt zieht ein Motor eure Beine zusätzlich nach oben.
Für was ist das gut? Obwohl die Funktion des Exoskeletts schnell erklärt ist, bietet es eine Reihe von Einsatzzwecken und Funktionen für unterschiedliche Menschen und Bedürfnisse.
- Unterstützung für Menschen mit Behinderung und Einschränkungen: Durch die Unterstützung des Exoskeletts können Menschen mit Gehbehinderungen besser an Wanderungen, Spaziergängen oder anderen Aktivitäten teilnehmen, die ohne Hilfe schwieriger wären.
- Entlastung bei Gelenkproblemen: Das Exoskelett verringert die Gelenkbelastung, insbesondere bei den Knien. Für das Bergablaufen gibt es sogar einen Modus, der die Beine bei jedem Schritt leicht bremst.
- Ermüdung beim Arbeiten entgegenwirken: So ein Gerät kann auch von Menschen eingesetzt werden, die beruflich viel laufen müssen.
- Unterstützung beim Wandern, Spazieren oder Sport: Weil das Exoskelett die muskuläre Erschöpfung verringert, könnt ihr beim Wandern, Radfahren oder Spazieren längere Strecken zurücklegen.
Die unterstützenden Aspekte des Exoskeletts habe ich in meinen zwei vorherigen Artikeln zu dem Thema beleuchtet, die ich euch hier verlinke:
Es gibt nämlich eine Funktion, die für mich persönlich noch spannender ist: der Fitnessmodus.
Mein Lieblingsmodus ist das Gegenteil von Unterstützung
Im Fitnessmodus wird der Spieß umgedreht und das Exoskelett erhöht den Widerstand beim Laufen, anstatt zu unterstützen. Das hat mir richtig gut gefallen!
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Hypershell X S Ultra im Fitnessmodus: Linh stapft mit erhöhtem Widerstand den Olympiaberg in München hoch (Aufnahmen von Maple Marketing)
Das Besondere an diesem Modus ist nicht einfach nur ein statischer Widerstand, gegen den ihr mit den Beinen drücken müsst, er ist dynamisch und fühlt sich sehr geschmeidig an. Wenn ich mit meinen ehemaligen Kollegen aus der Fitnesswelt spreche, beschreiben wir die Gewichte von Trainingsmaschinen mit besonders geschmeidiger Führung als »weich«; so fühlt sich das Hypershell X Ultra S im Fitnessmodus an.
Der Widerstand ist außerdem dynamisch, mit einer variablen Kraftkurve. Das bedeutet, dass das zusätzliche Gewicht nicht in jedem Winkel gleich schwer ist. Bei jedem Schritt ist der Widerstand zuerst etwas höher und nimmt dann graduell ab, bis ihr den Fuß wieder abgesetzt habt.
Im Großen und Ganzen fühlt es sich ein wenig so an, wie unter Wasser zu laufen. Die Belastung auf die Gelenke ist dadurch deutlich geringer, als mit Gewichtsmanschetten oder einer Gewichtsweste zu laufen.
Ich habe in den letzten Wochen den Fitnessmodus in zwei Szenarien getestet:
Foto-Spaziergänge mit Fitness-Nebeneffekt: Ich arbeite von Zuhause, weshalb ich gern jede Gelegenheit nutze, nach draußen zu gehen. Am liebsten nehme ich dabei meine Kamera mit, um beim gemütlichen Spazierengehen nach Motiven Ausschau zu halten.
Mit dem Exoskelett im Fitnessmodus wird jeder Gang zu einem kleinen Workout. Das passt perfekt zu mir, weil ich klassisches Cardiotraining echt langweilig finde (also Joggen, Laufband, Radfahren und so). So mache ich aus einem Hobby gleichzeitig ein leichtes Ausdauertraining.
Das Beste: Der erhöhte Widerstand verschwindet nach einer Weile im Unterbewusstsein und lenkt mich nicht von der Fotografie ab. Dazu tragen auch das leichte Gewicht und der bequeme Sitz bei.
Wanderungen mit Extra-Herausforderung: In den letzten Wochen war es nicht mehr so unerträglich heiß, weshalb ich mit einem Freund eine kurze 15-Kilometer-Wanderung unternommen habe.
Um den kleinen Ausflug noch etwas herausfordernder zu machen, habe ich mir das Exoskelett umgeschnallt und den Fitnessmodus aktiviert.
Der erhöhte Widerstand ist anfangs spürbar, aber wie beim Fotografieren vergisst man schnell, dass die Beine derzeit schwerer sind, als sie eigentlich sein sollten. Nur gegen Ende der Wanderung gab es eine etwas längere Steigung, die ich definitiv in den Beinen gespürt habe.
Als wir am Ziel ankamen und ich den Fitnessmodus deaktivierte, kamen mir meine Beine wieder unglaublich leicht vor.
Weil ich außerdem einen Rucksack auf dem Rücken trug, der den oberen Teil des Exoskeletts verbarg, sah ich nicht ganz so sonderbar aus, wie man vermuten mag – nur ein bisschen!
Es hat auf jeden Fall viel Spaß gemacht, Wanderungen unter solchen Bedingungen durchzuführen, und meine Foto-Spaziergänge können jetzt gleichzeitig meine Cardio-Fitness verbessern.
Und bei Bedarf gibt es noch Unterstützungsfunktion – die ich allerdings sparsam verwende.
Unterstützung ist wichtig, aber nur, wenn sie wirklich nötig ist
Ich finde es toll, dass es solche Geräte gibt, die für gewöhnliche Konsumenten verfügbar sind, obwohl ein Preis ab 1.000 Euro nicht gera günstig ist. Für viele Menschen wird er dennoch nicht unbezahlbar sein. Immerhin laufen unzählige Menschen mit Smartphones herum, die noch viel teurer sind.
Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass ein Exoskelett wie dieses den Alltag für viele Menschen verbessern kann. Ich denke zum Beispiel an eine ältere Person, die an einem Familienausflug teilnehmen kann, bei dem sie normalerweise ausgesetzt hätte.
Probleme sehe ich jedoch darin, wenn Menschen so ein Exoskelett verwenden, um Anstrengung zu reduzieren, die ihnen gutgetan hätten. In meiner Zeit als Fitnesstrainer hat sich eine Sache wieder und wieder bewahrheitet: Muskelaufbau hilft.
Eine Bergsteigerin, die nur aus reiner Kraft einen hohen Gipfel besteigt, wird es beim zweiten Aufstieg leichter haben; unsere Körper passen sich an, sie lernen und die Muskeln werden stärker. Jemand, der für denselben Aufstieg ein Exoskelett verwendet, wird nicht oder nur in geringer Weise von so einem Anpassungseffekt profitieren.
Hier müssen wir also unterscheiden: Wenn das Ziel das reine Erreichen des Gipfels ist, dann ergibt die Nutzung von Gadgets, wie etwa einem unterstützenden Exoskelett, Sinn. Wenn ihr langfristig mehr Gipfel erklimmen wollt, die höher und höher in den Himmel ragen, dann meidet die Anstrengung nicht – sie ist wichtig.
Fragen und Antworten zum Thema: Ich habe 3 Exoskelette getestet – stellt mir alle eure Fragen
Exoskelette sind vielseitig, müssen aber mit Bedacht eingesetzt werden
Es wird vermutlich noch eine ganze Weile dauern, bis Exoskelette für Konsumenten so normal sind, wie E-Scooter und E-Bikes es heute bereits sind. Vielleicht werden sie auch nie ein solches Niveau erreichen.
Ich bin mir jedoch sicher, dass es genügend Menschen gibt, die von so einem Gerät profitieren können. Seien es Menschen, die durch die Unterstützung ihre Lebensqualität steigern können oder andere, die mit dem Fitnessmodus kleine Herausforderungen in den Alltag integrieren möchten.
Ich fürchte mich aber gleichzeitig vor einer Zukunft, in der in jeder Form von körperlicher Anstrengung reduziert wird. Schon heute sehe ich mehr Menschen auf E-Bikes als auf klassischen Fahrrädern. Wenn in Zukunft auch noch jeder Spaziergang mit einem Exoskelett vereinfacht wird, sehe ich schwarz. Wall-E lässt grüßen.
Mein Test mit dem Hypershell X Ultra S hat mir gezeigt: Ein Exoskelett muss keineswegs nur ein bequemer Turbo für die Beine sein; am meisten überzeugt es dann, wenn es uns gezielt hilft, wo es nötig ist, und herausfordert, statt uns die Arbeit abzunehmen.

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