»Boah, ich kann keine Horrorspiele spielen, da hab' ich viel zu viel Angst vor!«
Ein Satz, den ich häufig zu hören bekomme, wenn ich von meinem Lieblings-Genre erzähle. Aber ich spiele Horrorspiele ja nicht, obwohl, sondern weil ich so viel Schiss habe. Das gibt mir so einen kleinen Kick. Andere fahren Mountainbike auf einer Slackline auf dem Kilimandscharo, während ihre Haare in Flammen stehen – einhändig, versteht sich. Ich werfe ein gruseliges Spiel an.
Mittlerweile bin ich als Horror-Fan bei vielen Dingen ganz schön abgehärtet – und trotzdem immer noch der größte Angsthase, den ich kenne. Manchmal jagen mir Spiele schon allein in meiner Vorstellung so viel Angst ein, dass sie fast 5 Jahre lang in meinem Steam-Warenkorb versauern.
At Dead of Night ist solch ein Spiel. Nach all der langen Zeit traue ich mich endlich, den Einkauf durchzuführen, das Spiel zu installieren und mich meiner Angst zu stellen ... und muss schon nach knapp einer halben Stunde eine Pause einlegen. Jack Nicholson in The Shining war gestern – jetzt bringt Jimmy meine Pumpe auf 180.
Willkommen im Sea View Hotel
Eigentlich will Maya nur zu ihren Freunden aufschließen, die in einem abgelegenen Hotel auf sie warten, und sich nach einem langen Tag ins Bett werfen. Doch die Rechnung hat sie ohne Jimmy Hall gemacht. Nachdem sie die Einladung zur Comedy-Show des exzentrischen Hotelbesitzers ausschlägt und sich lieber in ihr Zimmer zurückzieht, brennen bei Jimmy die Sicherungen durch: Mitten in der Nacht greift er Mayas Freunde an und fängt auch an, Jagd auf sie zu machen.
Also macht unsere Heldin natürlich das einzig Logische: Sie verlässt das Hotel, ruft Hilfe, Jimmy wird festgenommen, die Credits rollen, gutes Spiel. Ha, ja klar. At Dead of Night folgt natürlich klassischer Horror-Logik: Statt zu fliehen, stürzen wir uns mitten in die Action! Maya findet in der Lobby einen Generalschlüssel und eine Spirit Box, also ein Gerät, mit dessen Hilfe sie mit Geistern sprechen kann. Denn im Sea View Hotel haben sich ein paar von Jimmys Opfern eingenistet, die nur darauf warten, ihre Geschichte zu erzählen.
Es ist nun also meine Aufgabe, das Hotel nach Hinweisen abzusuchen, mit den Geistern zu kommunizieren und ihre Schicksale zusammenzustückeln. All das, während der psychopatische Jimmy durch die Gänge streift, sich hinter Ecken versteckt und in Schränken nach mir sucht. Tief durchatmen, Natalie.
Jimmy und DIS (Dissoziative Identitätsstörung)
Die Entwickler haben im Hauptmenü von At Dead of Night einen Disclaimer eingebaut, den ich an dieser Stelle einfach mal zitieren möchte, um keine Falschinformationen über die psychische Erkrankung zu verbreiten:
Guck-guck!
Verfolgt und beobachtet zu werden ist eine meiner größten Ängste – auch in Videospielen. Und At Dead of Night drückt all die richtigen Knöpfe: Ich kann mich nicht gegen Jimmy wehren, ein falscher Schritt und er erwischt mich. Das Hotel ist ein Heimspiel für ihn. Ich muss mich erst in all den verwinkelten Gängen und Zimmern zurechtfinden.
Ist er auf demselben Stock wie ich, fängt er an, nach mir zu rufen – er will, dass ich weiß, dass er näher kommt. Manchmal erwische ich ihn, wie er um Ecken lugt und voller Vorfreude auf mich wartet. Oder ich sehe nur einen Schatten, der vorbeihuscht. Verbarrikadiere ich mich in einem Zimmer, kann ich ihn durch das Guckloch beobachten und hoffen, dass er nicht hereinkommt.
Mein Magen verknotet sich, meine Nackenhaare stehen zu Berge, ich kaue nervös auf meinen Lippen herum und selbst mein rettender Schneidersitz (Monster lauern ja bekanntlich unter dem Schreibtisch) fühlt sich nicht mehr so sicher an – das Horrorspiel hat mich voll in seinem Griff.
At Dead of Night gelingt es, eine zum Schneiden dichte Atmosphäre zu erschaffen, die mir kaum Gelegenheit bietet, durchzuatmen. Jimmy könnte zu jeder Zeit überall auftauchen. Außer im Erdgeschoss, im Keller und im Treppenhaus! Natürlich nutze ich jede Gelegenheit, diese »Safe-Zones« aufzusuchen und unterdrücke jedes Mal ein Tränchen, wenn mich das Spiel wieder nach oben schickt.
Mit einem Mausklick zum Alptraum
Zum Stressfaktor trägt auch die außergewöhnliche Steuerung bei. Das Horrorspiel erinnert mich an alte DVD-Spiele, kennt ihr die noch? Wo man mit der Fernbedienung steuern musste, in welche Richtung man geht und wie in einem Point-and-Click unterschiedliche Gegenstände in der jeweiligen Szene anklicken konnte. So funktioniert auch At Dead of Night.
Nur ist es kein entspanntes »Hm, ich lass mir jetzt mal ein bisschen Zeit und überlege, wo es als nächstes hingehen könnte«-Point-and-Click. Es ist viel mehr ein »OH MEIN GOTT, BITTE LAUF SCHNELLER, ER IST DIREKT HINTER DIR«-Point-Panic-and-Click. Wie oft habe ich mich in meiner überstürzten Fluchtaktion schon verklickt, mich in eine Sackgasse manövriert und natürlich die eine verschlossene Tür im ganzen Hotel gefunden.
Sollte mich Jimmy erwischen, ist das Spiel übrigens aber nicht vorbei. Er stiehlt mir nur Ausrüstung, die ich dann erstmal zurückholen muss. Alles kein Weltuntergang also und ein faires Spielsystem, weil es manchmal wirklich schwer ist, ihm zu entwischen. Hilft das, meine Angst zu zähmen? Ha, nein.
Obwohl ich immer wieder regelmäßig eine Pause einlegen muss, damit sich mein Puls stabilisiert, und mich jedes Mal neu aufraffe, um bei Steam auf »Spielen« zu drücken, liebe ich dieses außergewöhnliche Horror-Erlebnis und kann es euch nur ans Herz legen, wenn euch auch nach bisschen Verfolger-Grusel ist.
Euch erwarten für knapp 16 Euro etwa 8 bis 10 Stunden Spielzeit, je nachdem, wie gut oder schlecht ihr euch anstellt. Wenn ihr, wie ich, »Ewig-im-Schrank-hocken-und-nicht-atmen« zu eurem neuen Hobby macht, dann könnt ihr noch ein paar Stündchen draufpacken.
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