Wir schreiben das 17. Jahrhundert. Der französische Schriftsteller, Edelmann und leidenschaftliche Spieler Antoine Gombaud, genannt Chevalier de Méré, stand vor einem Rätsel: Seine bis dahin erfolgreiche Würfelstrategie versagte plötzlich.
Ratlos wandte er sich an seinen Freund Blaise Pascal, den universal begabten Denker und späteren Namensgeber des Pascal’schen Dreiecks
. Pascal wiederum konsultierte seinen Kollegen Pierre de Fermat. In einem Briefwechsel skizzierte er de Mérés Problem.
Was als beiläufige Korrespondenz begann, sollte in die Geschichte eingehen als die Geburtsstunde der Wahrscheinlichkeitstheorie.
Und hier lohnt sich ein kurzer Stopp: Denn auch wenn Mathematik normalerweise nicht im Fokus unserer Themen steht, ist sie als Strukturwissenschaft
die Sprache, in der sich die Natur und ihre Gesetzmäßigkeiten beschreiben lassen.
So versuchten die beiden Mathematiker, das flatterhafte Wesen des Zufalls in Formeln zu bannen. Und es gelang ihnen. Was in den Spielhäusern der frühen Neuzeit begann, entwickelte sich bald zu einem der mächtigsten Werkzeuge der Menschheit.
Ohne Wahrscheinlichkeitsrechnung gäbe es keine moderne Medizin, keine Wettervorhersagen, keine Finanzmärkte. Sie bildet das Fundament vieler Naturwissenschaften und entscheidet darüber, wie wir mit Risiko, Zufall und Zukunft umgehen.
Bill Morgan: Der Mann, der zweimal hintereinander gewann
Fast vier Jahrhunderte nach Pascal und Fermat zeigt sich die Macht dieser Theorie in einer unglaublichen Geschichte. Ende der 1990er-Jahre entging der Australier Bill Morgan innerhalb von nur zwölf Monaten mehrfach knapp dem Tod und gewann gleich zweimal im Lotto – direkt hintereinander.
Im Mai 1999 kaufte er ein Rubbellos. Wie so oft – nur diesmal gewann er einen Toyota Corolla im Wert von 30.000 Australischen Dollar. Bald darauf sollte er seine Geschichte für das Fernsehen nachstellen.
Vor laufender Kamera rubbelte er erneut ein Los frei. Und diesmal las er ungläubig die Worte: 250.000 Dollar. Das folgende Videomaterial hat diesen einzigartigen Moment festgehalten und zeigt, wie ihm beinahe die Knie wegsacken:
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Wie hoch war die Wahrscheinlichkeit für dieses doppelte Glück?
Exakte Quoten sind schwer zu ermitteln, da der Fall lange zurückliegt und Lotterien stark variieren. Die Spannweite reicht von etwa 1 : 600.000 bis 1 : 2 Millionen für hohe Gewinne, während Spitzengewinne meist zwischen 1 : 2 Millionen und 1 : 10 Millionen liegen.
Beim klassischen 6aus49
-Lotto liegt die Chance auf einen Sechser
ohne Zusatzzahl bei aufgerundet 1 : 16 Millionen. Der Gewinn beträgt dabei oft um die eine Million Euro.
Wir orientieren uns daher an vergleichbaren Daten, etwa den Rubbellosen der Sachsenlotterie, bei denen ein Gewinn von 5.000 Euro mit einer Chance von 1 : 500.000 veranschlagt wird:
- Für den ersten Gewinn setzen wir eine Quote von 1 : 1.000.000 an.
- Für den zweiten Gewinn eine von 1 : 10.000.000.
Rechnet man nur mit diesen beiden Losen, ergibt das:
1/1.000.000 × 1/10.000.000 = 1/10.000.000.000.000
Also: 1 : 10 Billionen.
Doch Morgan hatte zuvor schon viele Lose gekauft. Nimmt man an, dass er seit seinem 18. Lebensjahr jede Woche spielte, wären das rund tausend Versuche. Damit stieg seine Chance, innerhalb dieser Versuche einmal zu gewinnen, auf etwa 1 : 1.000. Wobei für jedes einzelne Los weiterhin eine Wahrscheinlichkeit von 1 : 1 Million galt.
Multipliziert mit der Quote des zweiten Loses ergibt sich eine Gesamtwahrscheinlichkeit von 1 : 10 Milliarden.
Es könnten auch 1 : 4 oder 1 : 6 Milliarden sein. Die exakten Werte schwanken je nach Annahme. Für die folgenden Vergleiche spielt das jedoch kaum eine Rolle. Zur Veranschaulichung wählen wir daher den glatteren und realistischen Wert von 1 : 10 Milliarden.
Ohne Kameras kein Doppelglück?
Im Grunde ist Bill Morgans Doppelglück sogar noch unwahrscheinlicher, als es die nackten Zahlen nahelegen. Man darf nämlich nicht vergessen: Der Kauf des zweiten Loses geschah wohl nur, weil das Fernsehteam ihn bat, seinen ersten Gewinn vor laufender Kamera nachzustellen.
Ohne diesen Dreh hätte Morgan das Los wahrscheinlich zu einem anderen Zeitpunkt – vielleicht früher, vielleicht später, vielleicht gar nicht – gekauft.
Da sich solche Umstände nicht in Zahlen fassen lassen, halten wir uns für die kommenden Vergleiche an die konservative Gesamtwahrscheinlichkeit von 1 : 10 Milliarden.
Zur Einordnung: Um beim Münzwurf eine ähnlich geringe Chance zu erreichen, müsste man 33- bis 34-mal hintereinander Kopf oder ebenso oft Zahl werfen – eine Abfolge, die praktisch niemand in seinem Leben je zu Gesicht bekommt. Die Science-Fiction-Serie Foundation und Protagonistin Salvor Hardin lassen an dieser Stelle grüßen.
2:33
Foundation: Mit dem »tatsächlich hilfreichen Recap« seid ihr bereit für den Start von Staffel 3
Ein vergleichbarer Fall: Kevin Miller
Der Fall Bill Morgan ist so außergewöhnlich, weil sein zweiter Treffer unmittelbar nach dem ersten kam – statistisch betrachtet die unwahrscheinlichste Konstellation.
Zum Vergleich: 2022 machte der Amerikaner Kevin Miller Schlagzeilen, als er zum zweiten Mal in seinem Leben im Lotto gewann. Auch das ist äußerst selten, doch Miller hatte zwischen seinen beiden Erfolgen sechs Jahre Zeit. In dieser Spanne kaufte er zahlreiche weitere Lose. Auch wenn für jedes einzelne Los die gleiche Wahrscheinlichkeit galt, stieg mit der Zahl der Versuche die Trefferquote.
Während Morgans Geschichte mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 1 : 10 Milliarden in die Bücher eingeht, liegt Millers Doppelglück deutlich höher, eher im Bereich von eins zu einigen Hunderttausend bis wenigen Millionen, abhängig davon, wie viele Lose er in der Zeit zwischen den Gewinnen gespielt hat.
Beide sind Glückspilze, doch Morgan bleibt der statistische Außreißer, der gewissermaßen den Blitz zweimal auf derselben Stelle einschlagen ließ.
Seltener als Gottkönige und Jahrhundertgenies
Schätzungen zufolge haben bislang rund 117 Milliarden Menschen gelebt. Selbst wenn jeder von ihnen Lose gekauft hätte, wären in der gesamten Geschichte der Menschheit nur ein gutes Dutzend solcher Bill Morgans
zu erwarten.
Verglichen damit erscheinen selbst die großen historischen Ausnahmegestalten fast häufig
: die Pharaonen und Inka-Herrscher, die als Gottkönige verehrt wurden, oder die Genies wie Aristoteles, Leonardo da Vinci, Mozart und Einstein, die Epochen prägten oder immer noch prägen, und derer man sich wohl solange erinnert, wie es Menschen gibt.
Als einer von ihnen geboren zu werden, ist statistisch wahrscheinlicher, als zweimal direkt hintereinander im Lotto zu gewinnen. Bill Morgan spielt also in einer eigenen Liga. Nicht als Gottkönig, nicht als Jahrhundertgenie, sondern als Monument der Wahrscheinlichkeit.
Kosmische Maßstäbe
Und das Staunen wächst, wenn wir den Blick weiten: Konservative Schätzungen auf Basis der Drake-Gleichung gehen von derzeit 30 bis 40 technischen Zivilisationen in unserer Milchstraße aus. Haben sie ähnlich viele Individuen hervorgebracht wie wir, wären zusammen rund 400 Doppelgewinne wie der von Morgan zu erwarten.
Skalieren wir weiter: Im beobachtbaren Universum gibt es vermutlich 200 Milliarden Galaxien – die Schätzungen gehen hier weit auseinander. Hochgerechnet ergibt das nicht nur ein paar Hundert oder Tausend, sondern 80 Billionen Bill Morgans – Wesen, die statistisch genauso unglaubliches Glück
hatten.
Das zeigt: Selbst das Unwahrscheinlichste wird im unermesslichen Maßstab zur Gewissheit. Wie im berühmten Infinite-Monkey-Theorem: Unendlich viele Affen an Schreibmaschinen, die zufällig auf die Tasten klopfen, würden irgendwann Shakespeares Werke tippen. In einem unendlichen Universum gäbe es außerdem von jedem von uns unzählige Kopien.
Anthropisches Prinzip: Warum gerade wir?
Doch all diese Rechnungen führen zu einer tieferen Frage: Warum erleben wir genau diese Geschichte – und nicht eine der unzähligen, die niemals eintreten?
Warum gewann ausgerechnet Bill Morgan zweimal hintereinander und nicht jemand anderes? Warum existieren wir überhaupt – hier, jetzt, in genau diesem Moment?
Wie viele kosmische Zufälle mussten sich übereinanderlegen wie Karten in einem Spiel, damit unsere Realität Form annimmt? Und wie wahrscheinlich ist es, dass gerade der Autor dieser Zeilen genau jetzt, aus allen denkbaren Augenblicken, diesen Text niederschreibt?
An diesem Punkt reichen sich Statistik und das Anthropische Prinzip die Hand. Wir können nur über die Welt nachdenken, weil wir und sie bereits existieren.
Doch lässt sich die Wahrscheinlichkeit für ein solches Dasein überhaupt beziffern? Es gibt keine geeigneten Wahrscheinlichkeitsräume, keine Urnen, aus denen sich Lose ziehen ließen. Sollen wir die Chancen an der Zahl aller Menschen messen, die je gelebt haben? An der Vielfalt aller Lebewesen? Oder gar an den unendlichen Möglichkeiten genetischer Kombinationen?
Folgt man diesem Gedanken weiter, verliert er sich schnell im Unendlichen. Am Ende landet man bei einer paradoxen Einsicht: Die Existenz eines jeden Einzelnen ist so unwahrscheinlich, dass sie sich fast wie ein Wunder ausnimmt – und doch sind wir hier.
Die Schönheit des Unwahrscheinlichen
Als Pascal und Fermat ihre Briefe schrieben, hätten sie wohl kaum gedacht, dass ihre Formeln Jahrhunderte später zur Deutung eines australischen Lottospielers dienen würden.
Doch gerade das zeigt, wie universell ihr Werkzeug geworden ist: Es reicht von den Fundamenten der Naturwissenschaft bis zu den unwahrscheinlichsten Anekdoten menschlicher Biografien.
Bill Morgans Geschichte erinnert uns daran, dass Wahrscheinlichkeit nicht nur abstrakte Mathematik ist, sondern eine Brücke zwischen Ordnung und Chaos. Sie wirft die Frage auf, ob wir unser Leben als bloßes Produkt des Zufalls sehen, oder ob wir in jedem unwahrscheinlichen Dasein einen Sinn entdecken wollen.
Am Ende bleibt der Trost, den schon Pascal kannte: Der Zufall mag blind sein, doch in seiner Unberechenbarkeit liegt die eigentümliche Schönheit des Lebens.

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