Blinkende Lichter, das Surren von Lüftern, Kabelstränge wie die Adern eines gewaltigen Organismus – so inszenieren Filme wie Oppenheimer oder Hidden Figures die Geburtsstunde des Computerzeitalters.
Für heutige Augen wirkt das wie Retro-Science-Fiction: schrankgroße Kästen, in denen Elektronenröhren glimmen, während junge Frauen Schaltplatten und Kabel neu stecken, um der Maschine Befehle einzuprogrammieren.
Doch das war keine Kulisse, sondern Wirklichkeit. 1946 präsentierten John Presper Eckert und John William Mauchly von der University of Pennsylvania ein technisches Wunder, das größer war als jede Rechenmaschine zuvor: den Electronic Numerical Integrator and Computer (ENIAC).
Er füllte eine Halle, verschlang so viel Strom wie ein kleines Dorf – und gilt als der erste rein elektronische, turingmächtige Universalrechner mit Röhrentechnik der Welt.
War er wirklich der Erste?
Bei dieser Einordnung zählt tatsächlich jedes einzelne Wort.
Denn streng genommen war der ENIAC nicht der erste Computer – sondern nur
einer der ersten. Der deutsche Ingenieur Konrad Zuse hatte schon 1941 den Z3 gebaut, den ersten funktionalen Digitalrechner, allerdings noch auf Basis elektromagnetischer Relais.
Auch der Atanasoff-Berry-Computer war ein Vorläufer, worüber sogar ein Gerichtsstreit entbrannte : rein elektronisch, aber nicht frei programmierbar. Und dann war da noch der Mark I, ebenfalls relaisgesteuert, aber turingmächtig und frei programmierbar.
Was heißt turingmächtig
?
Hier taucht der Begriff also wieder auf: turingmächtig. Vereinfacht gesagt bedeutet das, dass ein System prinzipiell jede berechenbare Aufgabe lösen kann, sofern genug Zeit und Speicher vorhanden sind. Der Name geht auf den britischen Mathematiker und Kryptoanalytiker Alan Turing zurück, der mit seiner abstrakten Turingmaschine das Fundament für die moderne Informatik legte.
So lautet die präzise, aber sperrige Einordnung: ENIAC war der erste rein elektronische, turingmächtige Universalrechner mit Röhrentechnik. Wobei man sich vortrefflich darüber streiten kann, ob turingmächtig
und Universalrechner
nicht ohnehin dasselbe sagen.
Die Maschine im Detail
Doch genug der Definitionen – werfen wir einen Blick auf die Maschine selbst:
- Gewicht und Größe: Rund 27 Tonnen schwer, verteilt auf 170 Quadratmeter.
- Bauteile: 17.468 Elektronenröhren, 7.200 Dioden und unzählige Widerstände, Schalter und Relais.
- Energiebedarf: etwa 150 Kilowatt – so viel wie ein kleines Dorf.
- Rechengeschwindigkeit: bis zu 5.000 einfache Operationen pro Sekunde (5.000 Hz). Eine Addition oder Subtraktion dauerte 0,2 Millisekunden, eine Multiplikation 2,8 ms, eine Division 24 ms, eine Quadratwurzel über 300 ms.
- Preis: 487.000 US-Dollar, was heute einer Kaufkraft von rund neun Millionen Euro entspricht.
Wichtig ist: der ENIAC arbeitete noch nicht binär mit Nullen und Einsen, sondern auf Basis des Dezimalsystems.
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Seine Leistung wurde auf 0,00289 MIPS (Millionen Instruktionen pro Sekunde) geschätzt. Das ist winzig im Vergleich zu heutigen Prozessoren. Umgerechnet entspricht das etwa 350 bis 500 FLOPS. Ein aktuelles iPhone mit A19-Chip schafft, je nach Kern und Recheneinheit, Milliarden Male mehr, und wiegt statt 27 Tonnen gerade einmal rund 200 Gramm – je nach Modell, versteht sich.
Und selbst ein schnöder Taschenrechner ist um mehrere Größenordnungen leistungsfähiger als der ENIAC.
Gebaut für den Krieg
Und wozu all das? Der ENIAC wurde ursprünglich im Auftrag des US-Militärs gebaut, um ballistische Tabellen zu berechnen, also die Flugbahnen von Artilleriegeschossen. Fertiggestellt wurde er jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Seine Rechenpower floss deshalb in wissenschaftliche Projekte und in die Entwicklung der Wasserstoffbombe.
Programmiert wurde der Koloss von den ENIAC-Frauen
: Jean Bartik, Kathleen Kay
McNulty, Adele Goldstine, Betty Holberton, Marilyn Wescoff, Frances Bilas und Ruth Teitelbaum. Sie zogen Kabel, steckten Schaltplatten um, schrieben Bedienungsanleitungen, und legten dabei die Grundlagen der modernen Programmierung.
Ein Monitor? Fehlanzeige. Ausgaben erschienen über Glimmlampen oder Lochkarten. Erst in den 1950ern kamen Bildschirme ins Spiel – und selbst dann zunächst nur in Forschungsinstituten und beim Militär.
Das Erbe des ENIAC
Der ENIAC war trotz seiner aus heutiger Sicht geringen Leistung mehr als nur ein gigantischer Taschenrechner.
Aus seinen Prinzipien entstand bald die Von-Neumann-Architektur
, bei der Programme im Speicher abgelegt und flexibel geändert werden können. Ein Konzept, das bis heute das Fundament nahezu aller Computer bildet.
Auch in der Softwareentwicklung wirkte der ENIAC nach: Aus den damaligen Programmierpraktiken entwickelten sich höhere Programmiersprachen wie FORTRAN und COBOL, die erstmals eine Abstraktion von Kabeln und Schaltern erlaubten.
Damit wurde Programmieren nicht nur einfacher, sondern überhaupt erst massentauglich, und bereitete den Weg für die Softwareindustrie, wie wir sie heute kennen.
Gleichzeitig inspirierte der Koloss Forscher weltweit: Neue Rechnergenerationen, effizientere Hardware, bessere Softwarekonzepte – vieles davon ging direkt oder indirekt auf den ENIAC zurück.
Vor allem aber zeigte er das gewaltige Potenzial elektronischer Datenverarbeitung und sorgte dafür, dass nach dem Zweiten Weltkrieg enorme Summen in die aufkommende Computerindustrie flossen.
Vom Monument zum Staubkorn
Heute passt die Rechenleistung des ENIAC in ein Staubkorn aus Silizium, das in Milliarden Smartphones steckt. Was 1946 noch ganze Räume füllte und das Brummen eines Kraftwerks erzeugte, tragen wir nun unbemerkt in der Hosentasche. Doch der ENIAC war kein Werkzeug für den Alltag, sondern ein Monument, gebaut, um die Grenzen des Möglichen auszuloten.

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