Beitrag zur Energiewende statt Altlast: Löcher unter Bohrinseln sind katastrophal fürs Klima – in der Nordsee soll sich das ändern

Sind Öl- und Gasbohrinseln dazu verdammt, auf ewig als Mahnmale eines irgendwann beendeten Zeitalters zu dienen? Einige Forscher verneinen.

Die Nordsee der Zukunft? Eine einstige Ölbohrinsel, die im Verbund mit sie umgebenden Windrädern Strom erzeugt? Ein aktuell im Test befindliches Konzept könnte das ermöglichen
(Bildquelle: Generative KI, Adobe Firefly) Die Nordsee der Zukunft? Eine einstige Ölbohrinsel, die im Verbund mit sie umgebenden Windrädern Strom erzeugt? Ein aktuell im Test befindliches Konzept könnte das ermöglichen (Bildquelle: Generative KI, Adobe Firefly)

Weltweit sind derzeit noch mehr als 1.500 Öl- oder Gasbohrinseln im Betrieb. Zählen wir diejenigen mit, die während der rund 80-jährigen Geschichte der Offshore-Branche stillgelegt worden sind, kommen wir in die Tausende.

Wissenschaftler und Ingenieure arbeiten derzeit an einem Konzept, wie aus den vom Meer umtosten Stahlgiganten eines fossilen Zeitalters grüne Riesen der Energiewende werden können – und es wird höchste Zeit. Denn tagtäglich entkommt unter ihnen ein gefährliches Klimagas.

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Ölbohrinseln: Zugang zum Erdinnern und seiner Energie

Seit einigen Jahren arbeiten zwei Unternehmen (EnQuest, CeraPhi Energy) und das Net Zero Technology Centre (NZTC) daran, Ölbohrinseln ein zweites Leben einzuhauchen – als Klimaretter und Energielieferanten.

Die Idee ist simpel, denn sie greift ein zentrales Konzept einer jeden Bohrinsel auf: das Bohrloch in der ozeanischen Erdkruste. Einst floss hieraus das flüssige oder gasförmige Gold, was bis heute größtenteils die Wirtschaft am Laufen hält – wenn auch in stetig vermindertem Maß.

Durch Ausnutzung zweier potenzieller Energiequellen sollen Ölbohrinseln als nachhaltig operierende, grüne Kraftwerke dienen.

  • Die teils mehr als drei Kilometer hinab reichenden Bohrlöcher ermöglichen das Anzapfen geothermaler Energie. Damit ist die Hitze gemeint, die umso intensiver herrscht, je tiefer wir in die Erdkruste eindringen. Im Testfall erreichte das System rund 440 Kilowatt.
  • Zudem kann unten gespeichertes Wasser angezapft werden, das im Untergrund auf rund 100 Grad erhitzt worden ist. Einst pressten die Förderkonzerne es hinab, um Öl oder Gas hinaufzuholen. Mit einer speziellen Technik können hieraus laut den Ingenieuren rund fünf Megawatt gewonnen werden.

Die Verfahren erprobt der Verbund aus Wirtschaft und Forschung derzeit auf der Magnus-Bohrinsel in der Nordsee. Sie liegt rund etwa 160 Kilometer nordöstlich der Shetlandinseln. Von letzteren will übrigens die Rocket Factory Augsburg noch dieses Jahr in den Orbit starten – mit einer eigens konstruierten Rakete.

Quasi nebenbei funktionieren auf diese Art umgenutzte Bohrinseln auch als Stöpsel für Methan. Das im Vergleich zu Kohlenstoffdioxid um ein Vielfaches klimawirksamere Gas entweicht laut Studien aus Zehntausenden Ölbohrlöchern.

Zahlen deuten darauf hin, dass Methan beim bisherigen Temperaturanstieg von um die zwei Grad Celsius für 0,5 bis 1,1 Grad Celsius verantwortlich sein könnte (via essd.copernicus).

Die Überzahl an Bohrlöchern gegenüber den Plattformen (Zehntausende versus Tausende) erklärt sich aus der Verlegbarkeit von vielen Ölbohrinseln, da sie als schwimmende und nur temporär verankerte Anlagen konzipiert sind. Sie bohren also in den Untergrund, fördern das Gas oder Öl und ziehen weiter. Das Loch bleibt zurück und muss verschlossen werden (Plug and abandonment (P&A), zu Deutsch: Verschließen und Verlassen). Aber das passiert oft erst deutlich später – oder überhaupt nicht (via science.org).

Noch ein weiter Weg

Aktuell stehen wir hier noch ganz am Anfang und vor großen Herausforderungen. Denn...

  • die Umrüstung der Bohrinseln ist teuer und aufwendig
  • die erreichten Mengen an Elektrizität sind relativ gering. Ein modernes Windrad produziert pro Zeiteinheit ein Vielfaches an Strom.

Die Versuche in der Nordsee legen derzeit nur das Fundament, um überhaupt das Potenzial solcher Anlagen abzuschätzen.

Sollten sie sich aber als langfristig effizient erweisen, könnte es irgendwann in der Zukunft attraktiv werden, alte Förderanlagen für fossile Brennstoffe in Verbund-Netzwerke mit Wind- und Solaranlagen einzubinden.

So könnten sie in Kombination mit dem Faktor des Methanverschlusses eine echte Option für die Bohrinseln im 21. und 22. Jahrhundert darstellen.

Wer weiß schon, wie das globale Netz der Energieversorgung in 100 Jahren aussehen wird. Alle Optionen für klimaneutrale Stromerzeugung sind erst einmal willkommen. Letzten Endes puzzeln wir als Menschheit an unserer gemeinsamen Zukunft der Stromerzeugung.

Welche Ideen hättet ihr, was mit den alten Stahlgiganten im Ozean anzustellen sei? Freizeitparks? Plattformen für Windturbinen? Oder würdet ihr gerne auf einer leben und euren eigenen Staat gründen – kein Scherz, es gibt dafür Präzedenzfälle? Schreibt uns eure Vorschläge oder Visionen gerne in die Kommentare!

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