Start-up will mit Hightech einen totgeglaubten Traum wiedererwecken: zivile Überschall-Luftfahrt ohne Luxuspreise – erstes Flugzeug durchbricht Schallmauer

Die Boom XB-1 ist nicht irgendein Flugzeug. Es soll dem Quasi-Nachfolger der Concorde die Startbahn ebnen – und MSFS-2024-Simmer können schon jetzt abheben.

So soll die Zukunft dereinst aussehen, die Overture. Doch zuvor steht die Boom XB-1 im Rampenlicht. Sie schrieb im Jahr 2025 Geschichte. (Bildquelle: Boom Supersonic) So soll die Zukunft dereinst aussehen, die Overture. Doch zuvor steht die Boom XB-1 im Rampenlicht. Sie schrieb im Jahr 2025 Geschichte. (Bildquelle: Boom Supersonic)

Flammend ging sie in die Geschichte. Für die einen ein an Größenwahn gescheitertes Experiment, für andere pure Verkörperung von Glanz und Glorie der goldenen Ära der Luftfahrt: die Aérospatiale-BAC Concorde. Rund 30 Jahre später steigt eine Nachfolgerin des zivilen Überschalljets empor – zumindest in Babyform.

Ein US-amerikanisches Unternehmen hat 2025 einen entscheidenden Schritt getan, um ein Flugzeug zu bauen, das die Idee der Concorde geschliffen, verfeinert und grün ins 21. Jahrhundert hebt: die Boom XB-1 hat mehrfach die Schallmauer durchbrochen.

Aérospatiale-BAC Concorde
Bitte klicken zum Aufklappen

Ein Gemeinschaftsprojekt von Großbritannien (BAC) und Frankreich (Aérospatiale), begonnen in den 1950ern (via heritageconcorde).

Die Concorde im Microsoft Flight Simulator. Die Concorde im Microsoft Flight Simulator.

  • Länge: 62,1 Meter
  • Spannweite: 25,6 Meter
  • Höhe vom Grund (inklusive ausgefahrenem Fahrwerk): 12,2 m
  • Passagierkapazität: Typisch 100 Sitze, bei maximaler Bestuhlung 128 Passagiere
  • Geschwindigkeit: Cruise-Geschwindigkeit Mach 2,04 (etwa 2.179 km/h)
  • Reichweite: etwa 7.250 km (ideal für Transatlantik, Europa nach USA)
  • Antrieb: Vier Rolls-Royce/Snecma Olympus 593 Mk 610 Turbojets mit Nachbrenner
  • Max. Startgewicht: 185.070 kg
  • Erstflug: 2. März 1969, erster Überschallflug: 1. Oktober 1969.
  • Dienstbeginn: 21. Januar 1976 (gleichzeitig Air France Paris–Rio und British Airways London–Bahrain).
  • Betreiber: Air France und British Airways (je 7 Maschinen im Dienst)
  • Ausmusterung: Nach Absturz von Air-France-Flug 4590 (25. Juli 2000, 113 Tote) temporär gegrounded. Die endgültige Stilllegung erfolgte 2003 aufgrund hoher Kosten, Lärm- und Umweltbedenken.

Wer nochmal einen Flug mit der Concorde als Video nacherleben möchte, findet hier sein virtuellen Ticket auf YouTube:

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle findest du einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt.
Du kannst ihn dir mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.

Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden.

Personenbezogene Daten können an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Link zum YouTube-Inhalt

Wir stellen euch dieses vielleicht wegweisende Projekt der zivilen Luftfahrt anlässlich eines besonderen Anlasses vor: Das Flugzeug ist kostenlos für alle Nutzer des Microsoft Flightsimulators 2024 erschienen. Wie ein Start sowie Überschallflug ausschaut, sowie sich anhört, zeigen wir euch in folgendem Video:

Video starten 5:21 Ein Experimental-Überschalljet schreibt im Microsoft Flightsimulator 2024 Geschichte


Eleganter Rekordbrecher

Am 28. Januar 2025 war es soweit. Der Demonstrator Boom XB-1 des US-Start-ups Boom Supersonic hebt von einer Startbahn des Mojave Air and Space Ports, Kalifornien (USA), ab. An diesem Tag soll er Geschichte schreiben: Der zivile Überschalljet durchbricht kurz darauf alleinig mittels eigener Triebwerksleistung die Schallmauer. Vor etwas weniger als einem halben Jahrhundert stand die Concorde (wenn auch fast viermal so groß) an eben dieser technologischen Schwelle.

Das US-Unternehmen will das implizite Vorbild übertreffen. Zum Beispiel durch Vermeidung eines hörbaren Überschallknalls am Boden sowie eines Netto-null-CO₂-Betriebs durch 100-prozentige Nutzung von Sustainable Aviation Fuel (SAF). Damit ist Treibstoff gemeint, dessen Verbrennung keinerlei zusätzliches Kohlenstoffdioxid in die Atmossphäre entlässt. Es wurde im Vorfeld zum Beispiel durch Entnahme aus der Luft oder durch andere biochemische Prozesse gewonnen. Beim Testprogramm sei dies bereits gelungen (via boomsupersonic).

Eine hochskalierte Version, die etwas kleiner als der legendäre Überschalljet daherkommt, soll bereits im kommenden Jahrzehnt Flüge wie New York nach San Francisco oder berühmte Transatlantikrouten wie London nach New York in unter drei Stunden anbieten - eine Errungenschaft, die die kommerzielle Luftfahrt mit der Einmottung der Concorde verloren hat.

Ein Video des ersten Überschallfluges der XB-1 findet ihr hier auf YouTube:

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle findest du einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt.
Du kannst ihn dir mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.

Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden.

Personenbezogene Daten können an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Link zum YouTube-Inhalt

Kernfakten zu XB-1

  • Art: Ein-sitziger Trijet (drei Triebwerke) mit Deltaflügel
  • Aufbau: Rumpf aus hitzebeständigem Carbonfaser-Verbundwerkstoff
  • Triebwerke: Drei General Electric J85-15-Triebwerke mit Nachbrenner (je 19 kN Schub mit Nachbrenner), ergänzt durch variable Geometrie-Einlässe für effizienten Überschallbetrieb.
  • Flugprofil: Horizontaler Startlauf, überschallschneller Reiseflug.
  • Abmessungen: Länge: ca. 19 m, Spannweite: 6,4 m, max. Startgewicht: 6.123 kg.
  • Maximalgeschwindigkeit im Test: Mach 1,122 (ca. 1.210 km/h) bei 10.760 m Höhe. Entwickelt für Mach 2,2, aber nur auf Mach 1,1 getestet. Mehr zum Auslassen dieses an sich noch denkbaren Entwicklungsspielraumes im Text.

Nase hoch!

Ein Feature macht derweil eine komplexe, wenn auch schicke Mechanik der Concorde überflüssig: die absenkbare Nase. Bei Start und Landung kippten die Piloten den vordersten Teil des Rumpfes vorm Cockpit herunter. Denn sie wollten sehen, wohin sie rollten oder mit mit mehreren Hundert Stundenkilometern (draufzu) rasten.

In der aerodynamisch optimalen Flugkonfiguration verfügt der alte Edel-Jet nämlich über eine lange, spitz zulaufende Nase, die allerdings jeden Blick nach schräg unten auf Meter hinweg nimmt. Diese Eigenschaft übernimmt Boom Supersonic zwangsläufig, um die Leistungsparameter zu erreichen.

Die Boom XB-1 mag noch weit hinter dem Zurückbleiben, was sich Fans der Concorde von einst für die Zukunft erhoffen. Doch der kleine Flieger bringt alles mit, um eine neue Ära der Luftfahrt anzuschieben. (Bildquelle: Boom Supersonic) Die Boom XB-1 mag noch weit hinter dem Zurückbleiben, was sich Fans der Concorde von einst für die Zukunft erhoffen. Doch der kleine Flieger bringt alles mit, um eine neue Ära der Luftfahrt anzuschieben. (Bildquelle: Boom Supersonic)

Die Concorde bekam deshalb damals ihr charakteristisches Raubvogelaussehen spendiert. Über die herabgesenkte Spitze eröffnete sich zwar kein ausladender, aber doch ein akzeptabler Blick während der kritischen Anflugphase hinab auf die Landebahn.

Bei der XB-1 sowie auch bei den konzipierten Passagierversionen in groß, kam beziehungsweise soll ein sogenanntes Augmented-Reality (AR) Visionssystem zum Einsatz kommen. Dabei handelt es sich quasi um ein virtuelles Fenster mit Ausblick durch den Rumpf nach schräg unten/vorne. Optisch wird hierfür ein entsprechend ausgerichtetes Kamerabild im Hauptanzeigefeld vor den Piloten eingeblendet. Die Idee ist nicht komplett neu, aber lag damals noch weit außerhalb der technischen Möglichkeiten.

Heutzutage gehören Hilfsmittel dieser Art in den vollständig digitalisierten Cockpits, die fast ausschließlich auf Multifunktionsdisplays setzen, zum Standard in allen Verkehrsflugzeugen.

Allerdings braucht es bei herkömmlichen Unterschallflugzeugen solche speziellen Kameraperspektiven während der Landung nicht. Sie verfügen mitunter allerdings über ähnlich anmutende Systeme, um die Sicht bei schlechten Witterungsverhältnissen zu verbessern.

Knall-los am Boden

Kein Überschallflug ohne hörbaren Knall, oder? Jaein, es hängt vom Standort ab. Eine der unvermeidbaren Facetten von jeder Bewegung schneller als der Schall ist der sogenannte Überschallknall. Er entsteht wenn ein Flugzeug oder allgemein ein Objekt die Schallmauer durchbricht, bei etwa 1.200 Stundenkilometern.

Eine Boeing FA-18 beim Druchbruch der Schallmauer.
(Bildquelle: U.S. Navy photo by Mass Communication Specialist 3rd Class Kevin Tang) Eine Boeing F/A-18 beim Druchbruch der Schallmauer. (Bildquelle: U.S. Navy photo by Mass Communication Specialist 3rd Class Kevin Tang)

Letztere baut in unserem Beispiel das Flugzeug selber auf, indem es den Schall in Form von Druckwellen vor sich herschiebt. Er kann dem Flugzeug nämlich nicht wie sonst entkommen, so staut sich zunehmend Druck am Flugzeug an. Sobald es den Schall überholt, durchbricht es zwangsläufig diese sogar durch verdichtete Luft sichtbar errichtete Mauer (via bundeswehr).

Hierdurch rollt eine Welle aus Schall trichterförmig hinter dem Flugzeug los - und zwar kontinuierlich sowie unstoppbar solange das Flugzeug schneller als der Schall fliegt. Er schiebt sich unsicht- sowie unüberhörbar über den Boden hinweg. Hier unten nehmen Menschen dieses Phänomen als Knall oder kanonenartiges Grollen wahr. Der Pilot hört ihn nicht, sein Lärm bleibt hinter ihm zurück.

Er beeinträchtigt meistens nicht die ohnehin von Fluglärm betroffenen Anwohner von Flughäfen, sondern weit umfangreichere Gruppen fernab jeder Landebahn.

Angesichts dessen verschlossen sich für die Concorde rasch quasi alle Überlandstrecken, weshalb fast nur noch der Flug über den Atlantik blieb. Hier störte der Lärm der durchbrochenen Schallmauer quasi niemanden.

Die XB-1 will hieraus lernen. Sie demonstrierte die Fähigkeit zum sogenannten Mach-Cutoff. Hierbei macht sich das Flugzeug die Beschaffenheit unserer Atmosphäre zunutze - genauer ihre vertikale Schichtung von unterschiedlich warmen Luftmassen. XB-1 sowie das darauf aufbauende Konzept, siehe unten, durchbrechen die Schallmauer in deutlich größerer Höhe als die Concorde. Ihr fehlte hierfür die notwendige Triebwerksleistung beziehungsweise es mangelte an Effizienz bei geringerer Luftdichte.

Der Mach-Cutoff drückt sich in der Folge durch eine Brechung/Reflektion des Knalls einige Tausend Meter über der Erdoberfläche aus. Ursächlich hierfür sind Temperatur- und Dichteunterschiede sowie Windmuster. Stellt es euch vereinfacht vor, wie sich Licht verhält, wenn es auf ein mit Wasser gefülltes durchsichtiges Glas trifft.

Die hierfür notwendige Höhe sowie die maximale Geschwindigkeit variieren je nach atmosphärischem Zustand. Bodenmikrofone im Areal der Überschalltestflüge bestätigten die Effektivität der Technik.

Alle Flugzeuge, die auf dem Konzept der kleinen Schwester basieren, vermögen so dieses Kernproblem der Concorde aus dem Weg zu räumen.

Dies würde komplett neuen Routen und damit einer erheblich gestärkten Wirtschaftlichkeit förmlich den Weg ebnen. Allerdings begrenzt das die maximale Überschall-Reisegeschwindigkeit bei wohl etwa 1,3 Mach - zumindest über bewohntem Land (Boomless Cruise). Jenseits davon über den Ozeanen spielt solch ein Gedanke aber keine Rolle. Hier soll entsprechend mehr Schub gegeben werden.


Warmlaufen für die Overture

Als theoretisches Maximum der Kombination von Rumpf/Tragflächen und Triebwerken während der Konzeption der XB-1 galt Mach 2,2. Das technische Zenit blieb allerdings ungetestet, da alle relevanten Testverfahren abgeschlossen worden sind. Anstatt diese Version weiter zu verfeinern und den kleinen Postschall-Flitzer ans Limit zu treiben, arbeitet Boom Supersonic weiter auf das finale Modell hin: die Overture.

Das Ziel von Boom Supersonic laut seines Gründers, Blake Scholl, lautet:

Supersonic für alle – bezahlbar wie Business Class heute

Wenn Boom Supersonic den eigenen Vorhaben und Plänen gerecht wird, soll sich die Overture noch vor den 2030ern erstmals in die Luft erheben.
(Bildquelle: Boom Supersonic) Wenn Boom Supersonic den eigenen Vorhaben und Plänen gerecht wird, soll sich die Overture noch vor den 2030ern erstmals in die Luft erheben. (Bildquelle: Boom Supersonic)

Damit umreißt er den Zielmarkt relativ deutlich. Auch wenn die Overture kein Vehikel für die Massen per Flugzeugreisenden sein soll, streben seine Schöpfer ein deutlich größeres Stück vom Kuchen an, als bei der Concorde. Sie war eindeutig auf die absoluten Spitzenzahler ausgelegt, für die Eiligen unter den Wohlhabenden.

Boom Overture (Daten noch nicht final, da noch in der Entwicklung) (via boomsupersonic).
Länge: rund 62 Meter
Spannweite: etwa 32 Meter
Höhe vom Grund (inklusive ausgefahrenem Fahrwerk): ungefähr 11 Meter
Passagierkapazität: 64–80 Sitze
Geschwindigkeit: Reise-Geschwindigkeit Mach 1,7 (ca. 1.800 km/h) über Wasser; mit Boomless Cruise über Land bis Mach 1,3 ohne hörbaren Schallknall
Reichweite: etwa 7.870 km (grob Frankfurt nach Miami (Florida, USA)
Antrieb: Vier Symphony-Triebwerke (eigenes Boom-Design, Turbofan ohne Nachbrenner, kompatibel zu SAF (nachhaltigem grünen Luftfahrttreibstoff).
Geplanter Erstflug: Spätestens 2028
Angedachter Dienstbeginn: 2030
Bestellungen beziehungsweise Optionen: Etwa 130


Noch keine Startfreigabe, aber da rollt was heran...

Noch ist es zu früh, den Anbeginn eines neuen Zeitalters der überschnallschnellen Luftfahrt auszurufen. Sicher weit weg von Bereit zum Abheben, aber wir rollen langsam zur Startbahn und sicher hat der XB-1 das Vertrauen von Investoren in Konzept und Vision des Unternehmens gefestigt.

Einige Airlines, darunter United und American Airlines, haben ihr Interesse bereits vermünzt oder zumindest auf Papier halbwegs verbindlich niedergeschrieben. Es liegen 130 Bestellungen beziehungsweise Optionen für Exemplare vor.

Einschätzung der Redaktion (Gerald Weßel): Natürlich stehen zwischen den heutigen optimistischen Aussichten und dem ersten Flug mit Passagieren noch unzählige technische, finanzielle, regulatorische und andersartige Hürden. Aber die durch die ersten Testflüge unter Beweis gestellte Fähigkeit, den Knall zu verschleiern, dürfte sich als Gamechanger erweisen. Stellte er doch von den ersten Skizzen bis zum letzten Flug der Concorde einen der ärgsten Kritikpunkte für all ihre Gegner dar.

Ich will mich jedoch nicht in Lobhudlerei verlieren. Denn obschon ich persönlich das Konzept als spannend und unzweifelhaft faszinierend empfinde, bleibt es weiterhin fraglich, ob wir in Zeiten von Klimakrise und überbordendem Reichtum einer winzigen Minderheit noch mehr Premiumvarianten zur Erdumrundung brauchen.

Auch wenn Inhaber der etwas schmaleren unter den immer noch dicken Geldbeuteln ein neues Spielzeug erhalten, bleibt es dabei: Einen Überschallturbo an ein Schmalspur-Luxuspaket zu schnallen, lässt mich den Sinn aus Sicht der Mehrheit vermissen.

zu den Kommentaren (9)

Kommentare(9)
Kommentar-Regeln von GameStar
Bitte lies unsere Kommentar-Regeln, bevor Du einen Kommentar verfasst.

Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.