Wer im Sommer 2026 nach deutschen Erfolgen im Fußball sucht, sollte gen Osten blicken. Während die Herren-Nationalmannschaft in den USA früh ausschied, dominierten gleich zwei deutsche Teams im südkoreanischen Incheon – allerdings dribbelten, kickten und passten hier keine Menschen, sondern Roboter.
Im Finale hieß es: B-Human versus HTWK Robots – oder Bremen gegen Leipzig. Erstere gingen mit 6 zu 0 als Sieger hervor – die Serie setzte sich fort. Es war der 7. Titel in Folge.
Das gemeinsame Team der Universität Bremen und des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) ist das weltweit erfolgreichste im Roboter-Fußball. Auch 2026 gewannen sie all ihre Spiele deutlich und obendrein erhielten sie eine Auszeichnung für ihre Software (via robocup).
Wir haben mit einem der zwei quasi-Bundestrainer des deutschen Roboterfußballs gesprochen – er ist seit fast drei Jahrzehnten mit dabei.
Weltspitze aus Bremen
»Wir sind reaktionsschnell am Ball, außerdem schnelle Läufer und im Zweikampf sehr genau«, begründet Dr. Tim Laue als einer von zwei wissenschaftlichen Betreuern von B-Human den Erfolg. »Außerdem ist unser Passspiel ausgefeilter als das der Konkurrenz.«
Seit 22 Jahren begleitet der Informatiker das studentische Projekt zum Thema Roboterfußball an der Universität Bremen – Laues Beschäftigung mit dem Thema reicht sogar insgesamt 26 Jahre zurück.
B-Human steht als eines von sogenannten Wahlpflichtveranstaltungen Studierenden offen, das offizielle Ziel: zwei Semester lang Robotern das Fußballspielen beibringen und – inoffiziell einmal wieder Weltmeister werden.
2026 setzten sich die Bremer gegen 14 andere Teams in der Middle Division durch. Die einzelnen Klassen trennen voneinander Gewicht und Größe der Roboter. Der Booster K1 von Booster Robotics wiegt etwa 20 Kilogramm und ist 0,95 Meter groß (via b-human).
Er besitzt lediglich Stümpfe als Hände, verfügt jedoch ansonsten über alles, was den durchschnittlichen Fußballer ausmacht: zwei Beine mit je einem Fuß, einen Rumpf und zuoberst den Kopf. Humanoide Roboter spielen also normalen Fußball, nur die Teams sind kleiner: fünf gegen fünf.
Hierbei treffen die Robo-Fußballer jede Entscheidung selbst, niemand steuert sie fern.
Das Team in Incheon bestand aus zehn Studierenden der Universität Bremen und einem Doktoranden. Wissenschaftlich betreut wurde es dort von Dr. Thomas Röfer (DFKI-Forschungsbereich Cyber-Physical Systems) und Dr. Tim Laue (Arbeitsgruppe Multisensorische Interaktive Systeme, Universität Bremen).
Aber die Stars der Reise sind die sieben Roboter im Bremer-Team: Erni, Bert, Grobi, Krümelmonster, Graf Zahl, Oscar und Bibo.
Zweikämpfe stellen wie auch im menschlichen Fußball entscheidende Momente dar, die den Verlauf einer Partie nachhaltig beeinflussen. (Bildquellen: Ayleen Lührsen · CC BY-SA 4.0)
Programmieren, Lernen und Training
»Wir kommen aus der Informatik«, stellt Tim Laue klar. B-Human konzentriert sich deshalb rein auf die Entwicklung der Software, die die Roboter Fußballspielen lässt.
Es entfaltete sich ein astreiner Wettstreit der Informatiker aus aller Herren Länder, denn niemand in ihrer Gruppe konstruierte den Roboter selbst. Über den Sieger entschied ausschließlich der beste Programmcode. Die KI aus China ist zudem noch recht neu: Seit etwa einem Jahr bietet ihn der Hersteller aus China an.
Der RoboCup erlaubt auch selbstgebaute Humanoide, doch diese Optionen nutzte 2026 in der mittleren Klasse niemand. Bei den größeren oder kleineren Varianten kickten auch selbst von Bastlern aus aller Welt gebaute Exemplare.
In der Small-Division kam übrigens auch ein deutsches Team ins Finale, unterlag dort aber: Die Hamburg Bit-Bots verloren gegen Invic von der Wuhan University in China.
Jede Software unterteilt sich in drei Bereiche, die separat voneinander entstehen, aber im Hirn des Roboters dann nahtlos ineinandergreifen:
- Händische Programmierung der Software durch Menschen
- Antrainiern einer möglichst universellen Objekt- und Umgebungserkennung, damit die Roboter möglichst exakt, fehlerfrei und schnell Situationen einzuschätzen lernen. Das umfasst alles, was zum Spiel gehört, zum Beispiel: den Ball, die Torpfosten oder andere Roboter.
- Hierzu unterstützen die Studierenden die Roboter dabei, ein neuronales Netz auszubilden. Sie zeigen ihren mechanischen Schützlingen Bilder von Bällen – oder halt anderen Objekten. Mit jedem Versuch verfeinert die Software das Modell davon, wie ein Ball oder etwa Gegenspieler aus unterschiedlichen Winkeln sowie in verschiedenen Umgebungen ausschaut.
- Das sogenannte »Deep Reinforcement Learning« läuft rein als Simulation im Computer ab. Hierbei probiert die Software selbst am exakt nachgebildeten Robo-Modell aus, wie bestimmte Bewegungsabläufe am besten funktionieren – egal, ob nun laufen, aufs Tor schießen, passen oder aufstehen nach dem Hinfallen.
- Die KI lernt von allein – klingt einfach, sei es aber nicht: »Die Kunst hierbei besteht darin, die Ziele so zu formulieren, dass das gewünschte Ergebnis dabei herauskommt.« Es helfe etwa, der selbstlernenden KI möglichst kleinteilig, klar definierte, aber zugleich praxisnahe Ziele zu setzen, umreißt der quasi-Trainer das Konzept.
Sobald alles zusammen in einer ersten Version vorliegt, beginnen in einer Turnhalle klassische Trainingsspiele.
Die Menschen beobachten und nehmen sich Lehren daraus mit. Zudem können sie im Nachgang eines Matches bei jedem Roboter exakt auslesen, was er wann gesehen und wie er sich deshalb entschieden hat. Die Software durchläuft auf diese Weise monatelange Optimierungen, bis auch der letzte Feinschliff sitzt.
Was bringt Roboter zum Kicken und was kostet einer?
Weder Roboter noch die PCs, mit denen sie trainiert werden, kommen ohne entsprechende Hardware aus.
Zum Ausbilden des neuronalen Netzes zur Erkennung des Balles kommen PCs, Macs und Laptops aller Art zum Einsatz. Die Software nutzt in erster Linie die CPU und klassische 3D-Beschleunigung durch GPUs.
Bei den Simulationen, die die Roboter zum Training ihrer motorischen Fähigkeiten nutzen, werkelt Nvidia-Hardware im Rechner-Duo, genauer: einmal eine Nvidia Titan sowie eine RTX 5090.
Zu guter Letzt dient ein Nvidia-Board als Gehirn der Booster K1 von Booster Robotics aus China.
Wer nun mit dem Gedanken liebäugelt, selbst als Trainer eines Robo-Fußballteams anzufangen, braucht ein dickes Portemonnaie für die Verwirklichung des Traums: 12.000 bis 15.000 Dollar kostet ein einzelnes Modell ohne Rabatte oder separate Verträge mit dem Hersteller, der auch Sponsor der des RoboCups auftritt.
Mehr Wumms, Kopfballe und größere Matches
Inzwischen hat Booster Robotics auch bereits ein Nachfolgermodell des K1 herausgebracht. Der bringt das doppelte Gewicht auf die Waage, sowie ist gegenüber dem neuen Weltmeister um 40 Zentimeter gewachsen.
Beides deutet an, was die ersten Schüsse aus Werbematerial untermauern: mehr Kraft. So schießt der Neue Bälle mit locker 100 Stundenkilometern übers Feld – ein gehöriger Kraftzuwuchs und bedeutend näher am Durchschnitt menschlich getretener Elfmeter (etwa 120 km/h). Mit höchstens 36 Kilometer pro Stunde kickt der K1.
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Ein erneuter Wechsel auf die neueste Generation komme für die Bremer aktuell aber noch nicht infrage, so Laue. Allein aus Kostengründen überstiege das den gebotenen Rahmen und nach nur etwa einem Jahr seien die Informatiker aus dem Norden Deutschlands auch noch längst nicht am Ende ihrer Ideen – und Herausforderungen.
Denn trotz allen bisherigen Trainings fehlt dem Robo-Fußball derzeit noch eine Kernbewegung des menschlichen Sports: der Kopfball. Tim Laue zufolge könnten aber schon bald die ersten Duelle mit Köpfchen ausgetragen werden.
»Es spricht dank der Roboter-Modelle des Typs K1 nichts mehr dagegen.« Erste provisorische Tests für hohe Schüsse haben die Bremer Roboter bereits in Simulation und Praxis bestanden. »Die Motorik der Roboter könnte problemlos Flanken in zwei Metern Höhe schaffen.«
Alles, was jetzt noch fehle, sei die Kopfball-Software sowie das Training der Roboter in der Simulation für die Kombination aller Spielzüge. Bis reihenweise Kopfballtore auf dem echten Platz fallen, warten jedoch noch einige Trainings- und Programmiereinheiten auf die Menschen und ihre mechanischen Schützlinge.
Anders, aber doch verwandt. Robo-Fußball mutet bisweilen behäbig an, aber bietet doch auch immer wieder einiges an Action. (Bildquellen: Ayleen Lührsen · CC BY-SA 4.0)
Doch vielleicht bahnt sich auf dem Grün zuvor bereits eine andere Revolution an: Die kleinen Matches von fünf gegen fünf als Pfeiler des Sports könnten bald weichen.
Zumindest gingen die beiden Finalisten nach ihrem Finalspiel bereits einen ersten sachten Probeschritt: B-Human und die HTWK Robots trugen das erste elf gegen elf Fußballspiel zwischen humanoiden Robotern in der Geschichte des RoboCup aus.
Hierzu traten sie auf einem größeren Feld gegeneinander an und beide bekamen sogar Verstärkung. Die 7er-Kader ergänzte der Hersteller Booster Robotics durch hierfür mitgebrachte Leihmodelle. Die Premiere bestätigte den neuen alten Weltmeister: B-Human triumphierte mit 4 zu 0.
Robo-Sommermärchen 2027?
B-Human bekommt nächstes Jahr derweil die Chance, seinen Titel in Deutschland zu verteidigen. Erstmals seit über zehn Jahren findet der RoboCup nämlich einmal wieder bei uns statt, genauer vom 15. bis 21. Juni in Nürnberg.
Die Bremer rund um Dr. Tim Laue bekommen also die Chance, als amtierender Weltmeister vor heimischem Publikum, erneut zu brillieren. Und steht ein potenzielles Robo-Sommermärchen ins Haus.

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