Ein legendärer Rocksong von 1983 hat eine Zukunft vorausgesehen, auf die wir gerade zusteuern – Darum geht es in »Mr. Roboto«

Frisst die moderne Technologie unsere Seele auf? In Styx’ Ohrwurm und dem dazugehörigen Album ist das so.

Die Roboto-Wächter aus »Mr. Roboto« sind optisch an japanische Kriegsmasken angelehnt. (Bildquelle: A+M Records) Die Roboto-Wächter aus »Mr. Roboto« sind optisch an japanische Kriegsmasken angelehnt. (Bildquelle: A&M Records)

Habt ihr gedacht, dass es in »Mr. Roboto« um einen japanischen Roboter geht? Dann liegt ihr falsch. Hinter dem Song steckt nämlich viel mehr – in Form einer Botschaft und eines gesamten Konzeptalbums.

Dennis DeYoung, Urheber und Frontmann der Band Styx, hatte mit dem Album »Kilroy Was Here« eine Vision, die als technokratisches Märchen begann, und rückblickend eine Zukunftsaussicht hätte sein können.

Das ist der Fahrplan dieses Artikels:

  • Zunächst gehe ich darauf ein, wovon »Mr. Roboto« überhaupt handelt.
  • Danach folgt die Frage, wer eigentlich Kilroy ist, der am Ende des Liedes eine zentrale Rolle einnimmt – und ja, es ist auch eine Hommage an eines der ersten Memes der Geschichte.
  • »Mr. Roboto« funktioniert vor allem im Zusammenhang mit dem Konzeptalbum von Styx, auf das ich einen Blick werfen werde.
  • Abschließend gebe ich euch noch meine Interpretation des Liedes.

Damit wir alle auf dem gleichen Stand sind: Nachstehend das Musikvideo zu Styx’ »Mr. Roboto«.

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Wovon handelt der »Mr. Roboto«?

Im Kontext des Konzeptalbums handelt es sich bei »Mr. Roboto« nur um einen eigentlich recht unwichtigen Teil der Gesamtgeschichte (auf die ich später noch eingehen werde). Im Vakuum betrachtet ist die Story des Liedes recht simpel:

  • Ein Mensch gibt sich als Roboter aus und hadert mit seiner eigenen Existenz.

»My heart is human, my blood is boiling, my brain IBM« ist eine dieser bekannten Textzeilen, die erst Sinn ergeben, wenn man weiß, dass da ein Mensch im Computer steckt – und ich spreche hier nicht von Androiden.

Der Protagonist versteckt sich nämlich in der Hülle eines Roboterwächters, durch den er aus dem Gefängnis entkommt, dargestellt durch die Zeile »I'm just a man who needed someone and somewhere to hide to keep me alive«.

»I'm just a man whose circumstances went beyond his control« und »Beyond my control, we all need control« spiegeln die Veränderung des Protagonisten wider. Das gesamte Album handelt von Massenkontrolle durch Roboter und hier kämpft der Erzähler wortwörtlich gegen die Kontrolle, die ihre Klauen nach ihm ausstreckt, weil er im Körper eines Roboters steckt.

»Secret, secret, I've got a secret« singen die Backgroundsänger im Refrain und der Protagonist gibt die Antwort auf dem Fuße: »My true identity«.

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Nach der Bridge, in der das berühmte »Domo arigato, Mr. Roboto« ertönt, folgt dann der Grund, wieso der Protagonist dem besungenen Herrn Roboter dankt, stellvertretend für alle Roboter.

»Thank you very much, Mr. Roboto, for doing the jobs that nobody wants to«. Roboter haben Jobs übernommen, für die Menschen nicht gebraucht werden. Im Rahmen des Konzeptalbums dienen Roboto-Einheiten außerdem dazu, die Gesellschaft zu überwachen und die Leitlinie der diktatorischen Regierung durchzusetzen.

Mit »And thank you very much, Mr. Roboto, for helping me escape« dankt der Protagonist dem Roboto-Wächter, dass er ihm bei der Flucht aus dem Gefängnis geholfen hat, indem er sich in dessen Hülle verstecken durfte.

  • Das ist übrigens auch der Inhalt der japanischen Zeilen am Anfang des Liedes. Neben »Domo arigato« (»vielen Dank«) singt der Protagonist »Mata au hi made« (»bis wir uns wiedersehen«) und »Himitsu o shiritai« (»ich will das Geheimnis erfahren«).

»Too much technology, Machines to save our lives, Machines dehumanize« ist schließlich das finale Urteil. Hier offenbart sich der Protagonist als technologiefeindlich, obwohl er durch sie gerettet wurde. Das darf man als allgemeine Warnung verstehen, klar, aber im Kontext von »Kilroy Was Here« bekommen diese Zeilen noch einmal mehr Gewicht. Dazu später mehr.

In der allerletzten Songzeile kommt dann der Twist: »I’m Kilroy«. Der Protagonist verrät seine Identität, also das, was er den ganzen Song über versucht hat, zu verheimlichen. Durch das Hadern mit der eigenen Identität ist das der ultimative Befreiungsschlag – der zwei Lesarten hat.

Wer ist Kilroy?

Den Namen Kilroy zu verwenden, ist nichts weniger als ein Geniestreich von Autor Dennis DeYoung. Zum einen ist der Name des Protagonisten des Songs und des Albums, klar.

Zum anderen ist es eine Anspielung auf eines der ersten Memes überhaupt.

»Kilroy was here« gilt als eines der ersten Memes der Geschichte. (Bildquelle: PerryRhodanWikicommons) »Kilroy was here« gilt als eines der ersten Memes der Geschichte. (Bildquelle: PerryRhodan/Wikicommons)

»Kilroy war hier« kennen heute sicherlich nur noch die wenigsten. Ich selbst, Jahrgang 1989, habe das Symbol als Kind nur noch am Rande mitbekommen, doch das Gesicht mit der langen Nase, das hinter einer Mauer hervorlunzt, ist auch mir wohlbekannt.

Das Meme wurde in den 1940er und 1950ern vor allem von US-Soldaten verwendet – und das Graffito tauchte weltweit auf, laut eines Artikels des Spiegel.

  • Deutschland
  • Belgisch-Kongo
  • Auf dem Bikini-Atoll

Zweifelsohne lässt sich sagen, dass das Meme als Kommunikationsmittel der US-Soldaten verwendet wurde und damit als das erste seiner Art gilt.

Der Ursprung lässt sich bis heute nicht zweifelsfrei belegen und so auch nicht die Identität des mysteriösen Kilroy. Vermutungen legen nahe, dass es eine Abwandlung des britischen Mr. Chad ist.

So oder so, gerade weil Kilroy für jeden und niemanden stehen kann, funktioniert er als Offenbarung in »Mr. Roboto« auch ohne Kontext, vorausgesetzt, man kennt das Meme.

»Kilroy Was Here« ist eine Rock-Oper – und eine Warnung

So gut »Mr. Roboto« für sich genommen (und als Ohrwurm) funktioniert, so richtig erschließt sich das Lied erst, wenn man es im Kontext seines Konzeptalbums »Kilroy Was Here« sieht.

Ein Konzeptalbum verfolgt eine Geschichte, die sich über mehrere Songs auf der Platte erstreckt. Jedes Lied erzählt einen neuen Teil der Geschichte und treibt diese voran. Weitere bekannte Konzeptalben sind Pink Floyds »The Wall« und David Bowies »The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars«.

Fast schon gruselig muten die Roboter, angelehnt an japanische Kriegsmasken, auf dem Albumcover an. (Bildquelle: A+M Records) Fast schon gruselig muten die Roboter, angelehnt an japanische Kriegsmasken, auf dem Albumcover an. (Bildquelle: A&M Records)

Darum geht es im Album »Kilroy Was Here«: Die Welt wird von einer Organisation namens MMM (Majority for Musical Morality) kontrolliert. Ihr Anführer, Dr. Everett Righteous, behauptet, Rockmusik mache Menschen gewalttätig und unmoralisch. Deshalb werden Rockmusiker verhaftet, Konzerte verboten und Instrumente öffentlich verbrannt. Roboto-Einheiten überwachen die Bevölkerung und stellen sicher, dass die Menschen gehorsam sind.

Protagonist der Geschichte ist ein Musiker namens Robert Orin Charles Kilroy – oder R.O.C.K. Zusammengefasst passiert im Verlauf der Geschichte Folgendes:

  • Dr. Righteous überzeugt die Bevölkerung davon, dass Rockmusik gefährlich sei. Kilroy, der letzte große Rockstar, wird verhaftet und offiziell für tot erklärt.
  • Jahre später sucht der junge Rebell Jonathan Chance nach der Wahrheit. Er glaubt nicht an die Propaganda, dass Rockmusik gefährlich sei. Als Chance heimlich in das mittlerweile geschlossene Gefängnis einbricht, findet er Kilroy. Um unbemerkt zu entkommen, verkleidet sich Kilroy als einer der mechanischen Wärter.
  • Gemeinsam decken die beiden schließlich die Heuchelei von Dr. Righteous auf, der hinter verschlossenen Türen heimlich selbst Rockmusik konsumiert. Kilroy, Jonathan und eine Gruppe von Untergrund-Rockern starten eine Live-Übertragung, um die Gesellschaft aufzurütteln. Sie zeigen den Menschen, dass Rockmusik keine Bedrohung ist, sondern Freiheit, Liebe und Individualität fördert. Am Ende triumphiert die Musik über die Diktatur.

Video starten 51:40 Wenn der Chatbot zur Gefahr wird: KI und unsere Psyche

Inhaltlich klingt das Konzeptalbum wie klassischer Sci-Fi aus den 1980ern. Zurückzuführen ist das vor allem auf die Vorgeschichte von Styx und die Erfahrungen des Songwriters Dennis DeYoung.

Entstanden ist die Idee im Zuge der »Satanic Panic« in den USA. Was das ist, erkläre ich im nachfolgenden Kasten.

Was war die Satanic Panic?

Dabei handelt es sich um eine moralische Massenpanik, die vor allem in den USA der 1980er- und frühen 1990er-Jahre ihren Höhepunkt erreichte. Etliche Menschen glaubten, dass satanische Kulte im Geheimen Kinder missbrauchen, Menschen opfern und durch Musik, Rollenspiele oder andere Medien Jugendliche zum Satanismus verführen würden. Im Zuge dessen geriet vor allem die Popkultur ins Kreuzfeuer der Empörung.

  • Heavy Metal wie Black Sabbath, Judas Priest, Iron Maiden oder AC/DC. Bei letzterer Band behaupten Kritiker, ihr Name stünde für »Anti-Christ/Devil's Child«.
  • Rollenspiele wie Dungeons & Dragons und Magic: The Gathering, prinzipiell alles, wo mit »dunkler Magie« hantiert wird.
  • Zeichentrick wie He-Man oder die Schlümpfe. Gargamel sei Satanist und Papa Schlumpf sähe einem Magier ähnlich, hieß es.

Für fast alle dieser Behauptungen wurden später keine belastbaren Beweise gefunden. 

Im Zuge dieser Bewegung geriet auch Styx ins Visier, weil sie angeblich satanische Botschaften durch sogenanntes »Backmasking«, also das Rückwärtsabspielen eines Liedes, verbreiteten, so American Songwriter. Ein Beispiel ist der Titel »Snowblind«.

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Das, und eine Dokumentation über das Fortschreiten der Robotik, inspirierten DeYoung schließlich zum Album »Kilroy Was Here«. Der dominante Synthesizer in »Mr. Roboto« ist übrigens ein Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung des technologischen Fortschritts.

Bleibt noch die Frage: Warum wird in »Mr. Roboto« eigentlich Japanisch gesungen? Das verrät Dennis DeYoung in einem Interview für das Buch mit dem Titel »Playing Back the ‘80s: A Decade of Unstoppable Hits« (via Amazon).

  • Japan galt damals als das Land der Zukunft, jenes, das technologisch am fortschrittlichsten war. In einer technokratischen Zukunft würde Japan aus damaliger Sicht wohl eine tragende Rolle spielen.
  • Rockmusik kam in Japan schon immer gut an. Große Bands wie Deep Purple spielten regelmäßig im Land der aufgehenden Sonne in ausverkauften Hallen. So sagt DeYoung im Interview: »Mir wurde klar, dass man zumindest nicht verhaftet wird, wenn man ›konichiwa‹ und ›domo arigato‹ richtig sagt.«
  • Bevor DeYoung überhaupt Rockmusiker werden wollte, wollte er wie Jerry Lewis sein. Der Jazzmusiker hat sein Genre praktisch im Alleingang in Japan beliebt gemacht, wodurch der japanische Fusion-Jazz geboren wurde – und der führte wiederum zu einem der bekanntesten Videospiele-Soundtracks aller Zeiten.

Obwohl »Mr. Roboto« auch in den USA lediglich auf Platz 3 der Charts landete, wurde der Song zu einem internationalen Hit, den auch heute noch viele mitsingen können. Das Album »Kilroy Was Here« erhielt in den USA und Kanada Platin-Status.

Maxe Schwind
Maxe Schwind

Gesellschaftskritische Werke haben mich schon immer angesprochen. Klar, anfangs habe ich auch nur das »I got a secret« mitgeträllert (was ich als Kind immer als »I got a cigarette« verstanden habe, weswegen ich mir immer einen Roboter mit Fluppe vorgestellt habe).

Doch das Konzeptalbum ist Kernstück der Sci-Fi vergangener Tage; eine Zukunftsvision, die so zwar nicht eingetreten ist, aber in anderer Form schon.

Dabei spricht der Song – und das Album – genau meine moralischen Vorstellungen an. Ich bin ein freiheitsliebender Mensch, der für Selbstverwirklichung einsteht, und genau das sprechen »Mr. Roboto«/»Kilroy Was Here« an.

Kunst und Musik dürfen nicht zensiert werden. Sie sind der Ausdruck des menschlichen Bedürfnisses, sich selbst zu verwirklichen. Die technokratische Welt, die Styx zeichnet, verstehe ich heute als Parallele zu den »Tech-Bros« unserer Zeit, die mithilfe ihrer modernen Technologie Kontrolle über uns gewinnen wollen.
Ihre Mittel sind allerdings keine Roboter, sondern Social Media und KI. Beides ist schließlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

  • Social Media hält uns vor allem mit viel Empörung gefangen. Hier geht es nicht um die Individuen, sondern um die Steuerung von Meinungen vieler. Was in »Mr. Roboto« in Form von Robotern durchgesetzt wird, sind auf Facebook und Co. Bots – oder eben Menschen, die mutwillig die Emotionen anderer kontrollieren.
  • KI ist das, was im »Kilroy Was Here« die Rockmusik ersetzt hat. Anstatt individuelle Musik durch Menschenhand entstehen zu lassen, sorgt Künstliche Intelligenz dafür, dass auch die Kunst auf Linie bleibt – wie die Roboto-Wächter das in der Geschichte tun.
Und hier kommt das Happy End des Liedes (und des Albums) für mich zum Tragen.

Am Ende gewinnt der Mensch. Kilroy reißt sich die Maske ab und ruft »I’m Kilroy«, der Mensch hat über die Maschine gesiegt und wird auch gegen den Bösewicht Dr. Righteous gewinnen. Individualität obsiegt, denn der Einzelne ist mehr als nur die Rolle, die er in der Gesellschaft zu spielen hat.

Wenn sich viele dieser Individualisten zusammentun und ein riesiges Konzert starten, dann haben die Roboter – und diejenigen, die sie als Instrument nutzen, um die Gesellschaft zu kontrollieren – keine Chance.

Dank Neles Interpretation von »Computer God« habe ich mich zu dieser Kolumne berufen gefühlt. Wenn euch dieser Artikel gefallen hat, dann lest unbedingt ihre Auslegung des Black Sabbath-Songs.

Wenn euch dieser Beitrag gefallen hat und ihr euch mehr aus der Reihe »Songs über Tech« wünscht, lasst gerne einen Like da, teilt und kommentiert. Liebend gerne nehmen wir Vorschläge entgegen, wenn ihr ein Lieblingslied habt, das wir uns anhören sollen.


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