Mit dem Release von ChatGPT Translate bringt OpenAI einen Konkurrenten für den Übersetzerriesen Google Translate und DeepL, das Übersetzungs-Tool der gleichnamigen deutschen Firma.
Ich habe die drei Übersetzer gegeneinander antreten lassen, um eines herauszufinden: Wer hat die Nase vorn?
Meine bisherigen Favoriten
Bisher nutze ich für kürzere Übersetzungen, beispielsweise aus dem Spanischen, die Browser-Erweiterung von DeepL. Für längere oder bildlichere Übersetzungen wähle ich meist ChatGPT. Das liegt zum einen an DeepLs Zeichenlimit von 1500 Zeichen, als auch an meinem letzten Test, bei dem ChatGPT besser abgeschnitten hat als DeepL.
Wie steht es mit Google Translate? Seit Jahren ist Googles Übersetzer für mich ein Synonym für schlechte Übersetzungen. Über die Jahre wurde ich immer wieder bestätigt, doch ich lasse mich gerne überraschen.
Mit dem neuen Konkurrenten gebe ich gerne DeepL und auch Google Translate noch einmal eine faire Chance. Immerhin steht keines der Unternehmen still.
ChatGPT vs Google vs DeepL
Um zu testen, gebe ich jedem der drei Tools jeweils drei gleiche Sätze oder Absätze. Einen davon lasse ich vom Englischen ins Deutsche übersetzen. Die anderen vom Deutschen ins Englische:
- Umgangssprachlich: »Ich hab ihm gestern noch geschrieben, aber er hat’s entweder übersehen oder einfach keinen Bock zu antworten. Langsam geht mir die Geduld flöten.«
- Fachjargon: »The use of NVMe SSDs and active ECC RAM minimizes data access latency and enhances system stability in multi-core environments.«
- Bildliche Sprache: »Wie ein klarer, kalter Lichtstrahl durchfuhr ihn der Gedanke, dass der Schatten am Ende nur eine kleine, vorübergehende Sache war: Licht und hohe Schönheit existierten für immer jenseits seiner Reichweite«
Satz 1: Umgangssprache
Fangen wir mit dem Alltäglichen an. Hier nochmal der Ausgangssatz: »Ich hab ihm gestern noch geschrieben, aber er hat’s entweder übersehen oder einfach keinen Bock zu antworten. Langsam geht mir die Geduld flöten.«
DeepL:
»I wrote to him yesterday, but he either overlooked it or just didn't feel like replying. I'm slowly losing my patience.«
Google Translate:
»I texted him yesterday, but he either missed it or just doesn't feel like replying. I'm slowly losing my patience.«
ChatGPT Translate:
»I wrote to him again yesterday, but he either overlooked it or just couldn’t be bothered to reply. My patience is slowly running out.«
Wie gut ist die Übersetzung? DeepL und Google ähneln sich sehr und beide sind absolut ok. Ich sehe DeepL allerdings etwas weiter vorne, da »übersehen« tatsächlich korrekt mit »overlooked« übersetzt wurde. Google hat es stattdessen mit »missed« übersetzt. Das funktioniert zwar auch, doch der Sinn des ursprünglichen Satzes bleibt bei DeepL meiner Meinung nach etwas eher erhalten.
ChatGPT Translate hingegen macht einen kleinen Fehler und übersetzt »noch« mit »again«. Das entfernt sich etwas zu weit vom Original, da dort nicht die Rede von einem erneuten Schreiben ist. »Noch« ist in dem Fall eher eine zeitliche Angabe und steht eben nicht für »nochmal«.
Ergo: DeepL hat in Sachen Umgangssprache die Nase vorn.
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Satz 2: Fachjargon
Jetzt wird’s deutlich komplizierter. Hier noch einmal der getestete Satz, diesmal auf Englisch: »The use of NVMe SSDs and active ECC RAM minimizes data access latency and enhances system stability in multi-core environments.«.
DeepL:
»Der Einsatz von NVMe-SSDs und aktivem ECC-RAM minimiert die Latenz beim Datenzugriff und verbessert die Systemstabilität in Multi-Core-Umgebungen.«
Google Translate:
»Der Einsatz von NVMe-SSDs und aktivem ECC-RAM minimiert die Datenzugriffslatenz und verbessert die Systemstabilität in Mehrkernumgebungen.«
ChatGPT Translate:
»Der Einsatz von NVMe-SSDs und aktivem ECC-RAM minimiert die Datenzugriffslatenz und erhöht die Systemstabilität in Multicore-Umgebungen.«
Wie gut ist die Übersetzung? Diesmal haben sich bei den drei Übersetzungen keine Fehler eingeschlichen. Die größten Unterschiede fallen mir bei der Übersetzung von »data access latency« und »multi-core environment« auf.
DeepL und ChatGPT übersetzen letzteres nicht ganz. Das nehme ich ihnen allerdings auch nicht übel, da es in der deutschen Technik-Branche normal ist, englische Fachbegriffe wie »multi-core« zu verwenden.
Die Übersetzung von »data access latency« gefällt mir bei DeepL ein wenig besser, da »Latenz beim Datenzugriff« etwas natürlicher und alltäglicher wirkt als »Datenzugriffslatenz«.
Ergo: Beim Fachjargon sehe ich wieder DeepL minimal vorne. Das ist allerdings Geschmackssache.
Satz 3: Bildliche Sprache
Für die bildliche Sprache bediene ich mich eines Satzes von J.R.R. Tolkien. Nicht nur, weil er schön klingt, sondern weil eine direkte Übersetzung von Profis zur Verfügung steht: »Denn wie ein Pfeil, klar und kalt, durchfuhr ihn der Gedanke, dass letztlich der Schatten nur eine kleine und vorübergehende Sache sei: es gab Licht und hehre Schönheit, die auf immer außerhalb seiner Reichweite waren.«
DeepL:
»For like an arrow, clear and cold, the thought pierced him that ultimately the shadow was only a small and temporary thing: there was light and sublime beauty that were forever beyond his reach.«
Google Translate:
»For like an arrow, clear and cold, the thought pierced him that ultimately the shadow was only a small and temporary thing: there was light and sublime beauty that were forever beyond his reach.«
ChatGPT Translate:
»For like an arrow, clear and cold, the thought pierced him that in the end the shadow was only a small and passing thing: there was light and lofty beauty that were forever beyond his reach.«
Tolkiens Original:
»For like a shaft, clear and cold, the thought pierced him that in the end the Shadow was only a small and passing thing: there was light and high beauty forever beyond its reach.«
Wie gut ist die Übersetzung? Die Übersetzungen unterscheiden sich zwar in ein paar wenigen Details, doch ein wirklicher Fehler ist bei diesem Beispiel nicht passiert.
Mir persönlich gefällt ChatGPTs »passing« besser als »temporary«, da es den träumerischen Tonfall besser einfängt. DeepL und Google machen das allerdings wieder wett, indem beide »hehre Schöhnheit« mit »sublime beauty« übersetzen. Das passt in meinen Augen besser als ChatGPTs »lofty«, auch wenn die Bedeutung nahezu identisch ist.
An das englische Original kommt keine der Übersetzer heran. Das habe ich allerdings auch nicht erwartet, da Tolkiens Stil nun mal einzigartig ist.
Falls ihr euch wundert, warum am Ende jeweils »his reach« und nicht »its reach« wie im Original steht: Das liegt daran, dass sich der Satz auf den Schatten bezieht. Im Deutschen ist ein Schatten maskulin, während man nicht-menschliche Dinge im Englischen als »it« (deutsch: »es«) anspricht.
Deswegen spricht das deutsche Original von »seiner Reichweite« und wird somit auch mit »his reach« übersetzt. Das Verständnis von Kontext ist in dem Fall nicht auf menschlichem Niveau.
Ergo: Keine der Übersetzungen sticht hervor und keine ist besonders schlecht. Hier sehe ich alle drei Kandidaten gleich auf.
Fazit der Redaktion
Jan Stahnke: Ich habe anfangs beriets erwähnt, dass ich vor einiger Zeit den Glauben an DeepL etwas verloren habe. Dieser Test hat mir gezeigt, dass ich das nochmal überdenken sollte, denn bei den ersten beiden Beispielen sah ich DeepL leicht vorne.
Insgesamt machen die drei Tools bei kürzeren Übersetzungen allerdings kaum einen Unterschied – zumindest wenn man nur auf die Übersetzung achtet.
ChatGPT hat den Vorteil, dass man auch vordefinierte Prompts mitgeben kann, um zum Beispiel den Tonfall zu ändern. DeepL bietet auch KI-basierte Schreibhilfen und Verbesserungsvorschläge. Google Translate hingegen bietet Bildübersetzungen an. Jedes Tool hat also seine eigenen Stärken.
Falls ihr also nur ab und zu mal eine kleinere Übersetzung braucht und euch andere Funktionen egal sind, könnt ihr euch einfach das Tool aussuchen, das euch am besten gefällt.
Wenn es um längere Textpassagen geht, könnte sich das allerdings wieder ändern. Dazu werde ich die Tools in den kommenden Wochen noch etwas ausführlicher testen.
Verratet mir bis dahin doch gerne, welches Tool ihr am liebsten verwendet. Vielleicht kenne ich eines davon ja noch gar nicht. Also haut in die Tasten!

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