Künstliche Intelligenz in der Spieleentwicklung ist längst kein Nischenthema mehr. Laut Umfragen nutzen viele Studios KI-Tools für Teilaspekte ihrer Arbeit. Doch nun geht ein Entwickler unter dem Pseudonym »Grolaf« einen Schritt weiter.
Mit dem Titel Codex Mortis veröffentlicht er ein Spiel, das laut eigener Aussage zu 100 Prozent von KI generiert wurde – vom Code über die Grafiken bis hin zur Musik. Das Spiel, das sich aktuell als Demo auf Steam befindet, stößt bei Spielern jedoch auf deutlichen Widerstand.
»Vibe-Coding« statt Game-Engine
Der Entwickler gibt an, für das gesamte Projekt keine herkömmliche Game-Engine wie Unity, Godot oder Unreal verwendet zu haben. Stattdessen basiert das Spiel auf reinem TypeScript, zusammengehalten von Frameworks wie PIXI.js (Rendering) und Electron.
Das Besondere daran: Der Entwickler hat diesen Code nicht selbst geschrieben. Er hat ihn sich von der KI »Claude Code« (Versionen Opus 4.1 und 4.5) schreiben lassen.
Dieses Vorgehen nennt sich »Vibe Coding«: Man lädt ein Projekt in einen Code-Editor, der mit einem KI-Agenten verknüpft ist, und gibt lediglich Anweisungen in natürlicher Sprache. Ihr sagt der KI etwa: »Erstelle mir eine Angriffsfunktion, die sich gut anfühlt.« - und drückt die Daumen, dass das Ergebnis gut ist.
Das Problem bei dieser Methode: Der Mensch am Monitor gibt die Kontrolle fast vollständig ab. Da der Entwickler den Code nicht selbst verfasst hat, versteht er im Zweifel auch nicht, wie die einzelnen Systeme im Hintergrund ineinandergreifen.
- Der »Coder« weiß nicht zwingend, was die KI da eigentlich generiert hat.
- Bugfixing wird zum Glücksspiel. Wenn ein Fehler auftritt, kann der Entwickler nicht einfach die entsprechende Zeile korrigieren. Er muss hoffen, dass die KI den Kontext des gesamten Projekts noch versteht und den Fehler auf Anweisung selbst behebt.
- Verliert die KI den Faden – was bei komplexeren Projekten oft passiert – bricht die Code-Struktur zusammen, ohne dass der Mensch in der Lage wäre, das Fundament manuell zu reparieren.
Auch die Assets stammen nicht aus menschlicher Feder:
- Grafik: Die visuellen Elemente wurden laut Entwicklerangaben mit ChatGPT erstellt.
- Animationen: Da die KI Schwierigkeiten mit herkömmlichen Charakter-Animationen hatte, schrieb Claude Code einen Shader, der Bewegungen simuliert (ein sogenanntes »Wobbling«), anstatt echte Animationsphasen zu nutzen.
- Musik: Auch die akustische Untermalung soll vollständig KI-generiert sein.
Wie niedrig die Einstiegshürde mittlerweile liegt, zeigt ein Selbstversuch: Selbst Spieleredakteure, deren letzte Informatikvorlesung gut ein Jahrzehnt zurückliegt, können heute mit modernen KI-Code-Editoren wie OpenAI Cursor oder Google Antigravity kurz vor der Mittagspause einen simplen, funktionierenden Vampire-Survivors-Klon zusammenzimmern.
Aber schaut am besten selbst:
Hier könnt ihr GameStar Survivors spielen!Ein provokanter Vampire Survivors-Klon
Spielerisch orientiert sich Codex Mortis offensichtlich am Genre-Primus Vampire Survivors. Ihr steuert einen Charakter durch Horden von Gegnern, sammelt Erfahrungspunkte und kombiniert verschiedene Magie-Schulen und Synergien, um zu überleben. Der Entwickler verspricht »unendliche Builds« und die Möglichkeit, untote Armeen zu beschwören.
Doch der Titel versucht gar nicht erst, seine Herkunft zu verschleiern. Im Gegenteil: Das Marketing setzt voll auf die KI-Karte und schreckt dabei auch vor Provokation nicht zurück. Der Trailer zum Spiel zeigt eine Szene, in der ein Zauberer einen Dämon pulverisiert, der mit dem Label »AI antis« (also KI-Gegner) versehen ist. Eine deutliche Botschaft an Kritiker der Technologie:
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Codex Mortis: Das erste Steam-Spiel, das zu 100% von KI stammt - sogar der Trailer
Optisch wirkt das Spiel laut ersten User-Meinungen eher zweckmäßig: Der Grafikstil wird als »matschig« und undeutlich beschrieben, was typisch für KI-Bildgenerierung mit ChatGPT ist. Dennoch ist es ein funktionierendes Videospiel mit den üblichen Genre-Mechaniken – was rein technisch betrachtet durchaus bemerkenswert ist, wenn man bedenkt, dass kein menschlicher Programmierer den Code direkt angefasst haben soll.
Die Community reagiert mit Ablehnung
Während der Entwickler das Projekt als technischen Durchbruch feiert, zeigt sich die Steam-Community wenig begeistert. Die Foren zum Spiel sind gefüllt mit kritischen Stimmen. Threads tragen Titel wie »Garbage AI slop« (Müll-KI-Matsche) oder warnen vor einer »gefährlichen Entwicklung«.
Selbst im Subreddit r/aigamedev, wo man der Technologie eigentlich offener gegenübersteht, fielen die Reaktionen verhalten bis gemischt aus, wobei einige der kritischsten Kommentare mittlerweile gelöscht wurden.
Ist es wirklich das erste 100% KI-Spiel?
Die Behauptung des Entwicklers, das »weltweit erste« vollständig KI-generierte Spiel geschaffen zu haben, lässt sich schwer verifizieren. Es existieren bereits Browser-Spiele wie Doomscrolling von David Friedman, die ebenfalls mithilfe von ChatGPT erstellt wurden.
Codex Mortis dürfte jedoch eines der ersten reinen KI-Spiele sein, die den Sprung auf Steam geschafft haben – inklusive der technischen Hürden, die die Integration von Steam-Achievements und Overlay ohne fertige Engine mit sich bringt.
Wenn ihr euch selbst ein Bild von dem Titel machen wollt, könnt ihr die Demo auf Steam ausprobieren. Das Projekt zeigt deutlich, wie weit die KI-Tools in der Code-Generierung mittlerweile sind, demonstriert aber gleichzeitig auch die aktuellen Grenzen in Bezug auf Qualität und Akzeptanz bei den Spielern.
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