Deutschland baut das höchste Windrad der Welt – und lässt sich dabei vom berühmtesten Turm Frankreichs inspirieren

In Ostdeutschland wächst derzeit ein Windrad-Gigant empor: höher als alle anderen und Begründer der nächsten Generation seiner Art.

Symbolbild: Windräder, sie sind elementarer Bestandteil der Energiewende, welche Deutschland sowie Europa für die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts technologisch reifen lässt.
(Bildquelle: Unsplash, Sebastien Van de Walle) Symbolbild: Windräder, sie sind elementarer Bestandteil der Energiewende, welche Deutschland sowie Europa für die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts technologisch reifen lässt. (Bildquelle: Unsplash, Sebastien Van de Walle)

Stellt euch vor, ihr steht vor dem Eiffelturm in Paris. Nun nagelt ihr oben ein Kreuz aus drei Rotorblättern knapp unterhalb der Spitze dran, voilà! Fertig ist das weltweit höchste Windrad, das momentan in Deutschland entsteht.

Bereits vor zwei Jahren berichteten wir von den Plänen, die inzwischen bauliche Gestalt annehmen – dank etlicher Tonnen Stahl und Beton, Hightech sowie Geheimniskrämerei.

Wir erklären euch, wieso in der Lausitz (Brandenburg) im Osten Deutschlands weit mehr heranwächst als nur ein weiteres Windrad.

Es könnte vielmehr der Startpunkt einer neuen Familie an Windkraftanlagen der Zukunft sein.

Erst kürzlich vermeldete Dänemark die Fertigstellung eines Riesen-Windrads. Dies besticht vor allem durch die Länge der Rotorblätter sowie die pure Leistungskraft. Es kommt hingegen nur auf eine Höhe von rund 150 Metern.


Video starten 0:23 Wolkenkratzer als 1.000 Meter hoher Energiespeicher


Mehr Wind-Eifelturm als klassisches Windrad

Nur wenige Meter würden dem Höhenwindrad Schipkau fertiggestellt fehlen, um den Titel des höchsten Gebäudes Deutschlands zu beanspruchen.

Noch ragen erst rund 50 Meter an Stahlkonstruktion empor, doch bis Sommer nächsten Jahres sollen daraus 365 Meter werden – rund doppelt so hoch wie herkömmliche Offshore-Windräder.

Allein die Nabe, also dort, wo die Gondel sitzt und die Rotoren ihren Mittelpunkt haben, sitzt in 300 Meter Höhe.

Die zumeist nochmal kleineren Exemplare auf Land verzwergen neben diesem Giganten, der dazu anleitet, Windenergie neu zu denken.

Der globalen Krone als Höhenkönig seiner Art kann es sich auf alle Fälle sicher sein. Nirgendwo sonst wird so weit oben Strom aus Luftbewegung gewonnen – dabei hat das gleich mehrere Vorteile, die aber Mühe, Ideen und Geld kosten.

Die Grafik vergleicht die anvisierte Höhe des Schipkauer Windrades mit der vom Olympiaturm München sowie dem Kölner Dom.
(Bildquelle: beventum) Die Grafik vergleicht die anvisierte Höhe des Schipkauer Windrades mit der vom Olympiaturm München sowie dem Kölner Dom. (Bildquelle: beventum)

Insgesamt betrachtet sei die Leistung dieser Höhenwindanlagen mit der einer Offshoreanlage vergleichbar, aber eben zu geringeren Kosten.

Konstruktion, Wartung sowie Energietransfer fallen zu Land deutlich günstiger aus, wie der Geschäftsführer Jochen Großmann vom verantwortlichen Ingenieursbüro Gicon erklärt:

Wir haben in 365 Metern Höhe wesentlich mehr und stabileren Wind, und wir werden mehr als den doppelten Ertrag an Elektroenergie haben im Vergleich zu normalen Windrädern. Das liegt an einer weit größeren Zahl von Volllaststunden.

Daten zum Höhenwindrad von Schipkau:

  • Gesamthöhe: 365 Meter (bis Rotorspitze)
  • Nabenhöhe (hier sitzt die Rotorgondel dran): 300 Meter
  • Rotordurchmesser: ca. 130 Meter
  • Leistung: 3,8 Megawatt MW, vergleichbar mit heutigen Anlagen, aber durch stetigen wehenden Wind über längere Zeit erreichbar
  • Ertrag: mehr als doppelt so hoch wie bei herkömmlichen Anlagen (basierend auf zweijährigen Messungen mit einem 300-m-Messturm)

Durchschnittliche, neuere Onshore-Windräder (an Land) weltweit:

  • Nabenhöhe: 100 – 110 Meter
  • Rotordurchmesser: ca. 150 – 170 Meter
  • Leistung: 3 – 4 MW

Durchschnittliche, neuere Offshore-Windräder (auf dem Ozean) weltweit:

  • Nabenhöhe: 140 – 150 Meter
  • Rotordurchmesser: ca. 200 bis 250 Meter
  • Leistung: 12 – 15 MW

Fertiggestellt soll der Riese mehr dem Eiffelturm aus Paris als einem Pfahl mit Windmühlenflügeln dran ähneln. Der Fuß des Prototyps kommt deutlich breiter daher, satte 48 Meter misst er von einer Seite zur anderen. Von hieraus verjüngt er sich aufsteigend.

So soll nicht nur die Stabilität garantiert, sondern auch ein Kernfeature der Anlage ermöglicht werden: sein ausfahrbares Teleskop-Design.

Der Mast, welcher Nabe, Rotorblätter sowie Generator beherbergt beziehungsweise trägt, lässt sich im Inneren der Stammkonstruktion absenken. Nur so gelangen Techniker weitestgehend gefahrlos mit herkömmlichen Mitteln zur Gondel (via MDR).

Windenergie in Etagen ernten

Abseits der Steigerung versuchen sich die Ingenieure in der Lausitz auch an einem konzeptionellen Neustart – durch Etagenbau. Denn die Riesen sollen nicht allein vereinsamen, sondern im Verbund bestehender oder neu zu errichtender Windparks arbeiten.

Die Idee: ein Drei-Ebenen-Prinzip.

  • Unten am Boden sammelt Fotovoltaik Sonnenenergie ein, dazwischen sowie darüber aufragend stehen mittelhohe Windkraftanlagen und nochmal in knapp doppelter Höhe ganz oben drehen sich Giganten, genannt Höhenwindräder.
  • Der Vorteil: Ohne zusätzliche Fläche könnte über eine gleiche Zeitspanne mehr Strom erzeugt werden. Denn niemand behindere die anderen Erzeuger, jeder erntet in seinem Revier seine Energieform.

Verdeutlichung des Drei-Ebenen-Prinzips: am Boden Fotovoltaik, in mittlerer Höhe heute übliche Windräder und darüber in der obersten Lage Höhenwindräder wie Schipkau. Das Ziel ist klar: effizientere Stromerzeugung ohne zusätzliche Flächen.
(Bildquelle: Gicon) Verdeutlichung des Drei-Ebenen-Prinzips: am Boden Fotovoltaik, in mittlerer Höhe heute übliche Windräder und darüber in der obersten Lage Höhenwindräder wie Schipkau. Das Ziel ist klar: effizientere Stromerzeugung ohne zusätzliche Flächen. (Bildquelle: Gicon)

Indes legen wir mit der Nutzung regenerativer Energiequellen – habt ihr übrigens schon von Osmosekraftwerken gehört? - nur die Grundlage.

Doch werden wir unser Ziel eines stabilen sowie widerstandsfähigen Netzes allein darauf bauend so nicht erreichen. Dafür brauchen wir Speicher, zum Beispiel:

Geheimniskrämerei hinter einer Sprunginnovation

Die Schöpfer des Riesen im Wind nehmen ihre Pionierstellung wahrlich ernst – und als Grund für Geheimhaltung. So dürfen Fernsehteams, wie hier von der ARD, keine Detailaufnahmen von Schraubverbindungen veröffentlichen.

Denn nicht nur die Konstruktion, sondern auch seine Einzelteile weichen von der Branchennorm ab – Ideen und Lösungen, die vor dem Blick der Konkurrenz bewahrt werden wollen.

Hinter dem Riesen-Windrad steht eine Kooperation aus öffentlichen und privaten Akteuren. Die Bundesagentur für Sprunginnovationen fördert das Vorhaben, das von beventum an die Gicon GmbH (Ingenieurbüro aus Dresden) vergeben wurde.

Der etwas seltsam anmutende Name der Behörde ist derweil schnell erklärt: Unter einer Sprunginnovation verstehen Fachleute ein neues Produkt, das einen gewichtigen, aber eben auch enorm teuren technologischen Schritt nach vorn darstellt.

Jeder wirtschaftlich rentable Weg der Entwicklung schließt sich vorerst aus, ehe nicht die Prototypen-Phase gemeistert wurde.

Ein Prototyp, wie er im Buche steht

Die größte Hürde beim Bau von immer größeren Anlagen zu Land stellt der Transport dar. Denn die meisten Straßen wurden im Hinblick auf Randbebauung sowie Kurvenverlauf nicht für immens ausladende Rotorblätter geplant.

Deshalb entwickelt ein Unternehmen extra für die Rotorblätter von morgen das größte Flugzeug der Geschichte.

Bis dahin könnte sich alldieweil die Flucht der Rotoren in die Höhe als ein gangbarer Weg erweisen. Die Windenergie könnte relativ rasch entscheidend vorangebracht werden – und damit die Energiewende als Ganzes.

Es gibt auch Kritik
Bitte klicken zum Aufklappen

Folgende Punkte werden von Umwelt- oder Flugsportverbänden oder anderen Akteuren kritisiert:

  • wegfallende Flugmöglichkeiten durch so bisher nicht bekanntes Hindernis, das überflogen werden muss
  • Zerstörung von Wald und Heimat durch Gigantomanie
  • befürchtete Gefahren für die Tierwelt.

Allerdings kann der letzte Punkt an dieser Stelle bereits eingeschränkt werden. Denn durch Windräder sterben zwar Tiere, aber die Auswirkungen sind überschaubar und hängen stark von der Standortwahl ab – im Vergleich zu anderen anthropogenen Bedrohungen wie Verkehrsunfällen, Glasfassaden oder Katzen fallen sie relativ gering aus (via WWF).

Das Höhenwindrad von Schipkau muss als der bescheidene Anfang einer regelrecht großen wie weitreichenden Idee verstanden werden. Dem Prototyp stehen alle erwartbaren Kinderkrankheiten eines Erstversuchs bevor.

Die Erprobungen im kommenden Jahr müssen zeigen, wie sich die neue Technik in der Realität schlägt.

Derzeit reizen die Konstrukteure das Limit ihres Entwurfs nicht aus. So wären nach Herstellerangaben bis zu 100 Meter lange Rotorblätter, also ein Durchmesser von rund 200 Meter und eine Gesamthöhe von 400 Meter möglich.

Hierdurch würde sich die erbrachte Energiemenge drastisch erhöhen, aber die Komplexität und Risiken würden im Testverfahren jedes akzeptable Maß überschreiten.

Des Weiteren wollen, ja müssen die Ingenieure lernen, wie diese Riesen einfacher, günstiger und schneller zu bauen sind. Gicon plant bis 2030 bis zu 1.000 weitere solcher Anlagen bundesweit. Einheimische sollen jeweils, wenn möglich, am Projekt beteiligt werden.

Im Sommer 2026 soll sich das höchste Windrad der Welt beginnen zu drehen und zeigen, ob es seinen Teil für gänzlich neu gedachte Energieparks in Deutschland abliefert.

zu den Kommentaren (83)

Kommentare(69)
Kommentar-Regeln von GameStar
Bitte lies unsere Kommentar-Regeln, bevor Du einen Kommentar verfasst.

Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.