Die ganze Woche über ging es bei uns um Digital Detox. Meine Kolleginnen und Kollegen haben die verschiedensten Dinge ausprobiert, um auf digitale Technik zu bestimmten Zeiten oder in bestimmten Situationen zu verzichten – in den meisten Fällen vollständig.
Mein eigener Ansatz ist etwas widersprüchlicher.
Denn ich möchte gar nicht weniger Technik nutzen. Ausgerechnet im technischsten Raum unseres Hauses darf so gut wie alles bleiben: Projektor, mehrere Verstärker, ein Gaming-PC samt OLED-TV, ein Laptop, ein Tablet und diverse Konsolen.
Nur ein einziges Gerät erhält ab sofort Hausverbot
.
Jenes, das mich in schöner Regelmäßigkeit von all der anderen Technik ablenkt: mein Smartphone.
Warum ausgerechnet das Handy?
Schließlich könnte doch jemand anrufen und ein dringendes Anliegen haben. Doch dieses geringe Risiko nehme ich bewusst in Kauf.
Es reicht bei mir leider auch nicht, das Smartphone lautlos zu stellen oder weiter entfernt abzulegen: Früher oder später finde ich doch einen Grund, es wieder neben mich zu legen.
46:11
Gruselig oder Genial? Wir haben mit Ubisofts Spiele-KI gesprochen | FYNG Talk
Davon abgesehen bin ich ja auch nicht tagelang von der Außenwelt abgeschnitten, sondern lediglich für die Dauer eines Films, eines Albums, zweier Folgen einer Serie oder ein paar Levels eines Spiels.
In meinem Heimkino-HiFi-Gaming-Keller ist das Smartphone vor allem eines: ein Störenfried.
Wobei: Streng genommen kann es gar nichts dafür.
Denn nicht das Handy ist das eigentliche Problem, sondern ich ganz allein.
Sobald mein iPhone im Keller auch nur ansatzweise in Reichweite liegt, schaue ich gefühlt alle zwei oder drei Minuten darauf. Und das meist nicht einmal, weil tatsächlich etwas Wichtiges angezeigt wird oder es klingelt.
Was ich stattdessen mache: Ich notiere mir Film- und Artikelideen, löse ein paar Schachaufgaben, prüfe, ob neue Mails im Postfach liegen, oder recherchiere irgendeine Frage, die mir gerade durch den Kopf geschossen ist.
Für sich genommen ist jede dieser Unterbrechungen völlig harmlos.
Zusammengenommen führen sie jedoch dazu, dass ich kaum fünf Minuten wirklich bei einer Sache bleibe.
Die Arbeit hat auch keinen Sendeschluss
Noch schwieriger wird es, sobald die Arbeit ins Spiel kommt, obwohl ich da in den letzten Jahren schon deutlich zurückhaltender geworden bin.
Dennoch ist der folgende Abschnitt vermutlich nichts, was mein Chef besonders gerne liest. Scrolle einfach weiter bis zur nächsten Überschrift, Mirco.
Denn ich kontrolliere noch immer viel zu oft, wie gut meine Artikel laufen, ob sich noch Fehler darin verstecken oder ob in den Kommentaren berechtigte Kritik auftaucht.
Und selbst wenn die Kritik unberechtigt ist, antworte ich außerhalb meiner Arbeitszeit häufiger, als ich sollte und als mir lieb ist.
Damit möchte ich jetzt kein Mitleid für einen »armen« Redakteur erwecken.
Die Arbeit bei einem Onlinemagazin kennt naturgemäß keinen Sendeschluss. Neue Zahlen, Mails und Kommentare können auch am Wochenende oder im Urlaub erscheinen. Sie sind immer verfügbar.
Und daher auch die Versuchung, nur noch einmal ganz kurz nachzusehen.
Doch es bleibt eigentlich nie bei diesem einen Blick.
Der kleine Bildschirm gewinnt zu oft
Natürlich ist nicht alles daran schlecht. Gerade Filme, Serien, Dokumentationen oder Vorträge auf YouTube bringen mich häufig auf Gedanken, aus denen später Artikel entstehen.
Und dafür bin ich meinem ständig griffbereiten digitalen Notizblock auch sehr dankbar. Mit Stift und Papier könnte ich das zwar auch, aber das spätere Übertragen in eine Excel-Tabelle ist mit digitalen Notizen schlicht einfacher.
Doch auch gute Ideen reißen mich erst einmal aus dem Film. Aus einer kurzen Notiz wird schnell eine spontane Recherche. Daraus wiederum wird nur allzu oft ein Blick in die Mails und unsere Analysesoftware. Irgendwann weiß ich zwar, wie viele Menschen meine aktuellen Artikel gerade lesen, aber nicht mehr, warum die Hauptfigur gerade wütend ist.
Meistens halte ich Filme nämlich auch nicht an. Deshalb bin ich irgendwann einfach nicht mehr richtig bei der Sache.
Und genau das ändere ich jetzt. Ich will mich einfach wieder völlig auf einen Film, eine Serie, ein Album oder ein Spiel einlassen können, ohne alle paar Minuten auf das kleine Display zu sehen.
Mehr zum Thema Digital Detox:
- »Für mich gehört es zum Lesen dazu, ein Buch tatsächlich in der Hand zu halten« – Ein kleiner Comic-Laden beweist mir, dass Nerd-Kultur auch ganz ohne Displays auskommt
- Verzicht auf Streaming: 1 Woche habe ich Fernsehen wie früher geschaut – Es hat mich gebrochen und zu einem völlig anderen Medium verführt
- 10 Jahre Coach, heute teste ich Tech: Mein Krafttraining ist trotzdem analog
Weniger Gleichzeitigkeit
Deshalb braucht es eine ganz klare Grenze. Nicht irgendwann einmal, nicht irgendwie und auch nicht nur dann, wenn ich zufällig daran denke.
Das Smartphone muss künftig konsequent draußen bleiben.
Digital Detox bedeutet für mich daher nicht zwingend weniger Technik, sondern schlicht weniger Gleichzeitigkeit. Im Heimkino möchte ich mich nur auf das konzentrieren, wofür ich mich in diesem Moment bewusst entschieden habe.
Womöglich verpasse ich so gelegentlich einen Anruf oder eine Nachricht. Die nächste Schachaufgabe wird aber auch dann noch da sein, wenn ich das Heimkino verlasse.
Doch dafür bekomme ich vielleicht etwas zurück, das mir in letzter Zeit viel zu häufig verloren gegangen ist: meine ungeteilte Aufmerksamkeit.

Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Dein Kommentar wurde nicht gespeichert. Dies kann folgende Ursachen haben:
1. Der Kommentar ist länger als 4000 Zeichen.
2. Du hast versucht, einen Kommentar innerhalb der 10-Sekunden-Schreibsperre zu senden.
3. Dein Kommentar wurde als Spam identifiziert. Bitte beachte unsere Richtlinien zum Erstellen von Kommentaren.
4. Du verfügst nicht über die nötigen Schreibrechte bzw. wurdest gebannt.
Bei Fragen oder Problemen nutze bitte das Kontakt-Formular.
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Nur angemeldete Plus-Mitglieder können Plus-Inhalte kommentieren und bewerten.