Redaktionsintern ist meine Liebe zu Disco Elysium schon zum Running Gag geworden. Und wenn ihr meine Artikel öfter lest, habt ihr sicher auch schon mindestens einmal gehört, wie ich über dieses Rollenspiel schwärme - zum Beispiel in unseren Top 100 Story-Spielen.
Aber was ich euch noch nie erzählt habe, ist der Grund, warum ich diese Geschichte eigentlich so viel mehr schätze als alle anderen tollen Spiele-Storys. Es liegt an einer Szene, die vielleicht zehn Minuten dauert und die mein Leben zum Besseren verändert hat.
Ganz große Spoiler-Warnung: Ich verrate hier einen besonderen Moment des Finales! Wenn euch Disco Elysium auch nur ein bisschen interessiert, spielt es bitte erst, bevor ihr weiterlest, sonst zerstöre ich euch möglicherweise einen dieser ganz besonderen Spielemomente, wie man sie nur selten erlebt.
Triggerwarnung und Hilfe
Achtung, dieser Text enthält Bezüge auf Depression und mentale Probleme. Solltet ihr selbst von solchen Problemen betroffen sein, zögert bitte nicht, einen Arzt aufzusuchen oder euch an anonyme Hilfestellen wie eine Telefonseelsorge oder die deutsche Gesellschaft für Suizidprävention zu wenden. Depressionen und andere psychische Probleme sind ernstzunehmende Krankheiten, die allerdings behandelt werden können. Konsumiert den Artikel bitte auch mit Vorsicht, sollten die angesprochenen Emotionen und Themen starke Gefühle oder Erinnerungen bei euch wecken.
Disco Elysium und Ich
Als ich Disco Elysium zum ersten Mal spiele, geht es mir psychisch überhaupt nicht gut. Daran war ich zu einem guten Teil selbst schuld, weil ich jahrelang die Signale meiner Seele ignoriert habe, die mir deutlich sagten: Steffi, du kannst nicht mehr lange so weiter machen. Spiele nutze ich meistens dazu, meine eigenen düsteren Gedanken zu übertönen. Disco Elysium hat mir das nicht erlaubt.
PLUS
14:19
Platz 1: Disco Elysium - »Dieses Spiel hat mich verarscht und das hat sich gut angefühlt«
Ich bin zwar ziemlich weit davon entfernt, ein alkoholkranker Cop zu sein, der einen Mordfall lösen soll, aber die Geschichten von Harry und den Bewohnern von Martinaise haben viele Parallelen zu meinem eigenen Leben. Wie Harry ignoriere ich die »Dämonen« aus meiner Vergangenheit, bis es mich an den Rand der Selbstzerstörung treibt. Seine Reise durch sein Inneres wird schnell zu meiner eigenen.
Ich versinke mit ihm in echter Verzweiflung, die wunderschönen, oft tieftraurigen Texte schlagen wie Wellen gegen meine inneren Mauern und reißen sie nieder. Wenn ich über eine traurige Szene weine, weine ich in Wahrheit meistens über mich selbst.
Drei Tage lang versinke ich morgens bis abends vor dem Bildschirm, nachts liege ich wach, höre den Soundtrack und denke nach. Als das Spiel sich allmählich dem Finale zuneigt, habe ich richtige Angst davor, wie es mir danach gehen wird - wenn Harrys Geschichte, die mir viel zu nahe geht, ein trauriges Ende nimmt, was macht das mit mir und meinen frisch aufgerissenen Wunden?
Disco Elysium wirkt nicht wie ein Spiel, das auf ein Happy End hinausläuft. Vor allem, wenn ihr wie ich den »Sorry Cop« spielt. Die Welt ist so kalt und grau wie unsere eigene, wenn ihr sie so wahrnehmt wie ich. Mit seltenen Lichtblicken, die schnell wieder in einem Meer aus Hoffnungslosigkeit und zerstörten Träumen versinken.
Irgendwann erwarte ich, dass jede Quest so traurig endet wie die Geschichte von Rene und Gaston. Oder von der Frau, die ihren verschwundenen Ehemann sucht. Diese Storys passen genau zu meinem eigenen, fürchterlich zynischen Weltbild, nach dem am Ende alles schlecht ausgeht. Aber dann, fast ganz zum Schluss, wartet diese eine Szene auf mich, bei der alles anders läuft.
Mein schönster Spielemoment: eine übergroße Stabheuschrecke
Ich gebe euch nochmal kurz die Hintergrundgeschichte der Quest: Schon am ersten Spieltag treffe ich Lena, die Frau eines Kryptozoologen, der eigentlich längst wieder zurück im Hotel Whirling-in-Rags sein sollte. Halb erwarte ich, dass er irgendeine Klippe hinuntergestürzt ist, aber später finde ich ihn wohlbehalten wieder. Die beiden sind besessen von einer sagenhaften Kreatur, der Insulindischen Phasmide. Lena behauptet, sie schon einmal gesehen zu haben, aber auf dieser Geschichte basiert ihre ganze Ehe - mein zynischer Kopf ist sofort überzeugt, dass sie sich das Ganze ausgedacht hat.
Trotzdem tue ich dem Kryptozoologen den Gefallen und suche in einer simplen Nebenquest seine Phasmidenfallen ab. Erfolglos, natürlich. Es wäre ein Wunder, wenn so ein Wesen existieren würde und wer glaubt schon an Wunder.
Im Finale, als ich den Mörder entdecke, habe ich die Geschichte schon fast vergessen. Bis es im Gras raschelt und die magischsten Minuten meines Spielelebens beginnen. Die Phasmide steht plötzlich vor mir, ein zartes Gebilde aus langen, spindeldürren Gliedmaßen. Und noch immer schweigt mein innerer Zyniker nicht, sondern knurrt: »Schau an, Harry hat soeben den Verstand verloren«. Ich frage meinen Begleiter Kim, ob er die Kreatur sieht. »Ich sehe sie«, flüstert er.
Es fällt mir schwer in Worte zu fassen, was dieser Moment in mir auslöst. Ich lag daneben. Zwischen all den tragischen, bitteren Geschichten aus Disco Elysium geht ausgerechnet die unwahrscheinlichste so wundersam gut aus - der Lebenstraum des liebevollen Pärchens ist wirklich wahr.
Ich heule (mal wieder), aber zum ersten Mal seit Ewigkeiten treibt mir pure Freude die Tränen aus den Augen. Klingt fast albern zu erzählen, wie viel mir diese eine fiktive Szene bedeutet, aber in der Sekunde ist mein Pessimismus endlich einmal weggeblasen. Die Phasmide spricht zu mir. Also eigentlich zu Harry, aber es kommt mir vor, als würde sie direkt mit mir, Steffi, reden.
»Ich existiere«, sagt sie.
»Ich existiere auch«, sage ich.
Der folgende Dialog ist so liebevoll, so warm, dass sich Teile davon für immer in mein Gedächtnis gebrannt haben. Besonders dieser hier:
Es muss unglaublich schwer sein. Die Arthropoden bewundern dich im Stillen. Du sollst wissen, dass wir dich sehen - wenn du müde bist, wenn das Leben außer Kontrolle gerät, werden die Insekten dich beobachten. Dich anfeuern.
Seit ich denken kann, fische ich Käfer aus Pfützen und rette Regenwürmer von der Straße. Dass mich die kleinen Krabbler heimlich anfeuern - das ist für mich ein verdammt tröstlicher Gedanke, den ich immer wieder heraufbeschwöre wie eine warme Decke. Und ich habe die zynische Stimme in meinem Kopf zwar noch nicht ganz im Griff, aber sie ist nach Disco Elysium viel, viel leiser geworden.
Habt ihr auch solche Spielmomente erlebt, die euch persönlich die Welt bedeuten? Wenn ihr möchtet, teilt es gern in den Kommentaren.
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