Weißlich versponnen haust er 2026 in schierer Unzahl in deutschen Städten – der Eichenprozessionsspinner. Seit Jahren breitet er sich verstärkt aus, ein Grund: Die neuen klimatischen Bedingungen gefallen ihm.
Das Problem für uns: Ehe er als Schmetterling schlüpft, stellen seine Raupen ein Ärgernis, für manche gar eine Gefahr dar. Denn auf ihrem Körper wächst ein dichter Panzer aus Brennhaaren (winzige, harte, mit Widerhaken versehene Hohlhaare mit Nesselgift).
Eingeatmet oder selbst nur auf der Haut rufen sie eine ganze Reihe von gesundheitlichen Problemen hervor – teils behandlungsbedürftig im Krankenhaus. Die mit dem Wind weit fliegenden Härchen bedrohen vorrangig Kinder, alte Menschen und Vorerkrankte.
Seine Bekämpfung durch unsere Technik gestaltet sich langwierig und teuer. Doch ein natürlicher Jäger, für den die Raupe ein Festmahl darstellt, kehrt zurück. Ein unscheinbarer Fund eines in Deutschland verschollen geglaubten Käfers in Sachsen-Anhalt.
Wer sich über Befälle durch den Eichenprozessionsspinner in seiner Nähe informieren möchte oder sogar selber einen Fund melden möchte, findet hier eine interaktive Karte.
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Im Dienste der Wissenschaft: Massenhaft schwarze Bälle werden in ein Wasserreservoir geschüttet
Ein gefräßiger Räuber kehrt heim
Großer Puppenräuber – der Name ist Programm. Als wohl äußerst schmackhafte Mahlzeit gehört der Eichenprozessionsspinner zum Speiseplan des maximal 3,5 Zentimeter langen Laufkäfers. Meist auffällig blauschwarz mit goldgrün-rötlich schimmernden Deckflügeln frisst pro Saison ein einzelner Käfer etwa 400 Raupen.
Es sei eine »kleine Sensation« laut Dr. Peer Hajo Schnitter vom Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt, den Käfer in Sachsen-Anhalt wieder vorzufinden. Zuvor hatte er hierzulande seit den 1960ern als ausgestorben gegolten. Sachsen-Anhalt bleibt dabei nicht allein, auch anderswo im Bundesgebiet fanden sich zuletzt unabhängig Belege für eine Bestandserholung und Wiederausbreitung des Großen Puppenräubers.
Als Haupttreiber für diesen Schwund gilt die chemische Bekämpfung von Nachtfalter-Kalamitäten in Wäldern. Unter Kalamitäten verstehen Forscher großflächige Schadereignisse durch Tiere an Pflanzen – in den 1960ern zerstörten in Sachsen-Anhalt Raupen wie der Eichenprozessionsspinner massenhaft Bäume. Wir töteten die Schädlinge mittels Chemie.
Ferner vertrieben wir die Käfer bereits zuvor seit dem 19. Jahrhundert durch die Abholzung ihrer Habitate aus ihrer Lebensumwelt. Ihnen behagt die industrielle Waldstruktur weniger – der Große Puppenräuber bevorzugt lichte Waldlandschaften. Doch die damalige Forstwirtschaft setzt auf düstere, kühle Wälder. Mit dem Verschwinden des klassischen vorindustriellen Baumanbaus verschwanden auch vielerorts die Bestände der bunten Raupenliebhaber.
Bis dahin war der Große Puppenräuber historisch in weiten Teilen Deutschlands, die solche hell-warmen Wälder noch boten, heimisch. Seit rund 60 Jahren ging er in immer mehr Regionen verloren, nur vereinzelt hielt er sich – bis jetzt (via researchgate).
Funfact: Wer auf der nächsten Party mal mit Biologiewissen punkten möchte, kann folgenden Satz auswendig lernen: »Calosoma sycophanta steht für eine Chance, dem Befall von Schulhöfen, Straßen und Gärten durch Thaumetopoea processionea auf natürliche Art und Weise Einhalt zu gebieten.«
Calosoma sycophanta ist der wissenschaftliche Name für den Großen Puppenräuber und wenn Entomologen von Thaumetopoea processionea sprechen, meinen sie den Eichenprozessionsspinner.
Gründe für die Bestandserholung
Letztendlich liefert uns die Klimakrise hier ein Paradebeispiel für Tierarten, die ihren Bedürfnissen folgen: Denn der Puppenräuber profitiert von den gleichen klimatischen Veränderungen wie die lästigen Raupen.
Die extreme Ausbreitung des Eichenprozessionsspinners fußt auf höheren Temperaturen. Der Käfer ist ebenfalls ein Nutznießer solcher Bedingungen und folgt obendrein seinem Fressen: Sein Erfolg ist direkt an das Nahrungsangebot gekoppelt. Wir haben ihm zwar die Wälder größtenteils genommen, aber die bei uns nun oft vorherrschende Witterung kommt ihm gelegen – und der Speisenteller voller Schädlinge an Bäumen sowieso.
Trotz der neuen Sichtungen unterliegt die Art in Deutschland noch besonderem Schutz durch die Bundesartenschutzverordnung. Die Entdeckung fand im Zuge des sperrig, aber eindeutig benannten Projektes Untersuchungen und Wissenstransfer zum nachhaltigen Umgang mit dem Eichenprozessionsspinner in peri-urbanen und ländlichen Gebieten
statt.
Keine Wunderwaffe
Das Muster, auf ein übergroßes Nahrungsangebot opportunistisch zu reagieren, kennen wir im Übrigen: Der Käfer wurde fast 120 Jahre als Schädlingsbekämpfer genutzt. Als solcher wurde er bereits mehrfach in fremde Ökosysteme eingeschleppt. Vor allem in Nordamerika, wo er Anfang des 20. Jahrhunderts Fuß fasste, existiert er noch heute und hat sein einstiges Gebiet rund um Boston stark erweitert.
Ein weiterer Nutznießer des Klimawandels sind Quallen – allerdings mit Folgen für unsere Atomkraftwerke.
Allerdings reicht selbst der Hunger einer sich stark erholenden Population des Großen Puppenräubers allein nicht mehr aus, um dem Eichenprozessionsspinner Herr zu werden. Letzterer hat sich im wahrsten Sinne quasi überall eingesponnen, wo er kann, und es wird lange dauern, ihn wieder zurückzudrängen.
Hierbei sei der nun auch in Sachsen-Anhalt wiederentdeckte Käfer aber hilfreich – und ein essenzieller Baustein im komplexen ökologischen Regulationsnetzwerk.
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