Starker Motor & hydraulische Bremsen für 1.100 Euro: Warum dieses Klapp-E-Bike fast der ultimative Pendler-Tipp wäre

Das neue Engwe O20 Boost will beweisen, wie viel Potenzial in einem Falt-E-Bike steckt. Kann es beim Preis-Leistungs-Verhältnis überzeugen?

Das Engwe O20 Boost im Test: Harte Konkurrenz für das L20 3.0 Boost. Das Engwe O20 Boost im Test: Harte Konkurrenz für das L20 3.0 Boost.

Faltbare E-Bikes boomen, und Messen wie die IFA stehen voll von kompakten urbanen Kraftprotzen. Nachdem ich mir im Test das vollgefederte Engwe L20 3.0 Boost für knapp 1.500 Euro genau angeschaut habe, schickt der Hersteller nun das Engwe O20 Boost in den Ring.

Das Bike soll ein Falt-E-Bike ohne Kompromisse sein: mit dem Fahrkomfort eines großen E-Bikes und der Kompaktheit eines Klapprads. Mit einem aggressiven Preisschild von aktuell 1.100 Euro (UVP 1.300 Euro) liegt das O20 Boost nur knapp über der magischen 1.000-Euro-Grenze.

Budget-Ramsch oder Preis-Leistungs-Kracher? Ich konnte das Bike bereits einige Tage lang ausgiebig im Alltag testen und habe geprüft, ob Engwe sein Werbeversprechen halten kann oder wo der Rotstift zum Einsatz kam.

Transparenzhinweis: Engwe hat mir das O20 Boost kostenfrei für den Test zur Verfügung gestellt. Der Hersteller hatte kein Mitspracherecht beim Artikelinhalt und konnte den Test nicht vorher einsehen. Es bestand keine Verpflichtung für einen Testbericht.

Engwe O20 Boost
Engwe O20 Boost
Das Engwe O20 Boost ist ein echter Preis-Leistungs-Tipp, der sogar den teureren Bruder (L20 3.0 Boost) alt aussehen lässt – mit einem natürlichen Fahrgefühl, starkem Akku und einer sehr guten Motorsteuerung. Highlights in dieser Preisklasse sind die hydraulischen Doppelkolbenbremsen, die 8-Gang-Schaltung sowie der beiliegende Universal-Tracker für iOS und Android. Die Bestwertung verpatzt sich das Budget-Bike jedoch durch das riskante Kabelmanagement im Faltgelenk. Der Hersteller gelobt hier Besserung – die Umsetzung war bis zum Marktstart aber unklar.
  • Drehmomentsensor
  • Rahmen und Lenker faltbar
  • Entspanntes Treten bis 30 km/h
  • Starker 720 Wh Akku mit 4A-Schnelllader
  • Doppelbein-Ständer erleichtert den Faltvorgang massiv
  • Smart-Tracker (iOS & Android) im Lieferumfang enthalten
  • Hohes Gewicht
  • Ungenaue Akkuanzeige
  • Kein echtes Bremsrücklicht vorhanden
  • Im Alltag fummeliges Überheben über den Ständer
  • Verbesserungsfähiges Kabelmanagement im Faltgelenk
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O20 Boost vs. L20 3.0 Boost: Der direkte Vergleich

Um zu verstehen, in welche Kerbe das O20 Boost schlagen will, werfen wir zuerst einen Blick auf die groben technischen Daten. Hier wartet nämlich die erste dicke Überraschung: Im direkten Duell mit dem hauseigenen Konkurrenten, dem L20 3.0 Boost, zieht der um 200 Euro günstigere Neuling in einigen wichtigen Disziplinen am großen Bruder vorbei.

FeatureEngwe O20 BoostEngwe L20 3.0 Boost
UVP / Straßenpreis1.300 € / 1.100 €1.500 € / ca. 1.400 €
Motor & DrehmomentHecknabenmotor (75 Nm mit Boost-Button)Hecknabenmotor (75 Nm mit Boost-Button)
SensorDrehmomentsensorDrehmomentsensor
SchaltungShimano Altus 8-GangShimano Tourney 7-Gang
BremsenHydraulische ScheibenbremsenHydraulische Scheibenbremsen
Akku-Kapazität720 Wh648 Wh
Gewicht26,5 kgÜber 33 kg
Ladegerät4A Schnelllader (ca. 3,5 - 4 Std.)8A Superschnelllader (ca. 2,5 Std.)
Federung50 mm Front-FedergabelVollfederung (Front & Heck)

Das O20 Boost verbessert gleich zwei Dinge, die ich beim L20 3.0 Boost noch kritisierte: Es ist deutlich leichter und bietet acht statt sieben Gänge. Zudem ist sogar die Akkukapazität gewachsen.

Klar, dafür müsst ihr auf die Heckfederung verzichten und der Akku lädt mit dem 4A-Lader etwas gemächlicher als beim großen Bruder.

Soweit zu den Daten auf dem Papier. Doch wie fährt sich das neue Modell in der Praxis?

Das Engwe O20 in seiner vollen Pracht in der Farbe Blau. Das Engwe O20 in seiner vollen Pracht in der Farbe Blau.

Fahrgefühl & Motorsteuerung: Überraschend feinfühlig

In dieser Preisklasse nutzen viele China-E-Bikes Tretsensoren, die den Motor digital und abrupt dazuschalten. Engwe spendiert dem O20 Boost jedoch einen Drehmomentsensor. Das Ergebnis in der Praxis: ein überwiegend natürliches Fahrgefühl.

Präzise Unterstützung: Wenn ihr sanft in die Pedale tretet, gibt sich auch der Motor handzahm. Tritt man an der Ampel kräftig rein, schießt die Unterstützung sofort los. Der Sensor braucht nur einen kurzen Moment, um wach zu werden.

Der smarte Algorithmus: Ein weiterer Pluspunkt ist die Software. Der Motor knallt bei der magischen Grenze von 25 km/h nicht abrupt die Bremse rein.

Engwe nimmt hier die erlaubte Toleranz mit, sodass sich das System erst bei etwa 25,7 bis 26 km/h algorithmisch sanft zurücknimmt. Wenn man gemächlich fährt, läuft das komplett fließend. Einen abrupten Abfall merkt man eigentlich nur, wenn man richtig schnell in die Pedale drückt.

Das Display ist schön groß und auch bei Sonne noch gut ablesbar. Das Display ist schön groß und auch bei Sonne noch gut ablesbar.

Vor allem auf den Stufen 1-3 (von 5) fährt sich das O20 Boost beinahe butterweich. Auf der höchsten Assistenzstufe sind die Wechsel etwas spürbarer, aber immer noch im Rahmen.

Der Boost-Button entfesselt übrigens temporär das volle Drehmoment, entspricht also einem schnellen Schalten auf Stufe 5 – praktisch etwa bei steilen Bergen, die das O20 Boost problemlos meistert.

Die Gangschaltung: Beim L20 3.0 Boost wurde die Trittfrequenz ab 25 km/h viel zu hoch, da dort nur ein 7-Gang-Werk verbaut ist. Das O20 Boost rüstet hier spürbar auf und setzt auf ein Shimano Altus 8-Gang-Schaltwerk.

Dank des zusätzlichen achten Gangs lässt sich das Bike selbst bei 30 km/h und darüber hinaus noch absolut angenehm treten, bevor mir die Trittfrequenz zu hoch wird.

Für den kompetitiven Preis musste Engwe jedoch auf ein Schaltwerk der Einsteigerklasse zurückgreifen – funktional, aber gegebenenfalls nicht ideal ab Werk eingestellt (wie bei mir).

Meckern auf hohem Niveau: In den höheren Unterstützungsstufen oder bei sehr starkem Antritt läuft der Motor gefühlt eine halbe Sekunde nach, wenn man mit dem Treten aufhört. Nicht perfekt, in dieser Preisklasse aber erwartbar.

Zudem ist der Motor unter Last und bei höherem Fahrergewicht deutlich hörbar, aber noch im Rahmen.

Ergonomie & Zuladung: Passt der Zwerg auch Riesen?

Bei kompakten Falt-E-Bikes gibt es oft berechtigte Zweifel, was die Belastbarkeit und die Sitzposition angeht. Engwe räumt hier beim O20 Boost aber erfreulich viele Bedenken beiseite:

  • Ein echtes Arbeitstier: Die maximale Traglast liegt bei stattlichen 150 kg. Das ist für ein Klapprad ein sehr starker Wert und zeigt, dass der Rahmen ordentlich stabil gebaut ist.
  • Der Gepäckträger im Limit: Wer schwere Einkäufe transportieren will, muss allerdings etwas haushalten. Der integrierte Heckträger ist offiziell nur für maximal 15 kg zugelassen. Für die tägliche Pendlertasche reicht das locker, für den Wocheneinkauf inklusive Getränkekiste wird es eng.

Dank der flexiblen Schnellspanner lassen sich sowohl die Lenkerstange als auch der Sattel massiv in der Höhe verstellen. Engwe setzt hier auf eine etwas größere Rahmengeometrie als bei klassischen, super-kompakten Klapprädern.

Das sorgt für ein sehr angenehmes Fahrgefühl. Wer sich um die 1,70 m bis 1,85 m bewegt, sollte problemlos eine ergonomische und bequeme Sitzposition finden. Erst wenn ihr die 1,90-Meter-Marke knackt, solltet ihr vorab probesitzen.

Komfort, Offroad & Die Bremsen

Obwohl das O20 Boost im Gegensatz zum L20 3.0 Boost auf eine Heckfederung verzichtet, ist der Fahrkomfort hoch.

Die 50 mm Front-Federgabel mit einstellbarem Lockout macht im Zusammenspiel mit den 20 x 2,125 Zoll dicken Urban-Hybridreifen einen super Job.

Kieselsteine, Waldwurzeln, Schotter und Feldwege bügelt das Rad weitestgehend glatt. Selbst städtisches Kopfsteinpflaster ist machbar (wenn auch auf Dauer kein Spaß, klar).

Schotterwege? Kein Problem! Schotterwege? Kein Problem!

Schön auch, dass Engwe trotz des Preises auf hydraulische Bremsen mit 160 mm großen Scheiben setzt. Dadurch kommt ihr jederzeit sicher zum Stehen.

Einziger kleiner Wermutstropfen: Die vordere Bremse zeigte sich bei mir zickig und musste mehrmals penibel eingestellt werden, weil sie permanent schleifte.

Die Frontfedergabel lässt sich sperren. Die Frontfedergabel lässt sich sperren.

Faltmechanismus, der Ständer & das Kabel-Gate

Das O20 Boost lässt sich mit wenigen Handgriffen leicht zusammenklappen: Sowohl an Lenker und Rahmen befinden sich sichere, robuste Arretierungen, die mit einem Handgriff geöffnet werden. Zwei Magnete an den Rädern halten das Bike im gefalteten Zustand sicher zusammen.

Beim Thema Usability zeigt sich jedoch Licht und Schatten:

Der Doppelbein-Ständer: Er ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits ist er im Alltag beim Rangieren etwas fummelig, weil man das Bike beim Einklappen physisch darüberheben muss – was durchaus mit etwas Kraftaufwand verbunden ist.

Andererseits ist er beim eigentlichen Faltvorgang eine riesige Erleichterung. Er sorgt dafür, dass das Bike beim Zusammenlegen stabil auf dem Mittelständer steht und nicht unkontrolliert zur Seite kippt.

Zusammengefaltet und dank Flügelständer sicher aufgestellt: Das O20 Boost lässt sich schnell kompakt verstauen. Zusammengefaltet und dank Flügelständer sicher aufgestellt: Das O20 Boost lässt sich schnell kompakt verstauen.

Thema Transport & Gewicht: Mit 26,5 kg ist das O20 Boost im Vergleich zum L20 3.0 Boost (über 33 kg) fast schon ein Leichtgewicht. Fürs tägliche Treppensteigen ist es aber nichts.

Es per se mal eben im Kofferraum zu verstauen oder für die U-Bahn mitzunehmen ist möglich, erfordert auf Dauer aber dennoch ordentlich Muckis.

⚠️ Kritischer Schwachpunkt: Das Kabelmanagement

Ein Aspekt, der mir im Test auffiel: Im Faltgelenk des Rahmens sind die Kabel trotz Fixierung nicht ausreichend geschützt. Beim Falten kann es passieren, dass ein Stück Kabelbinder oder gar das Kabel eingeklemmt werden.

Das ist eine potenzielle Gefahrenstelle im Alltag. In meinem Testzeitraum ist hier tatsächlich ein Kabel kaputtgegangen. Der Hersteller hat auf Nachfrage versprochen, in der Serienproduktion an dieser Stelle nachzubessern. Ob das so ist, kann ich nicht beurteilen. Hier solltet ihr aber genauer hinschauen. Dieser Punkt kostet dem E-Bike eine höhere Wertung.

Die Kabel sind fixiert, aber nicht ausreichend geschützt und manchmal dennoch zu locker. Die Kabel sind fixiert, aber nicht ausreichend geschützt und manchmal dennoch zu locker.

Akku, Reichweite und die kleinen Budget-Mängel

Der dicke 720 Wh Akku ist hinter dem Sitzrohr verbaut und lässt sich zum Laden mit dem Schlüssel leicht entnehmen.

Praktisch: Der Akku besitzt eine eigene Power-Taste, um direkt per Knopfdruck den Ladestand zu checken. Das mitgelieferte 4A-Schnellladegerät pumpt den Energiespeicher in knapp 4 Stunden wieder komplett voll.

In Sachen Reichweite verspricht Engwe optimistische 141 Kilometer in der niedrigsten Stufe. Realistisch betrachtet – bei moderatem Fahrergewicht und gemischten Stufen – dürfte das Bike im Alltag locker Richtung 100 Kilometer durchhalten. Wie weit ich mit einer kompletten Ladung kam, reiche ich in einem Test-Update nach.

Ein cooler Bonus: Engwe legt einen smarten Tracker im Lieferumfang bei. Dieser funktioniert sowohl mit iOS als auch mit Android-Geräten und ist ein wichtiges Plus – abgesehen vom Tracker gibt es nämlich keinerlei Diebstahlschutz.

Wo der Rotstift dennoch nervt:

  • Keine Prozentanzeige: Wie schon beim L20 3.0 Boost und L20 verzichtet Engwe auf eine präzise Prozentangabe im Display. Die Restreichweite wird lediglich in ungenauen Balken angezeigt. Ich verstehe es nicht!
  • Ergonomie am Lenker: Für meine kleinen Hände ist die Bedieneinheit ein bisschen zu weit weg platziert. Ich müsste die Klingel verlegen und die Bedieneinheit näher an die Griffe platzieren.
  • Schade zudem: Das Rücklicht bietet im Gegensatz zum L20 3.0 Boost keine automatische Bremslichtfunktion. Immerhin: Reflektoren für vorne und hinten sowie zwei Katzenaugen liegen dem Lieferumfang bei. Das Rad ist StvZO-tauglich.

Die meisten Elemente der Bedieneinheit wie den Boost-Button erreiche ich mit meinen kurzen Daumen nicht. Die meisten Elemente der Bedieneinheit wie den Boost-Button erreiche ich mit meinen kurzen Daumen nicht.

Fazit: Für wen lohnt sich das Engwe O20 Boost?

Das Duell mit dem großen Bruder ist ein echtes Kuriosum: Rein auf dem Papier und bezogen auf den Preis deklassiert das Engwe O20 Boost das teurere L20 3.0 Boost in fast jeder Kategorie.

Es bringt für knapp 1.100 Euro die bessere Schaltung (8 Gänge statt 7), einen größeren Akku (720 Wh statt 648 Wh), wiegt deutlich weniger und liefert direkt einen brauchbaren Tracker für iOS und Android mit. Auch das Fahrgefühl mit dem feinfühligen Drehmomentsensor und dem sauberen Motor-Algorithmus ist auf sehr gutem Niveau.

Das Werbeversprechen von Keine Kompromisse wird dennoch verfehlt – und das liegt an einem einzigen, aber kritischen Detail. Dass im Test die Kabelführung im Faltgelenk aufgrund eines kurzen unachtsamen Moments von mir kapituliert hat, ist ein Mangel in der Qualitätssicherung, den Engwe dringend beheben sollte (und auch versprach zu tun).

Davon abgesehen: Wer ein agiles, kraftvolles Falt-E-Bike sucht, bekommt hier dennoch das derzeit vielleicht beste Preis-Leistungs-Paket auf dem Markt. Sollte Engwe das Kabelproblem angehen, heben wir die Wertung gegebenenfalls an.

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