Es ist ein früher Morgen, irgendwo im alten Mesopotamien. Ein Händler sitzt über einer Tafel aus Ton, daneben geschliffene Steinchen, mit denen er seine Schulden und Einnahmen sortiert. Jeder Stein bedeutet einen Betrag, jede Verschiebung eine neue Berechnung. Was uns heute fast archaisch vorkommt, war damals eine Revolution: der Abakus (von griechisch abax = Tafel, Brett).
Seit jeher ringt der Mensch mit Zahlen – sie sind das unsichtbare Gerüst unserer Welt, das Maß für Handel, Zeit, Land und sogar für die Sterne am Himmel.
Aber wie zähmt man etwas so Abstraktes wie eine Zahl? Zunächst mit Fingern, später mit Hilfsmitteln. Lange, bevor Computer Milliarden Rechenoperationen pro Sekunde vollführten, begannen unsere Vorfahren, Werkzeuge zu entwickeln, die ihnen halfen, Ordnung ins Zahlenchaos zu bringen.
Die Geburt des Abakus
Die ersten Spuren dieses genialen Rechenhelfers finden sich bei den Sumerern, irgendwann zwischen 2700 und 2300 v. Chr. Ihre Maschine
bestand nicht aus Zahnrädern oder Stromkreisen, sondern aus Linien in Stein und kleinen Markern aus Schilfrohr.
Mit ihnen rechneten sie in ihrem Sexagesimalsystem, einem Zahlensystem zur Basis 60. Die Babylonier griffen die Idee später auf und verfeinerten sie. Und noch heute leben ihre Zahlen in jeder Uhr und jedem Gradmaß weiter: 60 Minuten, 60 Sekunden, 360 Grad eines Kreises.
Doch nicht nur Mesopotamien entdeckte den Abakus. Er tauchte auch in anderen Teilen der Welt auf. In China reichen die ältesten Funde bis ins Jahr 1100 v. Chr. zurück.
Später wanderte er auch nach Europa, wo er – in einer dezimalen Variante (Zahlensystem zur Basis 10) – noch bis ins 17. Jahrhundert als Werkzeug von Kaufleuten und Gelehrten genutzt wurde.
Über weit mehr als 4.000 Jahre blieb seine Funktionsweise erstaunlich konstant und unübertroffen: Zahlen ließen sich mit einem Fingerschnippen
verschieben, addieren und ordnen, ganz ohne Papier, ganz ohne Elektrizität.
Wie schnell war man mit diesem Wunderwerk
?
Ein geübter Nutzer schaffte etwa 20 Rechenoperationen in der Minute – rund 0,33 FLOPS (Floating Point Operations Per Second, Gleitkommaoperationen pro Sekunde), wie wir heute sagen würden. Im Vergleich zur brachialen Rechenleistung moderner Prozessoren wirkt das fast wie eine Träne im Ozean.
Eine aktuelle Nvidia RTX 5090 stemmt über 105 Billionen Operationen pro Sekunde (105 TFLOPS). Sie ist also rund 318 Billionen Mal schneller als ein Händler, der seine Steinchen über den Abakus schiebt. Und nicht nur schneller: Sie bewältigt auch Aufgaben, die der Abakus niemals hätte lösen können. Etwa komplizierte Berechnungen mit reellen Zahlen und vielen Nachkommastellen.
Selbst die großen Gelehrten der frühen Neuzeit im 17. Jahrhundert – Schickard, Pascal, Leibniz – hätten sich wohl nicht träumen lassen, dass ihre mechanischen Rechenmaschinen, einst als Ablöser des Abakus gedacht, einmal in den unvorstellbaren Dimensionen moderner Grafikkarten aufgehen würden.
Das lange Leben des Abakus
Und doch: Der Abakus ist nicht verschwunden. In Teilen Afrikas dient er noch immer als erschwingliches Rechenwerkzeug.
In China und Japan lernen Kinder weiterhin, die Kugeln über die Stäbe schnellen zu lassen. Weniger aus Notwendigkeit, mehr als Schulung für Kopf und Geist. Denn wer den Abakus beherrscht, dem fliegen
die Zahlen auch schneller zu.

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