Ach, Fallout 4. Das Ödland von Boston wird immer zu meinen Lieblings-Spielwelten gehören, aber bei der Hauptquest des Rollenspiels ließ Bethesda dann doch einiges an Potenzial liegen. Dabei stecken in der Geschichte um das Institut so viele aufregende Ansätze: Der dramatische Start des Spiels vor dem Abwurf der Bomben, die ethischen Fragen rund um die Menschlichkeit der Synths, der Prototyp Nick Valentine mit den Erinnerungen eines Vorkriegs-Polizisten.
Fallout 4 macht daraus zu wenig und die Geschichte lässt mich trotz des emotionalen Auftakts über weite Strecken eher kalt. Doch das ändert sich jetzt mit Fever Dreams. Diese neue Questreihe ist zwar kein Teil der Hauptquest, aber schon nach einer Stunde wünschte ich, es hätte sie schon von Anfang an gegeben.
Entführt und ausgeraubt
Fever Dreams ist eine Questreihe (beziehungsweise eine sehr lange Quest), die Bethesda in Zusammenarbeit mit der Modder-Gruppe Kinggath Creations veröffentlicht hat. Kinggath kennt ihr unter anderem vielleicht von der Riesenmod Sim Settlements, die das Siedlungssystem von Fallout 4 erweitert und komplett umkrempelt. Dank der hohen Produktionsqualität und den eingebauten Zwischensequenzen wirkt Fever Dreams aber meistens nicht wie eine Mod, sondern wie ein vollwertiger Teil des Spiels!
Fever Dreams selbst spielen
Fever Dreams ist als kostenlose Creation verfügbar, ihr müsst die Mod also über die Creations im Hauptmenü von Fallout 4 mit einem Klick herunterladen und könnt sie anschließend spielen. Abhängigkeiten von anderen Mods gibt es nicht, Kompatibilitätsprobleme sind ebenfalls nicht bekannt.
Um die Quest zu beginnen, müsst ihr euch nach Diamond City begeben. Auf dem Hauptplatz der Stadt wartet ein Roboter des Typs Mr. Gutsy. Sprecht mit ihm, um Fever Dreams zu starten. Vertont ist die Questreihe leider nur auf Englisch.
Außerdem geht die Questreihe in eine ganz andere Richtung: Hier lande ich nämlich unverhofft in einer geheimen Militärbasis und werde all meiner Besitztümer beraubt. Ich muss mich also nur mit dem, was ich in der Anlage finde, durch ein verlassenes Forschungslabor kämpfen. Mit gesammelten Tokens kann ich mir unterwegs bessere Ausrüstung an Automaten kaufen und bin so - hoffentlich - den kommenden Herausforderungen gewachsen.
Das allein ist schon ein motivierender Ansatz und eine erfrischende Abwechslung für meinen Endgame-Charakter, der sonst einfach alles mit seinem modifizierten Gaussgewehr wegbrutzelt und dank Powerrüstung selbst spielend mit einem Rudel Todeskrallen fertig wird. Aber Fever Dreams fasziniert mich aus einem ganz anderen Grund.
Dieses Gespräch war überfällig
Der Anfang von Fallout 4 ist für unsere Spielfigur mehr als dramatisch: Innerhalb weniger Minuten verliert sie ihr Haus, ihre ganze Welt, ihre große Liebe und ihren Sohn. Dann wacht sie in einer tödlichen Postapokalypse auf und muss erfahren, dass inzwischen 200 Jahre vergangen sind. Die größte Überraschung von Fallout 4 ist eigentlich, dass unser Held oder unsere Heldin nicht sofort auch noch den Verstand verliert.
Über den Verlauf der Story werden diese traumatischen Erlebnisse zwar immer wieder angesprochen, aber so wirklich verarbeiten kann ich als Nate oder Nora meine Vergangenheit nie wirklich. Dabei wäre das die perfekte Gelegenheit, unserer Geschichte und Figur mehr emotionale Tiefe zu geben! Und diese Chance ergreift jetzt Fever Dreams.
Unter Umständen, die ich nicht spoilern möchte, treffen wir in Fever Dreams unseren verstorbenen Ehepartner. Unsere Spielfigur bekommt endlich die Gelegenheit, über den schockierenden Tod nachzudenken und all das auszusprechen, was im Ödland erstmal unter den Teppich gekehrt werden musste. Die beiden Synchronsprecher haben sich hier richtig reingehängt und liefern bewegende Dialoge voller Emotionen ab - die auch richtig gut geschrieben sind.
Ob das für meine Spielfigur jetzt eher wie Therapie oder doch nur eine Retraumatisierung ist, sei dahingestellt. Aber für mich kamen genau solche persönlichen, menschlichen Momente in der Hauptstory von Fallout 4 viel zu kurz. Auch wenn es irgendwie zur Postapokalypse passt, dass so etwas hinten angestellt wird.
Ständig geht es nur darum, irgendwelchen Fraktionen zu helfen und nach Technologie zu suchen, aber was ist eigentlich mit den enormen Verlusten, die wir erleiden mussten? Der Welt, die vor unseren Augen zerbrach? Dem Schock, dass unser Kind ohne uns aufgewachsen und alt geworden ist?
Fever Dreams kann es nicht mehr ändern, dass Fallout 4 diese Themen weitgehend ignoriert. Aber es liefert mir Momente, die mich wirklich bewegen und das ist im Ödland eine Seltenheit.
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