Wer in Fallout: New Vegas bereits mit Caesar's Legion zu tun hatte, weiß: die Burschen sind keine besonders angenehmen Zeitgenossen. Beim ersten Aufeinandertreffen mit dieser Fraktion sind die Möchtegern-Römer in der Kleinstadt Nipton gerade dabei, ein paar Pulverbanditen zu kreuzigen und begrüßen unseren Spielcharakter regelmäßig mit der netten Androhung, auch uns bald diesem Schicksal zuzuführen.
Die Legion ist eine totalitäre Gruppe von Sklavenhaltern, die sich den Idealen des einstigen Römischen Reiches verschrieben haben. Zumindest verkauft es der charismatische Diktator Caesar (ehemals Edward Sallow) seinen Anhängern gegenüber so: Unnachgiebige Härte und Gehorsam sollen Ordnung in das Chaos der postnuklearen Welt bringen und so einen neuen »Pax Romana«, einen römischen Frieden erzwingen. Demokratie lehnt die Legion strikt ab.
Doch trotz ihrer unmenschlichen Methoden gilt die Legion dank Caesars philosophischer Argumentation bis heute als eines der faszinierendsten Beispiele für gut geschriebene Rollenspiel-Antagonisten.
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Keine Abziehbild-Schurken
Genau diese Faszination war Absicht – bereitet dem Schöpfer von Caesar heute allerdings mehr Kopfzerbrechen denn je. In einem Interview mit PC Gamer blickt Obsidians damaliger Lead Writer John Gonzalez auf seine Arbeit an News Vegas zurück und gibt zu, dass er sich mittlerweile fragt, ob er bei Caesar nicht etwas zu gute Arbeit geleistet hat.
Sein damaliges Ziel: Er wollte keinen eindimensionalen Bösewicht erschaffen, sondern jemanden, der ein »robustes Argument für den Autoritarismus« liefern kann. Gonzalez erklärt seine Philosophie beim Schreiben folgendermaßen:
»Wenn man eine Geschichte schreiben will, in der eines der Hauptthemen Freiheit ist, also die Freiheit von Tyrannei, kann man seine Tyrannen nicht einfach zu Pappkameraden machen. Man muss sie auf irgendeine Weise so substanziell wie möglich gestalten.«
- John Gonzalez (Lead Writer, Fallout: New Vegas)
Nur wenn der Schurke auch starke Argumente habe, sei die Geschichte mehr als nur Propaganda. Wer sich im Spiel auf ein Gespräch mit Caesar einlässt, bekommt deshalb keine stumpfen Parolen zu hören, sondern einen tiefen Einblick in dessen politischen Theorie – bis hin zur Hegelschen Dialektik. Das Konzept besagt, dass sich Geschichte und Denken nicht geradlinig, sondern durch stetige Konflikte weiterentwickeln.
Dass Caesar so gebildet daherkommt, liegt an seiner Hintergrundgeschichte als ehemaliges Mitglied der »Anhänger der Apokalypse«. Zu den philosophischen Exkursen Caesars habe ihn aber Game Director Josh Sawyer inspiriert, erklärt Autor Gonzales: »Es ist kaum möglich, einen Tag mit Josh zu verbringen, ohne von Hegelscher Dialektik zu hören.«
Würde heute davon abrücken
Doch Caesars charismatische Argumentation für den Autoritarismus hat eine Schattenseite, die Gonzalez heute, angesichts des sehr realen politischen Aufstieges faschistischer Bewegungen überall auf der Welt, kritischer sieht: »Ich denke mir mittlerweile: Könnten wir davon vielleicht etwas abrücken?«
Denn was als nuancierter Bösewicht für ein Videospiel gedacht war, wird im Internet oft (bewusst) missverstanden oder sogar als Vorbild zur Rechtfertigung autoritären Gedankenguts genommen. Auf Reddit und anderen Social-Media-Plattformen stolpert man immer wieder über User, die Caesars Argumente für »Stabilität um jeden Preis« völlig unironisch verteidigen.
Dass Spieler sich auch heute noch über die Ideologien im Ödland streiten, zeigt jedoch auch, wie außergewöhnlich gut das Writing von New Vegas damals war. Denn die einzelnen Fraktionen mit ihren Ideologien halten dem Spieler einen Spiegel vor – auch wenn der Blick hinein manchmal ganz und gar nicht angenehm ausfällt.
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